Hat eine glasklare Meinung und kennt die Schulwirklichkeit damals und heute: Käthe Polz im Gespräch mit ihrem Forstinninger Exschüler Christophe Rude. Vorne ein alter Schultisch, den der Verein „Mach mit“ zu Dekorationszwecken besorgt hatte. Foto: jödo

Eine Lehrerin (84) erinnert sich

Forstinning - Schulalltag in den 1950er Jahren - Schule heute. Vieles hat sich in den sechs Jahrzehnten verändert. Eines aber ist geblieben: Die Tatsache, dass engagierte Lehrer noch immer das allerbeste Bildungskonzept darstellen. Käthe Polz erinnert sich beim Forstinninger Erzählkreis.

Ganz gelassen sitzt sie da in ihrem Sessel. Cool würde man heute sagen. Aufregung? Nicht die Spur. Jedenfalls nicht äußerlich erkennbar. Käthe Polz hat schon so oft vor einem größeren Auditorium gesprochen. Besonders zwischen 1953 und 1993, als sie vorwiegend die Erst- und Zweitklässler in Forstinning unter ihren Fittichen hatte. Da schleift sich Routine ein beim Reden vor einer Zuhörerschaft. Auch wenn die an diesem Abend nicht aus Kleinkindern besteht, sondern aus gut 70 älteren Forstinningern. Die sind in den Mehrzweckraum des Sportzentrums in die Aicherstraße gekommen, um zuzuhören, was Käthe Polz zu erzählen hat vom Schulalltag früher - vom Lernen direkt nach dem Krieg.

Der Verein „Mach mit“ hat eingeladen zu seinem zweiten Erzählstüberl. Die Grundidee: Zwei Forstinninger sitzen in wohnzimmerähnlicher Atmosphäre beisammen und plaudern über Früheres. Einer als Fragensteller, einer/ oder eine als Erzähler/in.

Hier und heute stellt Christophe Rude die Fragen. Der junge Mann war früher einmal Mitarbeiter dieser Zeitung, inzwischen ist er Leiter der Akademie „Kinder philosophieren“ in München, frisch gebackener Papa und seit kurzer Zeit wieder Forst-inninger. Und er war Exschüler bei Käthe Polz, die ihm das Lesen und Schreiben beibrachte.

Mit im Publikum sitzen weitere Exschülerinnen der heute 84-Jährigen. „Haben Sie sich vorgenommen, eine strenge Lehrerin zu sein“, steigt Rude in den Dialog ein. Und bekommt das zu erwartende „Nein“ als Antwort. Um Gerechtigkeit sei es ihr immer gegangen, fügt Käthe Polz an. Manche im Saal nicken zustimmend. „Ich habe mich immer bemüht um die, die Hilfe nötig hatten“, fügt die gebürtige Kirchseeonerin an. Und bei dieser ganz persönlichen Zielsetzung sei ihr die damalige Schulwirklichkeit mit der ersten und zweiten Klasse in einem Raum durchaus sehr entgegengekommen.

Die Überschaubarkeit einer Dorfschule, das Familiäre, das Arbeiten in einer vertrauten Umgebung („Man war zufrieden mit dem, was man hatte, und so geht es mir heute noch“) seien Pluspunkte gewesen, die bei ihr, Käthe Polz, nie den Wunsch aufkommen ließen, auch einmal anderswo zu arbeiten; etwa in München.

Erst recht nicht, nachdem sie 1957 ihren Kollegen Josef kennenlernte und sich in ihn geliebte. („Für mich und meinen Mann war das Leben in Forstinning gemütlich und schön“). Fortan war es wohl das Ehepaar Polz, das das örtliche Schulleben prägte. Als würdige Nachfolger sozusagen eines ganz Großen der Pädagogenbranche, Georg Kerschensteiner. Den hatte Käthe Polz natürlich nie persönlich kennenlernen können. Wohl aber ist ihr berichtet worden, wie der später berühmte Pädagoge als kleiner Dorfschulgehilfe 1871 nach Forstinning kam und hier von seinem Vorgesetzen als „Bürscherl“ abgekanzelt worden sein soll. Dass Kerschensteiner später wegweisende Bedeutung in der Schulpädagogik haben sollte, ahnte damals noch niemand. Wesentlich ist für Kerschensteiner, den Kindern mehr Wollen und Können statt Wissensfülle zu lehren sowie Anschauung und Selbsttätigkeit zu fördern. Ein Leitfaden, den auch die Eheleute Polz verinnerlicht zu haben schienen. Ihr Motto in Forstinning hieß stets: „Immer langsam voran.“

Die ganz Kleinen waren es, denen Käthe Polz die ganz große Aufmerksamkeit schenkte. Und das sei nie eintönig gewesen. Warum nicht? Damals, berichtet die zweifache Mutter, habe es keine Kindergärten gegeben, die Buben und Mädchen seien quasi unbedarft in die Volksschule gekommen. Wenn sie am Ende des ersten Schuljahres lesen konnten, sei das nicht nur eine Freude für die Kinder gewesen, sondern auch für sie als Lehrerin eine Bestätigung, richtig gearbeitet zu haben. Es sei, so die 84-Jährige weiter, immerhin noch eine Zeit gewesen, in der das Elternhaus weniger Druck auf die Kleinen ausgeübt habe als heute. Heutzutage wünsche man sich als Pädagoge, dass in manchem Elternhaus mit Blick auf die Schulausbildung der Kinder mehr Gelassenheit einzöge.

Und noch ein schulpolitisches Begehren äußert Käthe Polz beim Erzählkreis am Sonntagabend (für 2014 kündigte Monika Neubauer von „Mach mit“ weitere Runden an): „Ich hatte mir damals gewünscht, dass man der Hauptschule mehr Aufmerksamkeit geschenkt und sie mehr gefördert hätte.“ Das Schulsystem habe es versäumt, die handwerklich Tüchtigen zu unterstützen.

Jörg Domke

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