Erinnerung an eine schreckliche Tat

Pienzenau - Am 1. April vor zehn Jahren starben die achtjährigen Zwillinge Sandra und Carina sowie ihr um zwei Jahre älterer Bruder Dominik. Getötet von der eigenen Mutter, mit der Axt erschlagen, erwürgt. In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: "Ich bin ein Stück Dreck".

Eine rote Rose lag auf jedem der drei kleinen weißen Särge. Bei der Beerdigung von Dominik, Sandra und Carina im Friedhof Alxing erklang der Song „When I die“ der Popgruppe „No mercy“. „Ich bin Dein Engel oben im Himmel“ lautete eine Textzeile. Pfarrer Georg Neumaier sagte am offenen Kindergrab: „Wir haben kein Recht zu urteilen oder gar zu verurteilen.“ Vom Grab sieht man das Haus, in dem die Kinder lebten und starben.

Bilder von damals

Pienzenau: Zehn Jahre nach der Bluttat

Eine Woche war da vergangen, seit dem Gründonnerstag, dem 1. April 1999, seit der unglaublichen Bluttat in Pienzenau. Mutter Renate L. (39) hatte ihre achtjährigen Zwillingsmädchen mit einer Axt erschlagen und den um zwei Jahre älteren Buben erwürgt oder erstickt. Zuvor hatte die Mutter versucht, ihren Sohn zu vergiften. Anschließend wollte sich Renate L. selbst mit einem Messer umbringen, öffnete sich die Pulsadern, überlebte aber. Gefunden wurde sie kaum noch atmend in der Badewanne. Im Wasser schwamm noch ein eingeschalteter Haartrockner, die Sicherung war jedoch rausgeflogen. Per Hubschrauber wurde sie in die Klinik gebracht. Einige Tage später erwachte sie aus dem Koma. Für ihre Kinder kam jede Hilfe zu spät. „Die schlimmste Strafe ist, dass ich überlebt habe“, sagte Renate L. später.

Die Oma fand die Kinderleichen

Die Großmutter der Kinder, die zusammen mit ihrem Ehemann das Erdgeschoss des schmucken Zweifamilienhauses bewohnte, hatte die Kinderleichen gesehen. Die Polizei wurde alarmiert. Den Beamten bot sich ein grausiges Bild. Überall Blut. Stück für Stück wurden in den folgenden Tagen die Hintergründe der unfassbaren Tat klar. Renate L. war in undurchsichtige Anlagegeschäfte verwickelt, hatte in den vergangene Jahren einen Berg von Schulden aufgebaut. Ihr Ehemann musste vieles davon auffangen. Die Ehe zerbrach, die Konflikte blieben. Renate L. wurde zwei Jahre vor der Tat wegen Betrugs und Urkundenfälschung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Die Schulden von mehr als 800.000 Mark drückten weiter.

"Wenn du krepierst, kommen die Kinder in ein Heim"

Dann erfuhr sie, eine Woche vor der Tat, dass sie Krebs hat. Am Dienstag nach Ostern sollte die Brust amputiert werden. Am Tag vor der Tat kam es nochmals zum Streit mit ihren Ex-Mann, der nicht in Pienzenau lebte. „Wenn du krepierst, kommen die Kinder in ein Heim“, soll der Vater gesagt haben. „Da waren Blutspritzer an der weißen Wand, dann ist alles dunkel, wie abgeschnitten“, sagte Renate L. später in der Gerichtsverhandlung im Januar 2000. An die Tat selbst könne sie sich nicht erinnern. Am Abend vor dem Tod ihrer Kinder habe ihr Sohn gesagt: „Wenn Du stirbst, dann wollen wir auch nicht mehr leben.“ Tochter Carina habe gefleht: „Mama, lass uns nicht allein.“

Dass Renate L. ihre Kinder getötet hatte, daran bestand vor Gericht kein Zweifel. Doch war sie zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig, war sie schuldfähig? Bei der Antwort auf diese Frage spielte der Abschiedsbrief (siehe unten) eine entscheidende Rolle. Der Gutachter sprach von „Zuspitzung der affektiven Krise und Enthemmung“. Ein Beleg dafür: Renate L. hatte nicht nur ihre Kinder, sondern auch die Katze getötet.

Ihre letzten Worte: "Ich bitte dich um Verzeihung"

Die Staatsanwältin erklärte: Wegen tiefgreifender Bewusstseinsstörungen sei die Angeklagte strafrechtlich nicht zur Verantwortung zu ziehen. „Auch wenn es bei drei toten Kindern schwer fällt, ist sie frei zu sprechen.“ Auf Unverständnis stieß das beim Anwalt des Vaters. „Einen Freispruch würde niemand verstehen“, sagte der Jurist im Interview der Ebersberger Zeitung. Der Richter hatte wohl auch Zweifel. Er setzte einen Urteilsspruch aus und bestellte ein weiteres Gutachten. Der neue Sachverständige sah die Situation etwas anders. Daran orientierte sich der Richter. Das Urteil im Februar 2000: fünf Jahre Haft wegen Totschlags.

Ihre letzten Worte richtete Renate L. an ihren Ex-Mann: „Wer hasst, kann sich irren, aber nicht der, der verzeiht. Ich bitte dich um Verzeihung.“ Der Vater der getöteten Kinder antwortete kaum hörbar: „Mein ist die Rache, spricht der Herr.“

Der Abschiedsbrief

Vor ihrem Selbstmordversuch hatte Renate F. einen Abschiedsbrief verfasst: „Ich weiß, es ist schrecklich, was heute passiert ist, und was ich euch antue, aber ich kann nicht mehr anders. Seit Wochen habe ich den Entschluss gefasst und immer wieder verworfen. Mein Leben ist ein Spießrutenlauf. Ich stehe vor dem Chaos (...) Dass ich die Kinder mitnehme, werdet ihr nicht verstehen, aber was hätten sie für eine Zukunft mit einem Vater, zu dem sie kein Vertrauen haben und bei dem nur der Haß regiert. Die Schlinge hat sich so zugezogen, dass ich keine Zukunft mehr habe. Es kann kein Morgen mehr geben. (...) Vom Aufwachen bis zum Einschlafen habe ich nur Sorgen. Der liebe Gott hat mich wahrscheinlich schon lange verdammt. Bitte verzeiht mir (...) Jetzt ist es 7 Uhr morgens, ich war die ganze Nacht wach, es war furchtbar. Mit den Kindern wollte ich nicht so eine Sauerei machen, aber es ging nicht anders, weil der Dominik so gelitten hat. Ich bin ein Stück Dreck, mir graust es vor mir selbst.

Von Robert Langer

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