Es fehlt die „Kritische Masse“

Energiewende: Nahwärmenetze kalt erwischt

Landkreis Ebersberg - Die Energiewende im Landkreis Ebersberg läuft noch nicht rund. Eine Unwucht offenbarte sich bei der jüngsten Energiebeiratssitzung: Nahwärmenetze sind keine Alternative in der Fläche und Energieproduktion aus Biogas stößt bereits an ihre Grenzen. Wie geht’s weiter?

Wenn ein Nahwärmenetz zum Beispiel in Straußdorf nicht wirtschaftlich betrieben werden kann, dann auch nicht in Frauenneuharting, in Emmering, Moosach oder zum Beispiel Hohenlinden. Und in Straußdorf droht einem solchen Projekt jetzt das „Aus“, an dem die Bürger schon zehn Jahre arbeiten.

Pepperl Höhl, der Sprecher und Hauptakteur der Initiative, bekam Gelegenheit, das Nahwärmeprojekt in Straußdorf vorzustellen, in das er und sein Team schon so viel Energie gesteckt haben. Das Vorhaben offenbart Probleme, die in anderen Gemeinden des Landkreises ähnlich wären.

Inzwischen wollen die Besitzer von 78 Häusern mitmachen beim Nahwärmeprojekt. Aber selbst wenn alle 102 Anlieger anschließen würden, wäre damit offensichtlich noch nicht die „Kritische Masse“ erreicht. Es sind zu wenige Abnehmer auf einer zu großen Fläche. Die Folge davon sind enorme Wärmeverluste von bis zu 25 Prozent bei einem Nahwärmeleitungsnetz von 3,5 Kilometern Länge. Das heißt, dass jeder vierte Baum aus einem noch anzupflanzenden Energiewald zu Hackschnitzeln verarbeitet wird, nur damit er nach seiner Verfeuerung den Boden in Straußdorf erwärmen kann. Schlechte Aussichten.

Die Leitung allein kostet bereits eine halbe Million Euro „ohne Grabungsarbeiten“, wie Höhl ausführte. Sieht man von den enormen Investitionskosten ab, könnten die Straußdorfer sich alle zusammen im Jahr etwa 100 000 Euro fürs Heizen sparen. Und dabei seien „100 Mal Wartungsdienste und 100 mal Kaminkehrer“ noch gar nicht mit einberechnet, so Höhl. Die Energie könnte aus Hackschnitzeln gewonnen werden. Eine weitere Biogasanlage kommt nicht in Frage, weil die Bauern aus der Umgebung ihre geeigneten Flächen langfristigen Kontrakten unterworfen haben und den Mais an bestehende Anlagen liefern. Mehr geht einfach nicht und diese Situation ist in anderen Gemeinden des Landkreises Ebersberg ähnlich. Wald gebe es im Landkreis Ebersberg dagegen genug „und der Preis ist auch ein anderer, als wenn der Graf sein Holz nach Schleswig-Holstein liefern müsste“, sagte Höhl in Richtung des Stadtrates und Waldbesitzers Max Graf von Rechberg (CSU). Ein Gedanke, den auch Klimaschutzmanager Hans Gröbmayr gerne aufgriff. Auch er regte an, das „Material aus dem Ebersberger Forst nicht weit weg zu fahren, damit es andere nutzen“. Höhl appellierte an den Energiebeirat, ein Zeichen zu setzen. Straußdorf könne ein Beispiel dafür werden, wie man einen ganzen Ortsteil ans Nahwärmenetz bringe. Da der Energiebeirat aber keinerlei beschließende Funktion hat, könnte eine Empfehlung höchstens der Bauausschuss aussprechen.

Höhl regte an, dass bei den anstehenden Grabungen zur Kanalisierung das Nahwärmenetz gleich mit vergraben werden könne. „In denselben Graben verlegen wird nicht funktionieren“, meinte dagegen Stefan Pecher von der Grafinger Bauverwaltung auf Anfrage der Ebersberger Zeitung. Und schon gar nicht, wenn Sparten übereinander zum Liegen kommen. Den nötigen Abstand zwischen Kanal, einer Telekomleitung und dem Fernwärmenetz erreiche man nur, wenn die Gräben breiter gemacht würden. Das verteuert aber das Projekt und ist an vielen Stellen in Straußdorf nicht möglich, weil dort ohnehin an zu schmalen Stellen schon grenzwertig viele Leitungen im Boden liegen. So oder so, die Zeit drängt. Viele Hausbesitzer in Straußdorf wollen demnächst ihre Heizungen sanieren. Wenn sie erst einmal Geld in eine neue Anlage investiert haben, sind sie als Kunden für ein Nahwärmenetz auf lange Zeit verloren.

Von Michael Seeholzer

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