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Freiwillig: Dieser Lehrer wird Praktikant

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„Sie wissen schon, dass Sie um 13 Uhr nicht nach Hause gehen dürfen!“: Michael W. Streifinger in der Redaktion der Ebersberger Zeitung. Foto: Jürgen Rossmann
„Sie wissen schon, dass Sie um 13 Uhr nicht nach Hause gehen dürfen!“: Michael W. Streifinger in der Redaktion der Ebersberger Zeitung. Foto: Jürgen Rossmann

Oberpframmern - Sieben Jahre unterrichtete Michael W. Streifinger am Domgymnasium Freising. Dann wurde der Oberpframmerner Oberstudienrat (37) für ein Jahr in die freie Wirtschaft abgeordnet - zur Stadtwerke München GmbH (SWM). Jetzt macht er Karriere an der LMU München.

- Wieviel Jahresurlaub hatten Sie bei den Stadtwerken?

Streifinger (lacht): Ganz normal 30 Tage. Natürlich hat man als Lehrer (Fächer: Erdkunde, bilinguale Geographie und Englisch, Anm. d. Red.) im August frei, aber die verbleibende unterrichtsfreie Zeit wie Oster- oder Pfingstferien wird für Korrekturen und Vorbereitungen verwendet. Die zahlreichen freien Wochenenden während meines Jahres bei den Stadtwerken nutzte ich im Sinne einer Frischzellenkur für Freizeitaktivitäten und familiäre Dinge.

- Im Schuljahr 2007/2008 gingen Sie zu den Stadtwerken München. Wie kam es dazu?

Das Projekt nennt sich „Lehrer in der Wirtschaft“ und wird seit 2001 vom Bayerischen Kultusministerium und dem Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft (bbw) initiiert. Projektträger ist die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). Man kann sich nicht selbst bewerben, sondern wird von der Schulleitung vorgeschlagen. Hintergrund ist, dass Lehrer Erfahrungen in der freien Wirtschaft sammeln sollen, um dieses Wissen dann an ihre Schüler weiterzugeben. Leider richtet sich dieses Projekt nur an Gymnasiallehrer. In meinem Jahrgang hatten sich bayernweit 14 Lehrkräfte gemeldet, sieben Stellen waren zu vergeben.

- Das heißt, Sie mussten sich ganz normal bewerben wie ein Schüler, der eben von der Schule kommt?

Ja, es gab ein Auswahlverfahren. Ich musste Bewerbungsmappen zusammenstellen und zu Bewerbungsgesprächen in die einzelnen Unternehmen kommen. Das war natürlich eine neue und interessante Erfahrung für mich, weil ich das ja durch meine Ausbildung zum Lehrer so nicht kannte.

- Bei welchen Unternehmen haben Sie sich vorgestellt?

Bei Siemens, BMW und bei den Stadtwerken. Das ist schon ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl, wenn man einen Raum betritt und drei Herren im Nadelstreifenanzug vor einem sitzen. Ich habe mich natürlich auf die Gespräche vorbereitet, habe mir Zahlen der Unternehmen angesehen. Aber das erste, was man mich bei BMW gefragt hat, war: „Was halten Sie von unserer Raumgestaltung?“ Darauf ist man nicht vorbereitet, jetzt weiß ich, dass man mit so etwas rechnen muss.

- Und dann waren Sie plötzlich kein Lehrer mehr, sondern Praktikant. . .

Ganz genau. Ich bin die ersten zwei, drei Monate erst einmal durch alle Abteilungen gegangen, habe Workshop-Protokolle geschrieben. Dann habe ich im Veränderungsmanagement gearbeitet. Diese Abteilung ist der Personalentwicklung unterstellt. Es geht dabei vor allem um die Optimierung von Kommunikationsprozessen innerhalb einzelner Fachbereiche des Unternehmens und um Mitarbeitermotivation.

- Sie waren „der Neue“. Gab es Vorurteile bei den Kollegen?

Es war auch für die Stadtwerke eine völlig neue Erfahrung, weil sie sich zum ersten Mal an diesem Projekt beteiligt hatten. Ich erinnere mich an einen Spruch eines Kollegen. Er kam am ersten Tag um 13 Uhr zu mir und sagte: „Sie wissen schon, dass Sie jetzt nicht nachhause gehen dürfen.“ Er hat das zwar mit einem Augenzwinkern gesagt, aber mir war schon klar, dass man gerade als Lehrer positiv wirken muss und zeigen sollte, dass man flexibel und auch Unternehmens-kompatibel ist.

- Konnte das Domgymnasium Sie überhaupt so einfach freistellen? Sie hatten ja bereits einige Aufgaben in der Schule übernommen.

Ja, ich habe seit 2001 am Domgymnasium unterrichtet, war ab 2003 Fachbetreuer Geographie und außerdem Praktikumslehrer, das heißt, ich habe Studenten betreut, die Lehrer werden. Das Bewerbungsverfahren lief ja einige Wochen, sodass sich die Schule darauf einstellen konnte, dass ich eventuell ein Jahr nicht da sein werde. Im Juni 2007 war dann klar, dass ich ab September fehlen werde. Die Schulleitung des Domgymnasiums hatte also genügend Vorlauf, meine Abordnung einzuplanen. Meine Aufgaben wurden auf zwei Kollegen verteilt.

- Eigentlich sollten Sie nach Ihrem Jahr in der freien Wirtschaft ein Projekt am Domgymnasium betreuen. Es kam dann aber anders. . .

Ich sollte die Kommunikationsstruktur zwischen den Lehrern optimieren und ein Intranet erstellen. Es war aber gerade eine Umbruchphase am Domgymnasium. Die Schulleitung wurde altersbedingt neu besetzt. Außerdem bekam ich gerade zu dieser Zeit ein Angebot des Kultusministeriums als Dozent für Geographie an der Ludwig-Maximilians-Universität zu arbeiten. Das habe ich natürlich sofort angenommen. Diese Abordnung ist im Sommer 2010 ausgelaufen. Im Rahmen dieser zwei Jahre sollte neben meiner Lehrtätigkeit mit dem Schwerpunkt Lehrerausbildung die bereits begonnene Promotion fertig gestellt werden. Nach erfolgreicher Beendigung meiner Promotion im Juni 2010 stellte mein Doktorvater, der selbst Lehrstuhlinhaber für Physische Geographie und Landschaftsökologie ist, einen Antrag auf Verlängerung meiner Abordnung an die LMU. Dieser wurde vom Kultusministerium befürwortet. Ich habe nun drei Jahre Zeit, mich zu habilitieren. Mein Thema lautet: „Medien im Kontext des praxisorientierten Geographieunterrichts der neuen gymnasialen Oberstufe - P-Seminar.“ Als neu gewählter Landesvorsitzender der Bayerischen Schulgeographen (VDSG) vertrete ich zudem die Interessen aller bayerischen Geographielehrer auf Landes- aber auch Bundesebene.

- Was ist besser: Eine Tätigkeit in der freien Wirtschaft oder der Lehrberuf?

Für mich ganz klar der Lehrberuf. Das ist eine Passion, nicht nur ein hochinteressanter Beruf. Die freie Wirtschaft war ein erfahrungsreicher Blick über den Tellerrand der Schullandschaft in eine zunächst fremde Welt, durch den mir der Schritt an die Universität leichter gefallen ist. Denn auch das war wieder eine neue Herausforderung. Für mich gilt: Junge Menschen ein Stück ihres Weges Richtung Berufsleben zu begleiten, ist für mich Berufung, nicht Beruf, unabhängig davon ob das eigene Betätigungsfeld in der Schule oder Hochschule anzusiedeln ist.

Das Gespräch führte Tanja Beetz

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