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169 Jahre Lebenslust: Dieter Hildebrandt (l.) und Hans-Jochen Vogel.

Ewiges Leben? Als Schranktüre!

Markt Schwaben - Seniorengipfel der Extraklasse: Kabarettist Dieter Hildebrandt, 84, und SPD-Urgestein Hans-Jochen Vogel, 85, reden in Markt Schwaben übers „Alt werden“. Dabei erzählen sie von Gedächtnisverlust, Krankheit und dieser dämlichen Idee mit dem Pfeifentabak.

Hans-Jochen Vogel, SPD-Grandseigneur und Alt-OB von München, hat einen einfachen Test, um rauszubekommen, ob man inzwischen alt geworden ist. Alt sei der, erzählt er bei der Sonntagsbegegnung in Markt Schwaben, der jeden Prospekt lese, der ins Haus flattere. Alt sei der, der ein Ständchen zum Geburtstag gesungen bekomme und der ungefragt sage, wie alt er sei.

Vogel ist im Februar 85 Jahre alt geworden, gesagt hat er’s freilich nicht.

Vogel ist inzwischen so was wie ein Experte für souveränes Altern geworden. Er ist sein eigenes Studienobjekt. Zusammen mit seiner Frau lebt er schon lange in einem Münchner Altersheim. Manchmal, erzählt er, fallen ihm manche Wörter nicht mehr so schnell ein wie früher. „Dann bin ich stolz, welche eleganten Umschreibungen ich finde.“ Vogel ist ein Glücksfall, mit seiner Mischung aus Humor und schonungsloser Ehrlichkeit hat er das Publikum schon nach den ersten paar Sätzen für sich eingenommen.

Ein noch größerer Glücksfall ist, dass Vogel nicht alleine nach Markt Schwaben im Landkreis Ebersberg gekommen ist. Der Name seines Gesprächspartners zum Thema „Alt werden“: Dieter Hildebrandt, Jahrgang 1927. Der Kabarettist hat den Sprung ins Alter quasi körperlich durchlitten. „Man merkt es an den Gliedern, wenn man nicht mehr so jungenhaft aufsteht – um sich vor einem Älteren zu verneigen.“ Es ist ein munteres, blitzgescheites Gespräch, das die beiden Herren am Sonntagmorgen aufs Parkett bringen. Klar, altern ist Körpersache, aber noch viel mehr ist es Kopfsache. „Es gibt Menschen, die mit 50 Jahren schon alt sind“, sagt Vogel. Und: Man müsse den Gefährdungen widerstehen, sagt das SPD-Urgestein, „den Jungen zu sagen, dass früher alles besser war“. Hildebrandt widerspricht sofort: „War es ja auch.“ Das muntere Pingpong-Spiel nimmt seinen Lauf: „Alleine das aus ihrem Mund hat den Besuch in Markt Schwaben schon gelohnt“, sagt Vogel.

Es geht zwar lustig zu im Bürgersaal im Unterbräu, aber nie albern. „Überschätzen sie meinen Zustand nicht“, sagt Vogel. „Meine medizinischen Kenntnisse haben sich in den letzten Jahren stark erweitert.“ Testament, Patientenverfügung, Demenz, der eigene Tod, das alles sind Dinge, über die er im Alter verstärkt nachdenke. „Die Neigung sich damit auseinanderzusetzen nimmt zu.“ Er jedenfalls glaube an ein Fortleben im Sinne der christlich Botschaft. „Das ist mein Glaube, den verschweige ich auch nicht.“ Der Agnostiker Hildebrandt sieht das anders. Es gebe zwar vielleicht ein Weiterleben nach dem Tod, sagt er, aber nicht als Mensch. „Vielleicht als Schranktüre.“

Hildebrandt ist zwar auch schon 84 Jahre alt, aber längst noch nicht in Stimmung, in Rente zu gehen. Solange er noch einen „gerechten Zorn entwickeln“ könne sowieso nicht. Für die nächsten zwei Jahre steht sein Tourplan durch die ganze Republik schon. „Ich sterbe nicht, bevor ich nicht bei Euch gewesen bin“, sagt er den Veranstaltern immer.

Zum Schluss dann noch eine Frage aus dem Publikum. Die Klassikerfrage: „Was ist das Geheimnis eines so langen Lebens?“

Vogel antwortet: „Früher habe ich bis zu 15 Tassen Kaffee am Tag getrunken.“ Von einem Tag auf den anderen habe er damit aufgehört. Seit den 1980er Jahren trinke er keinen mehr. Das ist eines seiner Geheimnisse. Sein anderes: keine Zigaretten. Lediglich bei der sechswöchigen Kandidatur zum Münchner OB habe er geraucht. Die Leute hätten ihm gesagt: „Du siehst so jung aus.“ Da wollte er was dagegen tun. Er rauchte Pfeife, um älter zu wirken. Aber nur kurz.

Denn mit dem Jungsein ist es genauso wie mit dem Altern: Bei beidem kommt es auf die Würde an. Aufs Selbstbewusstsein.

Stefan Sessler

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