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Kurt Riemhofer war jahrzehntelang Justizvollzugsdekan in München-Stadelheim und Ortsgeistlicher in Egmating. 

Neujahrsempfang

Wegschaukultur in Egmating: Wem dieser Pfarrer alles nicht dankt

Düster waren sie, diese Worte. Dekan Kurt Riemhofer stellte zur Eröffnung des Neujahresempfangs in Egmating all das in den Raum, wofür er den Bürgern – nicht – dankbar ist. Erst zum Schluss gab es Dank für Ehrenamtliche und Kollekten-Sammler.

Egmating– „Wir leben in einer Wegschaukultur“ beanstandete der Pfarradministrator der Katholischen Pfarrei St. Johann Baptist und Michael in Egmating die momentanen Zustände in Gesellschaft und Ort. Die Kritik des Geistlichen umfasste nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens. „Ich danke all den Menschen – nicht –, die keine Rettungsgassen bilden, die bei Unfällen gaffen und Rettungspersonal behindern.“

Seit vier Jahren erlebt der Pfarrer auf Spaziergängen mit seinem Hund durch die Egmatinger Gemeinde allerlei, für das er nicht danken möchte. „Jeder Meter wird mit dem Auto gefahren, dafür danke ich – nicht –, auch all denen, die vergessen, dass die Straße kein Mülleimer ist, danke ich ebenfalls – nicht.“ Der Pfarrer berichtete über ein konkretes Erlebnis, für das er nicht dankbar ist: „Ein Autofahrer bremste an der Schule erst so kurz vor einem der Schulweghelfer ab, dass er diesen noch mit der Stoßstange berührte. Statt sich zu entschuldigen, machte der Mann den Schulweghelfer noch dafür verantwortlich, dass er nun zu spät zur Arbeit kommt.“ Auch den Reitern mit Hunden, die Pferdeäpfel und Hundekot auf ihren Ausritten zurücklassen, dankte Riemhofer nicht. Den Menschen, die zum Jahresende Silvesterraketen steigen lassen, den Müll aber anschließend auf der Straße zurücklassen, dankte der Pfarrer nicht. Hier dankte der Geistliche den Gemeindearbeitern und Nachbarn, die den Dreck weggeräumt haben. 50 bis 60 abgebrannte Friedhofslichter findet der Geistliche jährlich in der Hecke des Friedhofes. Dazu verwelkte Blumensträuße, auch kleine Gestecke und rund um Gräber und Wege verstreute Zigarettenstummel. „Und das, obwohl in Egmating die Friedhofsgebühren günstiger sind als im gesamten Landkreis!“. Denen, die Müll am Friedhof hinterlassen, dankte der Pfarradministrator nicht.

Riemhofer empfindet intensiv, wie er sagte, dass sich viele Menschen rücksichtslos in den Vordergrund stellen, und nicht bereit sind, sich in die Gesellschaft einzubringen. So dankte der Geistliche all den Menschen – nicht, die kein Herz zeigen für die Not ihrer Mitmenschen, ob im Ort oder in Krisengebieten der Welt. Ehemaligen Mitgliedern, die aus der Kirche ausgetreten sind, danke Riemhofer ebenfalls – nicht. „Aber dennoch wollen alle in Katholischen Ordenskrankenhäusern, die die beste Pflege anbieten, gepflegt werden“.

Dann wandte sich der Geistliche kurz denen zu, die seinen Dank verdient haben. Er dankte den Ehrenamtlichen für die unentgeltliche Arbeit im Ort, in den Vereinen, in der Nachbarschaftshilfe und in der Pfarrei. Riemhofer dankte den Sternsingern, die 3500 für ein Lehrlingsheim in Kambodscha sammelten und lobte bescheidene Menschen, die ohne ein großes Aufheben zu machen, einfach helfen.

Zum Ende seiner Ansprache rief Pfarrer Riemhofer die Anwesenden auf, Mut zur „geschwisterlichen Zurechtweisung“ zu zeigen. „Es gehört zur Gemeinschaft dazu, darauf hinzuweisen, was richtig wäre zu tun. Das ist Gewissensschulung“.

Susann Niedermaier

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