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Anton Voglsinger und seine Frau Katharina in der Wirtsstube ihres Gasthauses in Tegernau. Dieses ist seit vergangener Woche Geschichte.

Voglsinger hat zugemacht

Wirtshaussterben im Landkreis Ebersberg geht weiter

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„Wenn ein Wirtshaus am Ort stirbt, dann stirbt auch die Kommunikation“, sagt Wirt Anton Voglsinger. Sein Gasthaus in Tegernau hat für immer seine Pforten geschlossen.

Landkreis – „Das hat sich schon lange abgezeichnet“, bedauert Frauenneuhartings Bürgermeister Eduard Koch den Wegfall einer wichtigen Kommunikationszentrale im Dorf. „Wenn er 60 Jahre alt wird, hört er auf“, habe der Wirt schon beizeiten angekündigt. Richtig geglaubt, habe man das nicht. Besser: Man hatte die leise Hoffnung auf eine Verlängerung. „Wer noch da ist, ist der Höherwirt“, sagt Koch.

Letzte Bastion einer eingefleischten Fangemeinde

Das urige Wirtshaus „beim Höher“ ist die letzte Bastion einer eingefleischten Fangemeinde im ganzen Landkreis Ebersberg. Im Sommer herrscht hier beim „Flaschlwirt“ lebhafter Biergartenbetrieb. Gastromisch war früher in Frauenneuharting die Auswahl größer. Zum Beispiel gab es in Neuhardsberg eine Gaststätte, in der das Bier an einer blechüberschlagenen Schänke gezapft wurde – ganz wie in früheren Zeiten, richtig nostalgisch. Sogar eine Terrasse gab es, mit einer spektakulären Aussicht über die Sensauer Filze ins Land. Die Gaststätte war deshalb auch ein beliebter Treffpunkt für Motorradfahrer. Alles längst Geschichte.

Genug Beispiele versunkener Dorfgasthäuser

Die Frauenneuhartinger sind mit ihrem Problem nicht alleine. Beispiele für versunkene Dorfgasthäuser gibt es genug im ganzen Landkreis Ebersberg. Erinnert sei hier vielleicht an den Gasthof Greiml in Gelting, der einem Neubaugebiet weichen musste. Immerhin: Der Boden des traditionsreichen Wirtshauses wurde im Markt Schwabener Heimatmuseum eingebaut, wie dort ebenfalls die alten Biertische und -Bänke aus dem Gasthaus zur Post in Markt Schwaben Verwendung fanden, in dem jetzt mexikanische Küche angeboten wird. Bayerische Wirtshauskultur ist dafür ins Museum gewandert.

Das Sterben begann vor Jahrzehnten

Der Beginn des Gasthaussterbens im Landkreis hat vor Jahrzehnten schon begonnen. In Wildenholzen zum Beispiel lockte das „Dachsloch“ mit seiner urigen Atmosphäre einst Gäste bis hinauf zur Landeshauptstadt an. „Sogar Theater wurde dort gespielt“, kann sich Heimatforscher Hans Huber aus Taglaching erinnern. Frischer ist die Erinnerung an den „Brucker Wirt“, der ebenfalls aufgegeben wurde. Das Gasthaus war für rustikalen Umgangston genauso bekannt wie für legendäre Schweinshaxen, die die Wirtin auf Vorbestellung servierte.

30 Jahre lang war Anton Voglsinger in Tegernau Wirt und oft genug auch Gesprächspartner. „Zu uns kamen bis zum Schluss Gäste, die kamen schon, als ich noch nicht mal auf der Welt war“, sagt er. Drei Generationen lang war die Familie für das Wohl der Stammtischler genauso zuständig wie für das der Auswärtigen. Im Saal fanden Versammlungen statt.

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 „Es ist schade, dass das in Frauenneuharting immer weiter zurückgeht“ bedauert Koch. „Das hängt damit zusammen, dass wir ein Pfarrheim und eine Mehrzweckhalle haben, und dass dadurch Veranstaltungen verlagert wurden. Das ist eine Sache, die eine Rolle spielt.“ Das sei aber ein „Problem, das ich nicht aufhalten kann“.

Dorfgemeinschaftshaus kam hinzu

Manchmal kommen jedoch sogar neue Versammlungsstätten dazu – wie etwa das Dorfgemeinschaftshaus Lorenzenberg, in dem mehr als 20 000 freiwillige Arbeitsstunden stecken. Beliebte Wirtin ist Angie Raatz. Aber auch sie sagt: „Wir bekommen Auflagen, das macht bald keinen Spaß mehr.“ Spaß gemacht hat der Abschied von Tegernau den „Voigas Ebern“ des TSV Ebersberg. Sie rückten am letzten Tag mit Musik an. „Das war echt schön“, freute sich Voglsinger, und spielte auf dem Akkordeon mit.

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Der Fachkräftemangel in der Gastronomie bedroht den Fortbestand der Wirtshäuser in Bayern. Die Wirte hoffen nun auf das neue Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz. 

Das Gasthaus Inselkammer in Siegertsbrunn ist derzeit geschlossen. Dennoch bot der Online-Anbieter Groupon weiterhin Essens-Gutscheine. Jetzt gibt es gute Nachrichten für die Käufer.

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