Ausgedient hat die historische Kramer-Waage, wohl aus den 1920ern, die Jutta Fink vom gleichnamigen Gemischtwarenladen in der Gemeinde Frauenneuharting zum 100. Geschäftsjubiläum ins Schaufenster gestellt hat.
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Ausgedient hat die historische Kramer-Waage, wohl aus den 1920ern, die Jutta Fink vom gleichnamigen Gemischtwarenladen in der Gemeinde Frauenneuharting zum 100. Geschäftsjubiläum ins Schaufenster gestellt hat.

JUBILÄUM - Seit 100 Jahren betreibt Familie Fink einen Gemischtwarenladen in Tegernau

Schön, dass es das noch gibt: Kramer alter Schule

  • Josef Ametsbichler
    VonJosef Ametsbichler
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Es ist, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Im Frauenneuhartinger Gemeindeteil Tegernau gibt es noch einen guten alten Kramerladen. Der feierte jetzt sein 100-jähriges Bestehen.

Tegernau – Die Wiener und der Leberkäs sind zurzeit im Angebot. Das steht auf Plakaten, gleich an der Ladentür. Daneben wiegen sich drei kupferfarbene Helium-Ballons im Wind, die zusammen die Zahl 100 bilden. Seit 100 Jahren versorgt der Kramerladen im Frauenneuhartinger Ortsteil Tegernau den Ort mit allem, was man so zum Leben braucht. Brot, Wurst, Grablichter, Zigaretten, Müllbeutel, Mayonnaise, Schulhefte, Mehl, Eier, Zwetschgen, Shamoo, Socken, Eis:

Die Bezeichnung „Gemischtwarenladen“ ist keine Untertreibung. Vom 4. September 1921 datiert der Gewerbeschein, den das Schneider-Ehepaar Ottilie und Heinrich Fink beantragt hat – geblieben ist von der Schneiderei, die sich in den 1950ern aufhörte, der Hausname. Den verwenden die Einheimischen bis heute: In Tegernau kauft man die Wurst beim „Schneider“.

Kramerladen in Tegernau: Statt zuzusperren, wurde neu investiert

Jutta Fink, 59, steht in roter Kittelschürze in der Ladentür und ruft einer Nachbarin, die sich gerade mit Bananen, Weintrauben und Schokolade eingedeckt hat, ein „Servus!“ hinterher. Sie erinnert sich noch gut, wie sie und ihr Mann Heinrich den Gemischtwarenladen von dessen Eltern übernahmen. Statt zuzusperren, investierten sie in neue Kühlgeräte und brachten den Laden auf den Stand, den die Lebensmittelüberwachung vorschreibt. Und stellten sich über die Jahre auf neue Kundenbedürfnisse ein: Den kompletten Wocheneinkauf erledigen nur noch wenige beim Dorfkramer. Obwohl der mit seinen rund 1300 Artikeln sortimentstechnisch gut mit einem Discounter mithalten kann. „Es sind eher Zukäufe“, sagt die Kramerin.

Brot, Süßigkeiten und Zigaretten griffbereit: Heinrich Fink (li.) hinter der Verkaufstheke des Kramerladens.

Und, ganz wichtig: die Brotzeiten. Rund 50 Semmeln mit Braten, Wurst und Leberkäse bestellen die Handwerksbetriebe aus der Umgebung jeden Tag. An diesem Tag muss Heinrich Fink, 68, noch mal zur Bäckerei: Die Laufkundschaft hat den Semmelkasten leergekauft. „Mit Vitaminen?“, fragt Fink gern, bevor er beim Belegen ins Essiggurkenglas fischt. Der Spruch wird nicht alt.

Kramerladen in Tegernau: Andenken im Schaufenster

Ins Schaufenster haben die Finks anlässlich ihres Ladenjubiläums statt der Hefte zum Schulstart einen Schwung Andenken längst vergangener Jahrzehnte gestellt: Die analoge Kramerwaage mit dem Pendelzeiger war noch bis zur Jahrtausendwende im Einsatz, erinnert sich Jutta Fink. Daneben steht eine tastaturlose analoge Schreibmaschine, die ein wenig wie ein Folterinstrument aussieht – und laut Kramer Heinrich Fink beim Benutzen einen ähnlichen Effekt hervorruft. Neben der emaillierten Kaffee- und Nussmühle stehen auch Relikte aus der „Schneiderzeit“: das erste elektrische Bügeleisen, das der Familienbetrieb im Einsatz hatte und eine schwere, gusseiserne Knopflochzange, wieder ein Exponat, das aus einem Foltermuseum stammen könnte.

Im Alltagsbetrieb des Tegernauer Tante-Emma-Ladens hat dagegen längst die Digitalisierung Einzug gehalten. Die Warenbestellungen laufen per Laptop, und wenn der Zulieferer der Rewe Jutta Fink per Smartphone über einen Warenrückruf benachrichtigt, hat sie binnen vier Stunden das betreffende Produkt aus dem Regal geräumt und das wiederum per Smartphone bestätigt.

Historisches Haus: Der ursprüngliche Kramerladen, noch mit der Schneiderei, vor dem Umbau in den 1960ern.

Bei ein paar Dingen sind die Finks aber noch Gemischtwarenhändler alter Schule: Statt eines elektronischen Kassensystems surrt die elektronische Rechenmaschine mit der Papierrolle, wenn Heinrich Finks Finger die Preise, von denen er viele auswendig weiß, in die Plastiktasten klopfen. Kartenzahlung? Fehlanzeige. Und wie bei der Kramer-Generation davor liegt in einer Schublade unter der Ladentheke das Büchlein, in dem die Finks die Schulden ihrer Stammkunden notieren, wenn die mal den Geldbeutel daheim vergessen haben. So kann es die nächsten 100 Jahre bleiben.

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