Bericht: Linkin-Park-Sänger Chester Bennington ist tot

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Christine und Christoph Hirte in Tulling. Foto: jro

Von Eltern, die ihren Sohn ans Internet verloren haben

Tulling - Christine und Christoph Hirte haben ihren Sohn Paul (Name von der Red. geändert) verloren. Nicht an Drogen oder eine Sekte, wie sie sagen, sondern an das Internet-Rollenspiel namens „World of Warcraft“.

Seit zwei Jahren hat das Ehepaar aus Gräfelfing bei München keinen Kontakt mehr zu seinem 24-jährigen Sprössling. Bei einem Vortrag im Tullinger Dorfgemeinschaftshaus erzählte es auf Einladung der Steinhöringer CSU seine traurige Geschichte.

Vor einigen Jahren zog Paul für ein Informatikstudium nach Nordrhein-Westfalen. Die Eltern betonen, stets einen guten Kontakt zu ihrem Sohn gehabt zu haben, hörten aber im Laufe der Zeit immer weniger von ihm. „Auf SMS, Anrufe, E-Mails und Briefe hat er nicht mehr geantwortet. Wir machten uns große Sorgen“, erzählt Christine Hirte

Irgendwann rief dann Pauls Hausverwaltung an. Man habe sich Zugang zur Wohnung verschaffen müssen, da es einen Wasserrohrbruch gab. Zu diesem Zeitpunkt wohnt der junge Mann vorübergehend bei einer Freundin. Die Hausverwaltung fand eine verwahrloste Wohnung des Studenten vor, benachrichtigte die Eltern.

„Wir sind daraufhin zu der Wohnung von Pauls Bekannten gefahren und haben ihn überredet, mit nach Hause zu kommen“, berichtet Christoph Hirte. Es stellte sich heraus, dass ihr Sohn in der Zwischenzeit sein Studium abgebrochen, den Kontakt zu seinen alten Freunden verloren und den Großteil des Tages damit verbracht hatte, das Online Rollenspiel „World of Warcraft“ zu spielen.

Für die Eltern ein Schock: „Ein so begabter Junge schmeißt sein Leben hin und verschreibt sich einer virtuellen Welt. Er kauft nur noch das Nötigste ein und hat zwischendurch sogar Sozialhilfe bezogen“, sagt Christine Hirte. Die finanzielle Unterstützung haben die Eltern abgebrochen.

Systemverwalter Hirte und seine Frau konnten sich das Verhalten nicht anders erklären, als das ihr Sohn süchtig nach dem Spiel ist. Sie führten ein langes Gespräch mit ihm, versuchten ihn davon zu überzeugen, sein Leben zu ändern.

„Nach stundenlanger Diskussion ließ er sich darauf ein, sich einer Therapie zu unterziehen. Plötzlich jedoch stand er auf und ging mit den Worten, er könne seine Freunde im Spiel nicht im Stich lassen“, berichten die Hirtes verzweifelt. Seit diesem Gespräch vor zwei Jahren haben sie nichts mehr von Paul gehört. Ursachen für seine Sucht sehen die Eltern darin, ihrem Sohn vielleicht nicht die nötige Eigenständigkeit gegeben zu haben, um ein Leben außerhalb des behüteten Elternhauses führen zu können.

Der Vortrag, den die Hirtes in Tulling halten, ist routiniert. Das Ehepaar wird deutschlandweit eingeladen, um seine Geschichte zu erzählen. Per Powerpoint-Präsentation zeigen sie Ausschnitte aus dem Spiel. Sie lesen abwechselnd Briefe vor, die ihnen betroffene Eltern zugesendet haben. Auch Berichte von so genannten Aussteigern können sie vorweisen. Vater Christoph hat zudem eine Internetseite entworfen, um dem Problem der Internetsucht mehr Öffentlichkeit zu geben. Ihren Schätzungen zufolge sind rund 600 000 Kinder und Jugendliche von diesem Phänomen betroffen. Von Seite der Behörden kann man diese Zahlen weder bestätigen noch widerlegen, da es bislang noch keine fundierten Studien zu dieser Suchtproblematik vorliegen.

Hirtes jedenfalls fordern eine Freigabe der Onlinespiele ab 18, auch wenn die ihrem erwachsenen Sohn auch nicht geholfen hätte.

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