+
Auf den Spuren von Robinson Crusoe: Simon Heilmann bei Gibraltar kurz vor der Atlantik-Überquerung.

Er ist schon in Gibraltar

Wie dieser 19-Jährige ohne Geld über den Atlantik trampen will - und weiter

  • schließen

Simon Heilmann ist 19 Jahre jung. Ohne Geld will er durch die Welt. Er schläft im Busch und heuert bei einem Segelboot in Gibraltar an. Wir haben mit ihm gesprochen. 

Als Simon Heilmann (19) im Dezember am Straßenrand der staubigen Autobahn südlich der Stadt Murcia in Spanien steht, will er fast verzweifeln. Dunkelblonde Haare, beige Wanderhose, großer Rucksack. Niemand will ihn mitnehmen. Trampen scheint schier unmöglich. 

Bis zu seinem ersten Ziel, Gibraltar, sind es noch Hunderte Kilometer. Etwa 2000 Kilometer hat er schon hinter sich. Wie viel Strecke er noch zurücklegen wird, ist offen. Es ist eine Reise ohne Ziel und Zeit. Und ohne – oder sagen wir: mit nur wenig Geld.

Alles beginnt für den 19-Jährigen aus Jakobneuharting im September 2018. Heilmann hat sein Abitur in der Tasche und denkt nach: Studieren will er (noch) nicht, auch nicht in den gleichen Alltag wie viele Andere einsteigen. 

Er will etwas fürs Leben lernen, reisen, Menschen treffen, Abenteuer meistern, vielleicht sich selbst kennenlernen. Und: „Sehen, wie gut es uns in Deutschland geht“, wie er sagt. Bei dem, was er plant, dürfte sich alles erfüllen. Er will ohne Geld die Welt bereisen.

„Ich bin für fünf Jahre krankenversichert“

Drei Monate hat er Mitte September Zeit, alles vorzubereiten, motiviert vom Reisefieber und einer Erfahrung vor drei Jahren. Für acht Monate lebte der 16-Jährige damals bei einer Gastfamilie in Brasilien. „Das hat enorm geprägt“, erzählt Simon Heilmann am Telefon. 

Die Verbindung nach Südspanien ist gut, bis Donnerstag hat sich der 19-Jährige in La Linea, direkt an der Grenze zu Gibraltar befunden und sein Handy benutzen können. Auch seine Familie zu Hause im Landkreis bekam so die ersten Tage immer ein Lebenszeichen.

Als Simon Heilmann im Herbst es seiner Familie sagt, dass er gehen will, ist die sprachlos. Vor allem, weil der 19-Jährige nicht weiß, wie lang. „Ich bin für fünf Jahre krankenversichert“, sagt er. Realistisch könne er sich eine zwei-, vielleicht dreijährige Reise vorstellen. „Vielleicht sage ich auch schon nach fünf Monaten: es reicht“, erzählt er und lacht.

Inzwischen haben sich sein Papa, seine beiden Brüder und Schwester damit abgefunden, sie sagen ihm: „Wir verstehen dich.“ Natürlich sei so eine Entscheidung eines Kindes anfangs immer hart, sagt der Papa.

Einen Marienanhänger von der Oma als Glücksbringer 

Am 15. Dezember startet die Reise Heilmanns aus Jakobneuharting. Im Rucksack sieben Unterhosen, sieben Paar Socken, eine lange Hose, ein paar Shirts, Regenjacke, Gaskocher, Medikamente und einen Marienanhänger seiner Oma, den er besonders sicher verstaut hat. Von Grafing will er mit dem Zug nach München, von dort an nach Süden trampen. Ein wenig Geld und eine Kreditkarte hat er dabei, für Notfälle oder Reisen, bei denen Trampen partout nicht möglich ist. Außerdem will er immer wieder arbeiten auf seiner Reise. 

Auf den Affen gekommen: Simon Heilmann.

Doch am 15. Dezember ist Streiktag der Bahn. Sollte das Abenteuer des 19-Jährigen in Grafing enden? Am Bahnhof trifft er einen Spezl, „zufällig“. Der nimmt ihn mit nach München. Dort geht er zu einem bekannten Platz, an dem viele Tramper zusammenkommen. Er will sein Pappschild mit „Stuttgart“ schreiben. „Ich hab’ noch nicht mal das S ausgeschrieben, da hat mich schon ein Mann gefragt, wo ich hin will. Ich hatte bereits am ersten Tag so viel Glück“, sagt der 19-Jährige, lacht durch den Telefonhörer.

„Ich will auch kein zu großes Risiko eingehen“

Von Stuttgart ging es Tag für Tag über Freiburg, Frankreich bis Barcelona. Er schläft bei Menschen, die er im Internet kennenlernt auf der Couch oder in seinem grünen Zelt, das er im Busch aufstellt. Ja, es gehöre Mut dazu, gesteht er ein. Und auch mit Angst, vor allem nachts, habe man es zu tun, sagt er nachdenklich. 

„Ich will auch kein zu großes Risiko eingehen.“ Mit wem er mitfährt, prüfe er, spricht mit den Menschen erst auf Parkplätzen oder bei einem Kaffee, auf den er oft eingeladen wird. Die meisten finden es toll, „was ich mache“, sagt er. Alles geht gut. Bis zur Stadt Murcia. In seinem Reiseblog im Internet schreibt Simon Heilmann: „Keinen Bock mehr auf Trampen – Segelzeit rinnt auch davon.“ Er nimmt den Bus. Denn sein zweites großes Ziel ist es: „Über den Atlantik zu trampen.“ Ja, richtig gelesen.

Mit dem Segelboot nach Südamerika

„Ich will bei Gibraltar auf einem kleinen Segelboot anheuern“, sagt er am Donnerstag. Darauf wird er mithelfen müssen. Dieses sollte gestern in See stechen, einen Monat wäre er dann mit zwei Schweizern in Richtung Südamerika unterwegs. „Ich denke, dass wird eine wahnsinnige Erfahrung, so viel Zeit auf engstem Raum“, sagt er. 

„Ich weiß nicht mal, ob ich seekrank bin.“ Er muss lachen. Und: „Wird schon gut gehen.“ Gestern sollte das Boot am Abend ablegen, seither ist der 19-Jährige auch nicht mehr erreichbar. „Netz und Internet gibt es am Boot nicht“, hat er bereits angekündigt.

Für Heilmann zählt die Erfahrung. Das für ihn Wichtigste? „Oft hört man, dass die Welt und so viele Menschen so schlecht sind. Aber das stimmt nicht. Ich habe so viele nette Menschen beim Trampen getroffen, viele geben mir Essen oder laden mich ein.“ 

Weihnachten hat er übrigens bei einer Familie aus Gibraltar gefeiert, die ihn zum Essen eingeladen hat. Er sagt: „Der Großteil der Menschen ist gut. Das ist vielen nicht bewusst.“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Zwei Jobs und trotzdem obdachlos - Darum ist Astrid Lenz (55) kein Einzelfall
Vaterstetten/ Landkreis Ebersberg: Astrid Lenz hat zwei Jobs - trotzdem ist sie quasi obdachlos. Die 55-Jährige ist bei Weitem kein Einzelfall.
Zwei Jobs und trotzdem obdachlos - Darum ist Astrid Lenz (55) kein Einzelfall
Segmüller-Parkplatz: Mann (77) rammt vier Fahrzeuge und flieht
Spektakuläre Unfallflucht auf dem Segmüller-Parkplatz_ Ein 77-jähriger Münchner rammt vier Fahrzeuge und macht sich aus dem Staub. Die Polizei schnappt ihn später.
Segmüller-Parkplatz: Mann (77) rammt vier Fahrzeuge und flieht
Hobby-Detektiv aus Baldham löst mysteriösen Mordfall - Bleibt der Name des Mörders für immer unbekannt?
Fast 200 Jahre war das Marterl in Aying ein Ort der Spekulationen um einen brutalen Mord. Hobby-Detektiv und Autor Georg Kirner (82) hat das Rätsel wohl nun gelöst.
Hobby-Detektiv aus Baldham löst mysteriösen Mordfall - Bleibt der Name des Mörders für immer unbekannt?
Bahnsteig verschneit und vereist: Rollstuhlfahrerin stürzt auf Bahnsteig - So reagiert die Bahn
Die S-Bahnhöfe im Landkreis sind teils voller Schnee. Die Bahn kommt mit dem Räumen nicht hinterher. Eine Rollstuhlfahrerin ist nun gestürzt und dabei nur knapp dem …
Bahnsteig verschneit und vereist: Rollstuhlfahrerin stürzt auf Bahnsteig - So reagiert die Bahn

Kommentare