Entwicklungshilfe mit Dampfkochtopf

Assling - Es gibt im Landkreis ein ganze Reihe von Hilfsorgansisationen, die sich erfolgreich im Ausland engagieren. Der Aßlinger Verein „Globolab“ hat sich für sein Projekt in Sierra Leone ehrgeizige Ziele gesetzt und kann auch mit ungewöhnlichen Ideen aufwarten.

Entwicklungshilfe mit Dampfkochtopf

An den Fenstern des Gartenhäuschens sind Spinnweben, darunter verschlossene Laborschälchen auf dem Fensterbrett mit farbigem Inhalt. Auf dem großen Holztisch steht ein Dampfdruckkochtopf, daneben medizinisches Material und ein Mikroskop. Aber was hat ein Dampfdruckkochtopf, der im Internet gebraucht für 20 Euro zu haben ist, mit einem medizinischen Hilfsprojekt zu tun? Für den Aßlinger Verein „Globolab“ eine ganze Menge. Dessen Mitglieder bauen nämlich im westafrikanischen Sierra Leone in einer Klinik ein mikrobiologisches Labor auf.

Schon seit mehreren Jahren fährt der Ebersberger Orthopäde Dr. Wolfgang Haller nach Sierra Leone, um dort zu operieren. In dem katholisch geführten Krankenhaus „St. John of God“ in Lunsar arbeiten Christen, Moslems und Baptisten zusammen. Das Krankenhaus erwirtschaftet keinen Gewinn, Erwachsene müssen die Behandlung bezahlen, um die Eigenkosten der Klinik zu decken. Kinder werden kostenlos versorgt.

Ein große Problem in Sierra Leone sind Infektionen, die sich zum Beispiel nach der Operation einstellen. Die übliche Reaktion vor Ort ist der Einsatz von Breitbandantibiotika, mehr oder weniger planlos und ohne vorherige Tests, ob der Medikamenteneinsatz für den bestimmtem Erreger überhaupt wirksam ist. Aus einer zufälligen Anfrage zu einem Einzelfall entwickelte sich beim Aßlinger Bioingenieur Nils Niederstebruch und seinen Mitstreitern die Idee, hier konkret zu helfen. Mit im Team sind unter anderem der Aßlinger Arzt Peter Jell, Ulrike Skulina, Johann Gangl, Elke Köhne und vor allem Doris Sixt, die Laborleiterin der Kreisklinik Ebersberg.

Klar war: Ohne ein mikrobiologisches Labor vor Ort ist das Problem nicht in den Griff zu bekommen. Dazu wurde der Verein „Globolab“ gegründet.

In dem Gartenhäuschen in Aßling ist aktuell die inzwischen zusammengestellte Einrichtung des künftigen Labors aufgebaut. Alles finanziert aus Spenden.

„Wir verbessern die Nachhaltigkeit der ärztlichen Arbeit. Was nutzt die beste Operation, wenn es an der Nachsorge hapert?“, so Niederstebruch. Es wurden einfachste Lösungen gesucht, die langfristig auch unter den schwierigen Verhältnissen in einem der ärmsten Länder der Welt funktionieren und dennoch hocheffektive Mikrobiologie ermöglichen. Und da kommt der Dampfkochtopf ins Spiel. „Der sterilisiert genauso gut wie ein teureres Gerät“, so Niederstebruch, sei aber wesentlich weniger empfindlich und gehe seltener kaputt. Zum Topf gehört noch eine ganz normale Kochplatte und ein Gestell, mit dem die zu sterilisierenden Teile in den heißen Dampf gestellt werden.

Auch die anderen Bestandteile des Labors werden derzeit in Aßling getestet, während an den Fenstern eben Spinnweben hängen. „Wir arbeiten unter afrikanischen Verhältnissen“, erklärt Niederstebruch und grinst. Und so stehen Geräte an der Wand, stapeln sich Schälchen auf dem Tisch neben einem Bunsenbrenner und stecken Impfösen in einer Halterung. Weiteres Material wird vorübergehend in Kisten in der Sauna gelagert.

Schon bald soll alles in einen Container verpackt und nach Hamburg zum Hafen transportiert werden. Von dort geht es auf ein Schiff über den Seeweg nach Sierra Leone. „Der Spediteur sagt, das dauert drei Wochen“, meint Niederstebruch. Der Verein hat noch einen Zeitpuffer eingebaut. „Denn was beim Zoll passiert, dass weiß niemand.“

Vielleicht hilft ja, dass die Aßlinger zuvor Kontakt mit dem Konsul von Sierra Leone und mit der Botschaft aufgenommen haben.

Wenn alles klappt, wird Niederstebruch im November zusammen mit einem Ärzteteam nach Afrika reisen. Die Kosten dafür bestreitet er selbst. Für die Fahrt von rund hundert Kilometern auf einer Sandpiste von der Küste ins Landesinnere werden mehrere Stunden eingeplant. Vor dem Ingenieur stehen dann zwei Wochen für den Aufbau des Labors und die Schulung der Mitarbeiter. Speziell dafür hat Niederstebruch selbst ein Lehrbuch in Englisch geschrieben, weil es entsprechende Unterlagen bisher nicht gab.

Falls der Aufenthalt im November nicht reichen sollte, ist der nächste Besuch bereits für den Anfang des kommenden Jahres geplant. Und wenn das Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, sollen die Erfahrungen für weitere Vorhaben in anderen Krankenhäusern, in anderen Ländern genutzt werden. Aber das ist Zukunftsmusik Nun geht es jedoch erst einmal um das Krankenhaus „St. John of God“ in Lunsar und um einen Platz für den Dampfdruckkochtopf.

Rubriklistenbild: © jro

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