Seit elf Jahren Ansprechpartner für Langzeit-Gefangene

Der einzige Kontakt zur Außenwelt: Plieninger besucht ehrenamtlich Häftlinge

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Pliening – Er geht freiwillig hinter Gitter: Rudolf Repges (58) aus Pliening besucht und begleitet Strafgefangene, die jahrelange Haftstrafen absitzen und niemanden sonst haben. Sein Ziel: Die Verurteilten sollen, sobald sie freikommen, nicht mehr straffällig werden, sondern zurück in die Gesellschaft finden. 

Rudolf Repges (58) auzs Pliening. Er besucht ehrenamtlich Strafgefangene und hilft bei ihrer Resozialisierung.

Als sein Gegenüber mit folgender Gegenfrage antwortete, war Rudolf Repges sprachlos: „Traurig? Was ist das: traurig?“ Bei diesen Worten sah ihn der Häftling mit leeren Augen an. Repges hatte von dem zu lebenslanger Haftstrafe Verurteilten wissen wollen, ob er denn traurig sei. „Das Gegenteil ist fröhlich“, sagte der Besucher zum Gefangenen, und: „Waren Sie denn schon einmal fröhlich?“ Die Antwort: „Was ist das?“

Rudolf Repges ist einer von rund 600 Ehrenamtlichen in Bayern, die regelmäßig Strafgefangene besuchen. Jene, die seit vielen Jahren im Gefängnis sitzen und die keinerlei sozialen Kontakte mehr nach draußen haben. „Es ist unvorstellbar, aber bei manchen ist jegliche Art von Gefühlen verloren gegangen“, erzählt der 58-jährige Plieninger. Sieht er sich die Lebensläufe seiner Klienten an, scheint es bei manchen sogar, als hätten sie niemals Gefühle gehabt oder erlebt.

Repges kam völlig unverhofft zu seinem Ehrenamt - Anlass: ein Zeitungsinterview

So, wie die Jungfrau Maria unverhofft zu ihrem Kind gekommen war, so ist Rudolf Repges eigenen Worten zufolge zu seiner ehrenamtlichen Tätigkeit gekommen. Vor zwölf Jahren las der hauptberufliche Trambahnfahrer ein Zeitungsinterview mit einem Gefangenen, der eine lebenslange Haftstrafe absitzt. Er berichtete, dass sich alle von ihm abgewandt hatten, es kam kein Besuch mehr, keine Post, nichts. Der einzige Mensch, mit dem er regelmäßig hat sprechen können, war ein Mitglied des Vereins Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug Bayern (LAG). „Das hat mich sehr berührt“, erzählt der Plieninger.

Er meldete sich bei der LAG. Nachdem er umfassend geprüft (beispielsweise, ob Einträge im Bundeszentralregister vorhanden sind) und auf die Tätigkeit vorbereitet worden war, erhielt er die erste Anfrage. „Unser Dienst ist für die Gefangenen freiwillig. Der Häftling muss von selbst kommen und den Kontakt beantragen.“ Dies geschieht über den Kontaktbeamten in der Justizvollzugsanstalt. Sind sämtliche Vorgaben hinsichtlich Person und Zustand des Häftlings geprüft, und hat das Justizministerium als letzte Instanz einem Kontakt zugestimmt, erhält die LAG die Bewerbung und leitet sie an Mitarbeiter weiter. „Es gibt so viele Bewerbungen“, sagt Rudolf Repges und spreizt seine Arme weit auseinander, „und so viele Ehrenamtliche.“ Jetzt berühren sich seine Hände fast.

Sieben Jahre betreute Repges einen Gefangenen - Beim letzten Besuch flossen Tränen

Der Plieninger erzählt von einem Russen, von einem „Prackl Mannsbild, Glatze, Hände und Finger tätowiert“, der sich vor vielen Jahren beworben hatte. Der Kontaktbeamte in der JVA Straubing (DAS Hochsicherheitsgefängnis Bayerns) hatte die LAG informiert, dass es sich „um einen schweren Fall“ handelt. Egal, Rudolf Repges nahm die Anfrage an und stattete dem Gefangenen einen ersten Besuch ab. Zum Kennenlernen. „Nach den ersten vier, fünf Treffen kann jeder Ehrenamtliche und Gefangene entscheiden, ob es weitergeht.“

Repges betrat das Besuchszimmer, an einem langen Tisch saßen fünf Strafgefangene nebeneinander, zu vier von ihnen hockte sich jeweils ein Besucher dazu, Repges wusste: Der, der übrig bleibt, ist meiner. Als er sich gegenüber des Russen hinsetzen möchte, stand dieser auf, streckte ihm die Hand entgegen und sagte, in gutem Deutsch: „Grüß Gott. Ich bin aufgeregt.“ Da war der ehrenamtliche Besucher baff. „Meine Antwort war: Ich auch.“

„Rudi, das Beste, was mir im Knast passiert ist, warst du“

Vier Jahre lang hat Rudolf Repges den Russen, der zu sieben Jahren Haft verurteilt worden war, besucht und betreut. Er war sein einziger sozialer Kontakt zur Außenwelt. „Beim letzten Besuch, kurz vor seiner Entlassung, sagte er zu mir: ,Rudi, das Beste, was mir im Knast passiert ist, warst Du’. Er hatte Tränen in den Augen.“

Der Plieninger, der selbst auch schon im Vorstand der LAG aktiv war, sieht die Arbeit der Ehrenamtlichen als „Betreuung hinter den Mauern“. Natürlich will er wissen, mit wem er es zu tun hat. Er lässt sich das Urteil zeigen, den Lebenslauf. Beim ersten Treffen fragt er sein Gegenüber stets: „Was steht denn ganz oben auf ihrem Urteil drauf?“ Antwort: „Na, dass ich verurteilt worden bin.“ Repges: „Nein, ganz oben steht: ,Im Namen des Volkes’. Sie sind auch in meinem Namen verurteilt worden, denn ich gehöre zum Volk. Jetzt aber schaut das Volk nach, wie es ihnen geht.“

„Unsere Betreuung ist wichtig für die Zukunft und den Opferschutz“

Das Allerwichtigste bei seiner Tätigkeit sei: Mensch und Tat trennen. „Unsere Betreuung ist wichtig für die Zukunft und den Opferschutz.“ Offizielles Ziel des Strafvollzuges ist: Dass der Entlassene ab sofort ein straffreies Leben führt. „Mein Ziel ist unter anderem, dass sich der Gefangene Gedanken über unsere Gespräche macht, wenn er stundenlang allein in seiner Zelle hockt.“

Der heute 58-Jährige Repges hat in den vergangenen elf Jahren sieben Häftlinge betreut – bis auf eine Ausnahme stets immer nur einen einzelnen über mehrere Monate, auch Jahre hinweg. Mehr ist psychisch nicht machbar. Repges begleitet die Verurteilten auch bei Freigängen („Es ist unglaublich, wie manche Männer bei ihrem ersten Freigang reagieren. Sie sind wie kleine Kinder.“) und bis zur Entlassung, sogar ein paar Monate darüber hinaus. Damit sie sich wieder in der Welt da draußen zurechtfinden und sich in die Gesellschaft eingliedern können. „Bis heute ist keiner von ihnen rückfällig geworden“, sagt Repges. Das ist für ihn die schönste Belohnung für seinen ehrenamtlichen Dienst.

Mehr Informationen zu Ehrenamt im Strafvollzug

Wer mehr über die Landesarbeitsgemeinschaft ehrenamtlicher Mitarbeiter im Strafvollzug Bayern erfahren möchte: www.ehrenamt-im-strafvollzug.de.

Rubriklistenbild: © dpa

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