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Blättern in Erinnerungen: Marianne Schmid, die erste Schülerlotsin in Bayern. 

Forstinning

Die erste Schulweghelferin Bayerns

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Als Marianne Schmid, frühere Bartl, Anfang der 1970er-Jahre, Kindern in Forstinning über die B12 half, war sie die erste Schülerlotsin in Bayern. Wir haben die heute 77-Jährige besucht.

Forstinning/Hohenlinden – Durchs Fenster des damaligen Lebensmittelgeschäfts Bartl an der Mühldorfer Straße in Höhe des Maibaums sah Marianne Bartl immer wieder zu. Sah, wie die Kinder morgens und mittags nur zögerlich wagten, die innerörtliche Hauptstraße zu queren, um auf den gegenüberliegenden Hof der Georg-Kerschensteiner-Volksschule zu kommen. Wenn es die Zeit und die Arbeit erlaubte, ging die engagierte Mitarbeiterin im elterlichen Laden dann auch schon mal zu den Mädchen und Buben und half ihnen, sicher über die Straße zu kommen.

Damals, Anfang der 1970er-Jahre, war das noch die alte Bundesstraße 12. Also eine Straße, auf der zwar noch nicht so viel Schwerlastverkehr wie heutzutage unterwegs war, aber sich auch schon zeitweise Auto an Auto reihte. Die A 94 gab es noch nicht.

Als Marianne Bartls Tochter Sylvia 1972 in die erste Klasse eingeschult wurde und sie irgendwie auch noch in den Elternbeirat rutschte, kam das Thema Verkehrssicherheit wieder auf die Tagesordnung. Zumal es ein paar Jahre zuvor einen unglücklichen Vorfall gab. Ein Erstklassmädchen aus ihrer Nachbarschaft wurde beim Suchen nach Kastanien von einem Wagen angefahren und schwer verletzt. Das, sagt Marianne Bartl, die heute Marianne Schmid heißt und inzwischen 77 Jahre alt ist, sei dann auch so etwas wie der Stein des Anstosses für sie gewesen, sich an der Einmündung der Graf-von-Sempt-Straße in die einstige B12 aktiv um einen Schülerlotsendienst zu bemühen. Und es gab nicht nur das Bemühen, sondern er wurde auch installiert.

Ob das Wort Lotsendienst im Zusammenhang mit Schulwegen damals überhaupt schon üblich war? Daran kann sich Marianne Schmid, die nach 25 Jahren in Niederbayern seit eineinhalb Jahren wieder nahe ihres Geburtsorts Forstinning, nämlich in Hohenlinden, wohnt, nicht mehr genau erinnern. Auch nicht, dass man den Eltern, die sich dafür freiwillig gemeldet hatten, eine Art Ausbildung zuteil hat werden lassen. Eine weiße Weste und eine Kelle habe es gegeben, ja. Und dann ging es los. So die Erinnerung.

Es muss in jedem Fall etwas Besonderes gewesen sein damals vor 45 Jahren in Forstinning. Der Bayerische Rundfunk machte gar ein Fernsehinterview mit der jungen Mutter. Und die Heimatzeitung schrieb folgende Zeilen in einem Artikel: „An der Bundesstraße 12 in Forstinning kann man täglich vor und nach Schulbeginn eine seltsame Beobachtung machen. Frauen dirigieren die Volksschüler über die gefährliche Bundesstraße und achten auf die Sicherheit ihrer Schutzbefohlenen. Hier wurden erstmals im Bundesgebiet Frauen als Schülerlotsen ausgebildet und eingewiesen, und die Sache klappt vortrefflich. Die Eltern brauchen um die Sicherheit ihrer Kleinen nicht mehr zu bangen.“

Laut Verkehrswacht Bayern seien Schülerlotsen seit mehr als 60 Jahren tragende Säulen der Schulwegsicherheit. Zitat von der Internetseite (www.verkehrswacht-bayern.de): „Seit Einführung des Schülerlotsendienstes 1953 gab es an den von Lotsen gesicherten Übergängen keinen einzigen schweren oder gar tödlichen Unfall.“

Gerd Gietl, viele Jahre Vorsitzender der Kreisverkehrswacht, erinnert sich gerne an die Pionierleistung der Forstinninger Frauen. Der damalige Geschäftsführer der Verkehrswacht und Verkehrsreferent der Landpolizei Ebersberg, Polizeihauptmeister Wolfgang Pohmer, sei eine der treibenden Kräfte gewesen, so Gietl. Maßgebliche Unterstützung sei auch von Landrat Streibl gekommen.

Dass der Ideengeber jedoch der damalige Forstinninger Bürgermeister Obermayer gewesen sei, wie es der Autor des damaligen Zeitungsartikels behauptete, sei wohl nicht richtig, berichtigt Marianne Schmid. Auch nicht korrekt sei nach ihrer Erinnerung, dass es auf Anhieb zwölf Frauen gewesen sein sollen, die sich für den Dienst zur Verfügung gestellt hatten. Es waren nach ihrem Gefühl deutlich weniger.

Das aber ist aus heutiger Sicht nicht wirklich entscheidend. Viel lieber lesen wir in dem alten EZ-Artikel, dass sich die neue Einrichtung bestens bewährt habe und dass die Autofahrer sofort angehalten haben, „wenn der weibliche Schülerlotse auf die Straße tritt und das Zeichen zum Anhalten gibt“.

Marianne Schmid erinnert sich, dass die Mütter damals davon gesprochen hatten, diesen ehrenamtlichen Dienst so lange zu machen, bis die A 94 fertig gebaut sei. So weit ist es aber gar nicht gekommen: Als Ende der 1970er-Jahre an besagter Stelle eine Ampel errichtet wurde, war der Lotsendienst der Frauen und Mütter dann nicht mehr wirklich zwingend.

Das sieht man aus heutiger Perspektive anders. Ampeln, sagt man inzwischen, böten leider nur trügerische Sicherheiten. Seit ein paar Jahren organisiert nunmehr Sandra Obermeier den Lotsendienst in Forstinning. Teilweise hat sie Freiwillige dabei, deren Kinder schon lange nicht mehr die Schule besuchen und denen man gerne neue Ersatzleute anbieten würde. Deshalb kann man zurzeit auf der Homepage der Grundschule unter der Adresse www.gs-forstinning.de von einer Suchmeldung für neue Schulweghelfer lesen.

Aber beschweren will sich Sandra Obermeier nicht. Die Bereitschaft, sich für die Sicherheit der Schulkinder einzusetzen, sei dank eines spürbaren Zusammenhalts im Dorf Jahr für Jahr groß genug. Wenn man die Leute anspreche, bekomme man auch eine Resonanz, sagt sie. Für interessierte Nachahmer: Bei Interesse und für nähere Informationen bei Sandra Obermeier melden, Tel. (08121) 977768, oder E-Mail an obermeier.sandra@gmx.de.

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