+
„Weiß war früher gar nicht die Farbe einer Hochzeitskutsche“, sagt Markus Wimmer. Der Trend ist irgendwann von Amerika nach Deutschland gekommen. Ehrensache, dass der Kutscher-Max inzwischen auch eine solche weiße Kutsche hat.

Ein Besuch in Neupullach

Der Kutscher-Max und seine Abenteuer

  • schließen

Der Herr der Kutschen: Markus Wimmer, 62, hat für jede Lebenslage das passende Gefährt. Er ist bei Beerdigungen, bei Hochzeiten und Junggesellenabschieden. Manchmal tauchen seine historischen Kutschen sogar im Kino auf. Ein Besuch beim Kutscher-Max von Neupullach.

Etwa 30 Kilometer östlich von München, wo die Autobahn A 94 schmucklos in die Bundesstraße 12 übergeht, liegt ein verwunschener Ort, wie geschaffen für Prinzessinnen und Prinzen, für Königinnen und Könige, ach was: für alle, die Märchen lieben. Oder die sich wie im Märchen fühlen wollen. Der Wimmer Markus hat sie alle: historische Hochzeitskutschen, Prinzessinnen- und Königinnen-Kutschen, Nikolausschlitten, Bierwagen, Hausiererwagen. Wer’s mag, auch eine Bestattungskutsche für „a schöne Leich’“, oder einen Wagen mit Platz für etwa 20 Personen für den Junggesellen- oder -gesellinnenabschied.

„Mei“, antwortet er, überlegt kurz und führt den Satz in schönstem Bairisch fort: „I woaß gar ned, wie vui Kutschn i grod hob.“ 24, glaubt er. Und sieben Schlitten, etwa.

Der Herbstwind peitscht den Regen über das riesige Grundstück, das einsam auf weiter Flur liegt. In der Ferne ist die B 12 zwar zu sehen, zu hören sind die Autos und Lastwagen nicht. Markus Wimmer, 62, steht vor einer der Scheunen und erzählt, wie aus ihm der „Kutscher-Max“ geworden ist. Die Kälte, der Wind und der Regen sind ihm wurscht, als Kutscher sitzt er eh bei jedem Wetter auf dem Bock und chauffiert große wie kleine Leute, berühmte wie normale durch die Gegend. In ein paar Stunden werden es junge Männer aus England sein, die in München Junggesellenabschied feiern. Für zwei der Partystunden haben sie sich den „Kutscher-Max“ gemietet, der sie durch den Englischen Garten kutschieren wird. Freilich mit Bier an Bord.

Ja mei, der Englische Garten. Da hat’s am Anfang Probleme gegeben, erzählt Markus Wimmer. Als er vor vielen Jahren angefragt hatte, ob er auch durch Münchens Vorzeigepark fahren dürfe, stieß er erst mal auf Ablehnung. Das einzige verbliebene Kutschenunternehmen, das noch Durchfahrtsrechte besaß, war darüber „not amused“, um es in der Königinnensprache zu sagen. Nein, das habe dem Unternehmen nicht gefallen, dass er, der Kutscher-Max aus Neupullach 27 (Straßennamen gibt’s hier in dem Weiler der Gemeinde Hohenlinden im Kreis Ebersberg nicht) ebenfalls im Englischen Garten fahren möchte.

Irgendwie haben sie sich dann doch alle geeinigt. „Ich zahl’ an die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung, die für den Park zuständig ist, jedes Mal eine Einfahrtgebühr.“ Das nächste Mal wieder in ein paar Stunden, wenn der bald vermählte Junggeselle mit seinen Spezln aus England da ist.

„Aus England hab’ ich viele Anfragen“, erzählt Wimmer. Warum seine historischen Original-Kutschen (keine Nachbauten!) so beliebt sind, das weiß er selbst nicht. Vielleicht, weil sich alle wenigstens einmal im Leben fühlen wollen wie Märchenkönig Ludwig II.? Oder die österreichische Kaiserin Sissi? Oder wie das Mauerblümchen, das von einem Prinzen gefunden, geliebt und geheiratet wird? Hochzeitskutschen hat der Neupullacher gleich mehrere. In Weiß und in Schwarz.

Seine treuen Begleiter: Der Kutscher-Max hat insgesamt vier Pferde. Sein erstes hat er bereits 1976 gekauft.

„Weiß“, erklärt er, „war früher gar nicht die Farbe einer Hochzeitskutsche. Das ist aus Amerika rübergekommen.“ Mei, dann hat er halt auch weiße Kutschen ins Repertoire aufgenommen. Das ist so groß, dass in einem Stadl die Wagen gar übereinander stehen – wie in einer Duplexgarage für Autos. 1982, vor 35 Jahren, hat er sein Kutschengewerbe angemeldet. Den Kutschenführerschein hat er gemacht, erst vor Kurzem den neu eingeführten Zusatzschein. Wimmer darf sowohl gewerbliche als auch private Fahrten auf dem Kutschenbock lenken. Weil im Laufe der Jahre immer mehr Anfragen gekommen waren, hat er immer mehr Wagen dazugekauft. Der eine sammelt Briefmarken oder Autos, Fußballaufkleber oder Schuhe, Markus Wimmer sammelt Kutschen.

Die werden von echten Pferdestärken gezogen. Vier stattliche Rösser stehen auf der Weide, auch ihnen scheint der Regen und die Herbstkälte nichts auszumachen. Ruhig und vertraulich stapfen „Carino“, „Caruso“, „Blacky“ und „Lady“ auf den Kutscher zu, als er auf die Koppel geht, um sie zu streicheln. Als Bub aus einer Landwirtschaft ist er mit Pferden aufgewachsen, 1976 hat sich Wimmer sein erstes eigenes gekauft. „Und weil eines allein selbst im Himmel nicht glücklich wird“, wie er sagt, ist ein zweites hinzugekommen. Und ein drittes, ein viertes… Sechs Stück hatte er schon mal, jetzt sind’s vier, „das reicht“.

Auf der Koppel steht eine weitere Scheune, in der die älteste Kutsche untergebracht ist. „Irgendwas mit 18 vorne dran, ich schätze 1885“, sagt Markus Wimmer über das Baujahr. Dieser Wagen, der als einer von wenigen sogar für den Kutscher ein auffaltbares Dach besitzt, war schon oft in Filmen und im Fernsehen zu sehen – beispielsweise in der Serie „Die Löwengrube“, in mehreren Kaiserinnenfilmen, zuletzt im neuesten Kinofilm von Michael „Bully“ Herbig, einmal mehr als Kutsche von Kaiserin Sissi und Kaiser Franz. Wer für Filme authentische Kutschen braucht, der ruft in Neupullach 27 an. Die berühmteste Berühmtheit, die jemals in einer seiner Kutschen gesessen ist? „Burt Lancaster“, antwortet der Kutschen-Max. Die Hollywood-Schauspiellegende Burt Lancaster.

Stattliche Sammlung: die Besitztümer von Markus Wimmer.

Egal, ob groß, klein, berühmt oder nicht: Markus Wimmer fährt sie alle. „Am meisten Gaudi herrscht bei den Junggesellinnenabschieden, die können feiern“, mehr sagt er dazu nicht. Um zum Startpunkt zu kommen, fährt seine Frau Ruth Meindl immer mit. Beide sind ständig mit zwei Autos samt Anhängern unterwegs: ein Gespann für die Kutsche, das andere für die Pferde. Nur zur eigenen Hochzeit, da sind Markus Wimmer und Ruth Meindl in einem Auto gefahren. Ohne Kutsche und Pferde. „Das wollten wir nicht“, sagt der Kutscher-Max und schmunzelt.

Ach so, wieso eigentlich „Max“? „So werd’ ich schon seit meiner Kindheit genannt. Die Abkürzung für Markus war Max.“ Und weil „Kutscher-Markus“ oder „Kutschen-Wimmer“ blöd klingt, ist er halt der „Kutscher-Max“. Rein hobbymäßig, übrigens. Im Hauptberuf ist der gelernte Großhandelskaufmann seit vielen Jahren als Handelsvertreter für medizinische Geräte für Arztpraxen tätig. Oder, wie er selbst schmunzelnd sagt: „Dann bin ich der Praxen-Max.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

“Es ist grausam, dem zuzustimmen“ - Sanierungskosten für Sparkassen-Gebäude explodieren
Der Sprung von 3,3 Millionen Euro auf jetzt 11,1 Millionen Euro Sanierungskosten ist gewaltig.
“Es ist grausam, dem zuzustimmen“ - Sanierungskosten für Sparkassen-Gebäude explodieren
„Keine Bastellösung“
Der Kindergarten St. Margareth in Straußdorf bekommt eine zweite Gruppe - trotzdem gibt es Kritik.
„Keine Bastellösung“
Mit Albatros bei den Bären
Ein Besuch bei den Haribo-Bären, das wäre doch etwas. Gesagt -getan.
Mit Albatros bei den Bären
Holperpiste wird ausgebaut
„Das ist ein Projekt, das wahrscheinlich etwas dauern wird“, sagt Vaterstettens Bürgermeister Georg Reitsberger.
Holperpiste wird ausgebaut

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.