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Denden Tekle hat im Haus von Gerd Schafmeier eine neue Heimat gefunden.  

Besondere Wohngemeinschaft in Forstinning

Männerfreundschaft unter einem Dach

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Denden Tekle (23) und Gerd Schafmeier (75) leben in einer besonderen Wohngemeinschaft in Forstinning. Der Asylbewerber und der Forstinninger profitieren beide. 

Forstinning – Morgens um sieben geht es los. Fast jeden Tag. Aufstehen, Waschen, Anziehen, Frühstück. Der Linienbus nach Markt Schwaben wartet nicht, die S-Bahn nach München und die U-Bahn weiter in Richtung OEZ im Westen Münchens auch nicht. Am Westfriedhof geht es raus. Um 8.30 Uhr beginnt dort in der Regel der Unterricht an der Berufsschule für Floristik, Gartenbau und Vermessungstechnik in einer Berufsintegrationsklasse. Und das montags bis freitags. Nach dem Mittag geht’s wieder retour mit dem öffentlichen Nahverkehr. Dann ist der Schultag formell zu Ende, die schulische Arbeit aber noch lange nicht.

Was Denden Tekle (23) hier schildert, ist der ganz gewöhnliche Alltag von Tausenden jungen Leuten. Zumindest, wenn nicht gerade Ferien sind. Was den jungen Mann aus dem Forstinninger Ortsteil Schwaberwegen betrifft, hat sie jedoch an einer Stelle etwas Ungewöhnliches. Denden Tekle ist ein Flüchtling aus Eritrea. Und er ist jemand, der nicht (mehr) in einer der Sammelunterkünfte im Landkreis wohnt, sondern inzwischen als Untermieter bei einem privaten Herbergsvater.

Gerd Schafmeier ist sozusagen der Vermieter. Die Art des Zusammenwirkens klappt ganz gut. Denden ist raus aus einer Massenunterkunft, Schafmeier hat jemanden, der mal sein Haus hütet, wenn er mal wieder eine Fernreise unternimmt nach Israel, China oder Indien. Im Haushalt hilft Denden Tekle ebenfalls mit. „Er macht alles, nur Bügeln kann er nicht“, sagt Schafmeier mit einem Lächeln im Gesicht. Inzwischen spricht der 75-Jährige gar von einer Wohngemeinschaft und längst nicht mehr von seinem Untermieter.

Kennengelernt haben sich die beiden bei Unterrichtsstunden, die Schafmeier regelmäßig für Flüchtlinge und anerkannte Asylbewerber im benachbarten Anzing gibt.

Woher diese Art von Hilfsbereitschaft kommt, hat Schafmeier für sich bis heute nicht einmal hinterfragt. Er vermutet aber, dass es viel mit seiner eigenen Vita zu tun haben könnte. Geboren in Ostrau, kam er als Heimatvertriebener mit zwei, drei Jahren nach Heidelberg. Erlebte Integration also schon ganz früh ganz hautnah. Beruflich trieb es ihn später zuerst zur Bundeswehr, dann in ein BWL-Studium und danach in die Logistik- und Rechnungswesenbranche. Mit 55 studierte Schafmeier nochmals Informatik. Seit 45 Jahren wohnt er in Forstinning in einem Reihenhaus. Platz ist dort genug, von seiner Frau lebt Schafmeier getrennt. Als ihn im vergangenen Jahr Denden Tekle am Rande einer Unterrichtsstunde einmal direkt ansprach, fiel Schafmeier dessen Wissbegierigkeit und Ehrgeiz auf. Man vereinbarte zunächst eine Art Probewohnen in der Lindenstraße. Und beide stellten danach fest: Das klappt.

Denden Tekle bewohnt seither ein kleines Zimmer im ersten Stock. Bett, Tisch und eine Sitzgelegenheit haben dort Platz. Es gibt einen direkten Zugang zum Balkon. Seine Kleidung befindet sich in einem Schrank im Flur direkt vor seinem Zimmer. Auf dem Tisch steht ein gerahmtes Foto seiner Anzinger Paten, die Eheleute Streffer. Über dem Bett hat Denden zwei große Fotos aufgehängt. Eines zeigt Jesus, das andere Maria. Gerd Schafmeier hat ihm bei einem Besuch in Altötting auch eine Jesus-Holzfigur gekauft. Auch sie hat einen Ehrenplatz.

Der junge Mann ist gläubig. Um den Hals trägt er eine Kette mit einem Holzkreuz. Er gehört der eritreisch-äthiopischen Orthodoxen an. Eine christliche Gemeinschaft, die sich theologisch ganz nah am Judentum befindet. Deshalb gibt es inzwischen im Hause Schafmeier auch kein Schweinefleisch mehr. Dendens Lieblingsspeise hat ohnehin nicht viel mit Schwein zu tun: „Spaghetti“ sagt er. Und damit unterscheidet er sich kaum von den allermeisten seiner deutschen Alterskollegen. „Kartoffelsalat“ sagt er aber auch. Und gerne dürfe es auch mal Spinat, Kartoffeln und Fisch sein. „Er kocht gut“, fügt der dunkelhäutige junge Mann an. Und blickt schmunzelnd in Richtung Gerd Schafmeier.

In der Heimat war Denden Tekle nicht oft in die Kirche gegangen. Seit er in Deutschland ist, hat sich das aber radikal verändert. Sonntags schnappt sich Denden auch schon mal das Radl, fährt nach Markt Schwaben zum Bahnhof und weiter mit dem Zug nach München, weil u.a. in Harthof in einem Saal der katholischen St. Gertrud-Gemeinde ausreichend Raum ist für Gebete und Gottesdienste, die schon mal fünf Stunden und länger dauern können. „Jeder von uns hatte auf seiner Flucht Todesängste, jetzt haben wir Gelegenheit, mit Gott darüber zu sprechen“, sagt Denden in schon gut verständlichem Deutsch.

Mit Gerd Schafmeier, den er auch schon mal „Papa“ nennt, spricht er natürlich nur Deutsch. Viel dazu trägt auch Schafmeiers Frau bei, die ehemalige Lehrerin gibt dem jungen Eritreer regelmäßig Deutschunterricht. Schafmeier selber arbeitet abends mit dem jungen Mann auch Mathe und Englisch auf. Zeit für Fernsehen bleibt da kaum.

Schafmeiers sind auch ein wenig stolz, dass ihr Schützling demnächst jede Menge Einser mitbringen wird. Den Hauptschulabschluss hat Denden schon sicher. Am 1. August startet er eine Ausbildung als Verkäufer in der Aldi-Filiale in Markt Schwaben.

Auf seinem Bett liegt ein Handy zum Aufladen. Die einzige Verbindung in die Heimat, die er 2013 verlassen hatte. Über Äthiopien, den Sudan und Libyen kam er im November 2104 per Schiff in Italien an. Seit zweieinhalb Jahren ist er in Deutschland. War untergebracht am Frankfurter Ring in München, in Fürstenfeldbruck, Poing und Anzing. Fünf Geschwister und die Mutter sind daheim geblieben. Der Vater fiel im Bürgerkrieg. Als der Staat mitbekam, dass Denden nach Europa flüchtete, strich man der Mutter die Hinterbliebenenrente. Sie lebt nun von dem, was ihr die kleine, verbliebene Landwirtschaft noch bietet. Immer wieder, berichtet Denden, muss Vieh verkauft werden, um über die Runden zu kommen, zuletzt auch ein Ochse. Irgendwann einmal werde nichts mehr da sein. Wie eine Lösung ausschauen könnte? Denden weiß es nicht. Keiner weiß es.

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