Rustikaler Charme: Die Bar im Saal des Gasthofs Bichler steht noch, die Schnapsspender sind allerdings leer.
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Rustikaler Charme: Die Bar im Saal des Gasthofs Bichler steht noch, die Schnapsspender sind allerdings leer.

Der legendäre Saal der Live-Bühne Bichler in Emmering verschwindet in der Vergangenheit

Ende einer Zeitkapsel: Hier wurden die wildesten Partys gefeiert

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
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Hier fanden legendäre Auftritte und heiße Partys statt - jahrzehntelang: Der Bichler-Saal in Emmering, Bühne und Treffpunkt einer eingeschworenen Fan-Gemeinschaft, erlebt derzeit still seine letzten Tage. Ein Nachruf.

Emmering – Das Gasthaus in Emmering wird umgebaut. Der rustikale Flair im ersten Stock des Gebäudes ist schon so gut wie Vergangenheit. Der ganze Hof wird umfangreich modernisiert, im Erdgeschoss entsteht ein neuer, großer Veranstaltungsraum. „Barrierefrei, das braucht’s heute“, sagt Paul „Paule“ Bichler, der als Wirt die Live-Bühne ein halbes Jahrhundert lang mit Leben erfüllte. Hier spielten Weltstars und die Telstars, die Spotnicks und die Spencer Davies Group. „Keep on running“ war mehr als nur der Titel eines Welthits. Es war das Motto einer ganzen Generation.

Live-Bühne Bichler: Riesiger Propeller als simple Klimaanlafe

Mit dem Rennen ist das nichts mehr. Der Weg nach oben ist eher beschwerlich. Der Paule hat längst das Rentenalter erreicht, die Knie machen nicht mehr richtig mit, seit sie aus Metall sind. Im Saal herrscht Chaos, wie früher auch, nur eben als finale Unordnung. Die Bar steht noch, die Schnapsspender sind leer, ein paar Gläser liegen im Regal, die Schänke hängt schräg, weil irgend ein schweres Trumm auf sie gefallen ist. „Die hat damals 3500 Mark gekostet. Wahrscheinlich könnte man sie herrichten“, meint der Paule. An der Decke noch die rustikale Deko. „Das Holz hatten wir damals selber, nur einbauen mussten wir es.“ Jetzt liegt auf dem Boden Baumaterial und vor der Bühne über der Tanzfläche hängt ein riesiger Propeller, der als simple Klimaanlage diente für die oft arg erhitzten Discobesucher.

Mehr passten nicht mehr rein in den Emmeringer Saal: Das Publikum bei einem Auftritt der Band „Panzerknacker“ im Jahr 2003.

Live-Bühne und ländliche Lustbarkeit lagen hier immer nah beieinander. „Früher war die Musik noch nicht so rockig“, erinnert sich der Paule. Die Leute wollten tanzen. Die härteren Sachen seien erst später aufgekommen, erinnert er sich an seine Gründerzeiten als Wirt einer Dorfgaststätte, der ein Faible hatte für Musikveranstaltungen. „Angefangen hat alles mit einer Party zu meinem 20. Geburtstag“, blickt der 72-Jährige zurück. „40 bis 50 Hanseln“ seien da dabei gewesen. Damals wurde man erst mit 21 Jahren volljährig und voll geschäftsfähig. Und als dem Paule die Idee kam, dass eine solche Party als kommerzielle Veranstaltung eigentlich eine Marktlücke auf dem Land schließen würde, musste er seinen Vater fragen, der ihm in der Folge öfter mal und wiederholt die Sicherung rausdrehte, weil beim Lied „Balla Balla“ der ganze Gasthof wackelte, der von zwei Generationen vorher gebaut und ausgebaut worden war. „Wennst die jetzt noch einmal reindrehst, brauchst am Montag einen Zahnarzt“, warnte ihn der Senior.

Vater droht mit Zahnarztbesuch

Die beiden hatten es manchmal nicht leicht miteinander. „Der Vater hat den Hof erst spät übergeben.“ Wenn der Paule was wollte, hat er lieber mit der Mama, der Katharina verhandelt. Der „Bichler“ war immer ein Familienbetrieb. Mit der ersten Veranstaltung war die Initialzündung erfolgt für eine Reihe von Veranstaltungen und Beat-Partys. „Der Eintritt kostete 50 Pfennig, alle Getränke kosteten 50 Pfennig und die Wurstsemmel auch.“ Den ersten Live-Auftritt absolvierten „Three for sale“, alias Hans Bialas (Bass, Gesang), Mike Huber (Gitarre, Gesang) und Mario Lehner (Schlagzeug, Gesang), der spätere Frontman von „Zauberberg“. Als Anlage dienten zwei alte Radios. 128 zahlende Gäste kamen, „zum Großteil zu Fuß oder mit dem Radl“.

Keep on rockin’: Paule Bichler (72) erfüllte ein halbes Jahrhundert lang seine Live-Bühne in Emmering mit Leben.

Der Anfang war gemacht, beim ersten Auftritt der „Telstars“ waren es 138 Besucher. Ab 1969 spielten dann jeden Samstag Bands, unter anderem auch die Spotnicks aus Schweden ihren Song „Amapola“, den der Paule heute noch auswendig summen kann. Es war die Zeit der ersten Mondlandung, und deshalb fanden es die Schweden für angebracht, in Raumanzügen aufzutreten, was man sich heute noch bei Youtube ansehen kann. Der Saal wurde ausgebaut mit rustikalen Bänken. „Die haben 50 Jahre mitgemacht.“ 1970 war nach dem Umbau Wiedereröffnung. „Da mussten Betondecken rein.“

Plakatkrieg mit der Stadthalle

Die Konkurrenz aus der Grafinger Stadthalle war auf den Paule aufmerksam geworden und lieferte sich mit ihm einen „Plakatkrieg“, bei dem der Emmeringer Wirt als Sieger hervorging, auch wenn er dafür erst nach drei Tagen Werbetour daheim wieder auftauchte und eine Tüte Brezen aus Landshut dabei hatte.

Zum Schluss war der Markt aber groß genug für beide Veranstaltungsorte. Zur Einweihung spielten vier Bands. „Jetzt spinnt er ganz“ haben sie damals über ihn gesagt, erinnert sich der 72-Jährige. Es kamen Disco-Veranstaltungen dazu. „Chuck Hermann hatte eine Wanderdiscothek“. Auch der damalige stellvertretende Redaktionsleiter der Ebersberger Zeitung, Jan Uhrich, hatte beim Bichler Auftritte als Gitarrist.

Die Live-Bühne hatte sich etabliert, unter anderem war hier Peter Maffay mit seiner Sahara-Band zu Gast. Es war die Zeit, in der Vorverträge mit Plattenfirmen mit Glück schnell auf der Rückseite einer Speisekarte formuliert werden konnten. Der damals neue Saal wurde schnell wieder zu klein. „Wennst jetzt nicht reinrutschst, kannst runtergehen an die Kasse und dir deinen Fünfer wieder abholen“: Die Leute „reinzuquetschen“ sei manchmal ganz schön viel Arbeit gewesen, erzählt der Paule freimütig. Als bei dem großen Stromausfall Mitte der 1980er Jahre ein Konzert zu platzen drohte, organisierte der Wirt Notstromaggregate. „150 Liter Gemisch haben wir da verbrannt.“ Supercharge traten beim Bichler auf, Wally Warning und schließlich auch zweimal die Spencer Davis Group, eine Band, die sieben Welthits gelandet hatte. „27 Langspielplatten haben die veröffentlicht, die ersten 17 habe ich mir alle gekauft. Dann hab ich nicht mehr mögen.“

Für seine „Öffentlichkeitsarbeit“ war Paule Bichler bekannt. Hier verschönert er einen Bauwagen.

Viele Besucher werden den alten Saal beim Bichler in Emmering aber weniger wegen der Weltstars, sondern als eingefleischte Fan-Gemeinde der „Panzerknacker“ besucht haben, die diese Hits hier regelmäßig und immer wieder alle spielten, und bei denen inzwischen über 60-Jährige kein Problem hatten, mit Inbrunst „Born to be wild“ von Steppenwulf mitzubrüllen oder mit dünner werdenden Stimmen „I cant get no satisfaction“ zu singen. Für die war der Saal das geworden, was er eigentlich immer schon war. Eine Art Ikone, ein Mikrokosmos und eine Zeitkapsel, in der Erinnerungen gepflegt wurden an frühere Zeiten, an Aufbruch und Woodstock, an die eigene Jugend eben, die inzwischen längst vorbei ist. Aber die Erinnerung daran ist höchst lebendig.

Auch wenn beim Treppensteigen inzwischen die Knie schmerzen. Alt werden? Das ist ja wohl wirklich was für die anderen. Die Live-Bühne wird irgendwie weitergehen. Nach Corona. Ganz bestimmt.

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