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Not macht erfinderisch: Für die vier Waisenfohlen haben Mario Waizmann, Karin Motzkus und Brigitte Forstner einen Tränkeeimer mit fünf Nuckeln gebaut. 

Pferdekinder aus ganz Deutschland kommen nach Frauenneuharting – damit sie überleben

Notfall-Team für Waisenfohlen weiß nicht, wie es weitergehen soll

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Spielend traben die vier Fohlen an einem sonnigen Apriltag von einem zum anderen Ende einer Pferdekoppel in Frauenneuharting. Dass sie hier laufen können, ist ein Wunder.

Frauenneuharting – Bei der Geburt der Pferdekinder sind ihre Mütter gestorben. Das Aufziehen von Waisenfohlen ist sehr schwierig, oft bleibt nur der Weg zum Metzger. Nicht aber mit den Pferderettern von Frauenneuharting. Sie nehmen mutterlose Fohlen aus ganz Deutschland auf. Eine gute Sache. Aber auch Wahnsinn.

Struppi auch Cham

Struppi aus Cham ist eines der vier Pferdekinder auf der Reitanlage in Frauenneuharting. Zwei Wochen alt, wie bei den anderen starb die Mutterstute bei der Geburt. Der Besitzer von Struppi brachte es nach Nordrhein-Westfalen, dann nach Salzburg. Niemand konnte dem Fohlen helfen. Niemand, außer Brigitte Forstner und den Hofeigentümern Karin Motzkus und Mario Waizmann.

Fütterung per Hand

Zusammen nehmen sie Waisenfohlen auf, füttern sie per Hand und sozialisieren sie mit ihren eigenen Stuten vom Hof, um sie reit- und verkaufstauglich zu machen. Nach ein paar Monaten kommen die Pferde zu den Besitzern zurück. Und das alles: umsonst!

Die Geschichte von den Waisenpferden in Frauenneuharting begann vor einem Jahr. Karin Motzkus übernahm mit ihrem Lebenspartner Mario Waizmann den Bauernhof ihrer Eltern. Sie wandelten den Hof in eine Pferdepension und einen Reiterhof um.

Kurzerhand neuen Stall gebaut

Die ersten Pferde kamen, dann meldete sich Brigitte Forstner aus Griesstätt im Kreis Rosenheim. Für zehn Pferde suche sie Platz. Und sie schaue nach einem Pferdehof für ihr einzigartiges Waisenfohlen-Projekt. Das Frauenneuhartinger Paar war dabei, und baute für die Fohlen kurzerhand einen neuen Stall.

Für Menschen gibt es Waisenhäuser, für Pferde gibt es: nichts. Wenn Mutterstuten sterben oder ihre Fohlen verstoßen, würden sich viele Pferdebesitzer nicht zu helfen wissen, sagt Forstner, als sie neben dem Elektrozaun der Pferdekoppel steht.

Die meisten landen beim Metzger

Der Darmtrakt von Fohlen sei extrem empfindlich, sie bekämen schnell Fieber. Nur eine von 1000 Stuten nehme ein fremdes Pferdekind auf. Waisenfohlen würden deshalb meist „verrecken“, oder „zu Pferdesteaks“ verarbeitet werden. Brigitte Forstners Sprache ist derb, das Thema ist ihr ernst.

Forstner wird auf der Reitanlage nur „Gitti“ genannt. In der Szene ist sie keine Unbekannte: Die 51-Jährige hat Bücher geschrieben, war im Fernsehen, ihre Facebook-Seite „Frau Vogel - eine Chance für Waisenfohlen“ hat 55 000 Likes. Sie ist eine Koryphäe der Waisenfohlen-Aufzucht. Deutschlandweit.

Frau Vogel war eine Schimmelstute

„Frau Vogel“, das war eine Schimmel-Stute, die Forstner vor 20 Jahren beim Pferdehändler kaufte. Eigentlich hieß das Pferd „Ladybird“, „weil wir aber in Bayern sind, nannte ich sie Vogel“, sagt die Fohlenretterin. Das Besondere an „Vogel“: Das von einer Stute verstoßene Fohlen einer Freundin nahm „Frau Vogel“ auf. Wie eine Ziehmutter. In der Pferdewelt heißt das Ammenstute.

So kam Brigitte Forstner die Idee des Waisenfohlen-Projekts. 29 Pferdekinder habe sie seitdem großgezogen, keines sei bisher gestorben.

„Wir verdienen keinen Cent“

Wenn die Pferde ein halbes bis ein Jahr alt sind, geben sie die Tiere an ihre Besitzer zurück. „Die verkaufen die Tiere später für 20 000 bis 30 000 Euro“, sagt Mario Waizmann. „Wir verdienen keinen Cent.“

Wieso machen die Pferdeliebhaber dann das Ganze? „Weil die Fohlen sonst sterben“, sagt Forstner. Manche Fohlenbesitzer können nichts zahlen, manche wollen nicht. „Die setzen uns die Pistole auf die Brust“, sagt sie. Von den 25 Pferdebesitzern, deren Fohlen sie aufgezogen hat, stehe sie noch mit drei in Kontakt. „Traurig“, sagt Forstner.

60 Kilo Vollmilchpulver

Lediglich für den Unterhalt müssen die Besitzer aufkommen. 60 Kilo Vollmilchpulver brauche ein Fohlen im Monat. Macht 250 Euro allein fürs Futter.

Das Aufziehen der Fohlen ist eine „Mordsarbeit“: Alle drei Stunden Füttern, Motzkus macht die Nachtschicht, Waizmann die Frühschicht, Forstner Spätdienst. Zusätzlich zu den 25 Unterstellern der Reitanlage. Brigitte Forstner ist Frisörin: „Irgendwo muss das Geld ja herkommen.“

Das Aufziehen von Waisenfohlen sei in Deutschland total unorganisiert, sagt Waizmann. „Auch vom Pferdezuchtverband gibt’s keine Hilfe.“

Wie es mit den Waisenfohlen von Frauenneuharting weitergehen soll, wissen die Pferderetter nicht. Dass sie umsonst arbeiten, könne keine Dauerlösung sein. „Wir brauchen Menschen, die uns unterstützen“, sagt Forstner.

Nicht immer meinen es die Menschen gut mit den Tieren. Lesen Sie dazu auch: 

Wer tut sowas? Tierquäler werfen kleinen Igel in Wassertopf

Oder: Tierquäler vergast zehn Chinchillas

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