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In diesem vom Grundwasser gespeisten Tümpel bei Unterelkofen fehlt es an Wasser. Klares Zeichen, dass sich das Klima verändert, ist Björn Walz überzeugt. Üblich wäre ein Wasserstand knapp einen halben Meter höher.

Klimawandel und seine Folgen 

Für die Fichte im Landkreis wird’s eng

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Klimawandel vor Ort. Was sich im Landkreis ändert und was auf uns in den kommenden Jahren alles zukommt, erklärt Meteorologe Björn Walz. Er warnt vor massiven Schäden. 

Landkreis – Als am 6. Juni gegen 17 Uhr dunkelgraue Gewitterwolken im Landkreis aufziehen, geht alles ganz schnell. Es kracht, unzählige Blitze schlagen um Grafing und Aßling ein, literweise Starkregen prasselt nieder, die Bahnunterführung in Grafing-Bahnhof steht innerhalb von Minuten fast 40 Zentimeter unter Wasser. Es ist ein Gewitter, an das sich die Menschen in Zukunft gewöhnen müssen, hat Meteorologe Björn Walz kurz danach prognostiziert. Intensiver und schlagartiger als in den letzten Jahrzehnten.

Sechs Wochen später, Mitte Juli. Björn Walz schlendert durch ein Waldstück bei Unterelkofen, streicht mit seinen Fingern über den grau-braunen Waldboden durch das Laub. „Seit Monaten regnet es zu wenig“, sagt er. Der Landkreis, und darüber hinaus weite Teile der ganzen Republik, leiden derzeit unter Trockenheit – auch wenn es in Bayern an diesem Wochenende kräftig geregnet hat. In Nordostdeutschland ist es mancherorts die schlimmste Dürre seit 50 Jahren.

Die Vegetation wird anders

„Die gesamte Vegetationszeit verändert sich“, sagt Walz. Die Heuernte im Landkreis falle in diesem Jahr bis zu einem Drittel geringer aus, als im Durchschnitt der vorhergegangenen Jahre, hat er sich von Bauern im Landkreis erzählen lassen. Das Grundwasser ist stark abgesunken. In dem Waldstück südlich von Grafing bis zu einem halben Meter. Ein von Grundwasser gespeister Tümpel dort, vor dem Walz steht, droht auszutrocknen, der Wasserstand habe sich Stück für Stück verringert. Frösche kämpfen darin ums Überleben darin.

Der graue Lehmboden am Tümpelrand ist spröde. Auch anderenorts, beispielsweise im Brunnen der Station Anzinger Sauschütt, nähert sich das Grundwasser nach Angaben des Niedrigwasser-Informationsdienstes Bayern einem sehr niedrigen Stand an – und liegt damit massiv unter dem Durchschnitt, derzeit etwa einen Meter. Der Waldboden in Unterelkofen hat zu wenig Wasser gespeichert. Walz klopft auf den Boden, darunter sei es mancherorts staubtrocken. Fichten geraten dort mit ihren flachen Wurzeln sichtbar in Stress. Braune Nadeln sind die ersten Anzeichen hier im Wald.

Auch in den vergangenen Jahren gab es längere Trockenphasen und überdurchschnittliche Sommerhitze, der bereits Dutzende Bäume zum Opfer gefallen sind. An vielen Standorten mussten Fichten geholzt werden, weil sie sonst eine Gefahr geworden wären – auch in Unterelkofen. Geschwächte Bäume führen dazu, dass sich der Borkenkäfer vermehrt. Walz geht so weit, dass er sagt: „Auf längere Zeit gesehen wird die Fichte im Landkreis keine Zukunft haben.“ Wir reden über die nächsten 40 bis 80 Jahre.

Stichwort: Wetterextreme

Wie beide Szenarien, Wetterextreme wie der unberechenbare Starkregen im Juni und die über Monate anhaltende Trockenheit, also einfach zu wenig kontinuierlicher Regen, zusammen passen und wieso es Zeichen des Klimawandels in der Region sind, erklärt Walz. Seit bald 35 Jahren zeichnet er Niederschlags- und Temperaturwerte auf, archiviert und analysiert diese. Es sind Daten, die eine klare Sprache sprechen, sagt er. Diese und jahrhundertelange Zeitreihe wie die vom Hohenpeißenberg beweisen: Momentan komme es nicht zu den üblichen Witterungs- bzw. Wetterschwankungen, die es seit Jahrtausenden „schon immer gegeben hat“, so Walz. Auf jene berufen sich Skeptiker des Klimawandels. Sondern es gebe immer häufiger vom Durchschnitt abweichende Tiefen und Spitzen. Walz sieht „Wetterextreme“, die sich durch eine Veränderung des Klimas ergeben.

Der zunehmende Ausstoß von Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid oder Methan seit der Industrialisierung habe, so erklärt Walz, dazu geführt, dass sich mittlerweile alle Regionen der Erde erwärmen – dies ist mit natürlichen Schwankungen des Klimas, etwa durch leichte Änderungen der Sonnenstrahlung, nicht mehr erklärbar. Die Polkappen schmelzen ab, besonders der Eisschild des Nordpolarmeeres schrumpft. Weniger Eis und Schnee reflektieren weniger Sonnenlicht ins Weltall. Heißt: Die Sonnenenergie erwärmt dort das Wasser überproportional – ein Teufelskreis, der die Erderwärmung fördere. Der Meteorologe sagt: Dadurch komme die Westwindströmung, die „Wettermaschine“ Europas seit jeher, aus dem Gleichgewicht. Höhenwinde ziehen langsamer, bestimmte Wettermuster wiederholen sich über Wochen.

Exemplarisch kann laut Walz der 6. Juni gesehen werden: „Entweder es regnet wochenlang gar nicht oder eben in dieser starken Variante.“ Der Effekt: Die Böden im Landkreis können diese riesigen Mengen an Wasser in so kurzer Zeit nicht aufnehmen. Alles regnet an Ort und Stelle ab. Zu viel Wärme-Energie in der Atmosphäre, führt zu mehr Gewittern und mehr Blitzen. „Der meiste Regen läuft einfach ab“, so Walz und speise damit Bahnunterführungen, Bäche und Flüsse, die dann ruckartig viel Wasser abtransportieren und zu derartigen Katastrophen wie 2016 in Simbach am Inn führen. Sieben Menschen kamen ums Leben. Der Gewittersommer 2016 verursachte nur in Süddeutschland Schäden von 2,5 Milliarden Euro. Auffällig in diesem Jahr sei, dass es seit Ende Januar „viel zu wenig geregnet hat“ als im Durchschnitt der Jahre 1961 bis 1990. Diese Zeitspanne dient als Vergleichswert für die meisten Meteorologen. Auch für Walz. Der Deutsche Wetterdienst die Daten ausgewertet.

April: Abweichung von über fünf Grad vom Durchschnitt

Die Daten dieses Jahres, 2018, seien erschreckend. Ab Februar sind die Regenwerte zum Teil stark unter dem Durchschnitt. Aus einer Messstation in Osterseeon ergebe sich als Beispiel, dass im April nur 21 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen sind; 55 Liter zu wenig als üblich. Im Mai waren es elf Liter zu wenig und im Juni 21 Liter. Wenn es dann regnete, waren es häufig kräftige Niederschläge, weit weniger kontinuierlich als früher.

Beunruhigend sind weiter die Temperaturen. Nach dem rekordwarmen April mit einer Abweichung von über fünf Grad vom Durchschnitt gab es im Mai bereits 14 Tage über 25 Grad, davon sogar zwei Tage über 30 Grad im Landkreis. In den 1960er und 1970er Jahren, gab es im gesamten Sommerhalbjahr gerade einmal vier bis fünf solcher „heißen“ Tage. Bis vergangene Woche waren es bereits sieben – im letzten Sommer 23 Tage, 2015 sogar 35 Tage über 30 Grad.

All das, sagt Walz, führe dazu, dass sich das System verändert. Die Winter kommen später, Regen werde heftiger und Trockenphasen hielten länger. Der Wald in Unterelkofen mit den trockenen Fichten, den Borkenkäfern und dem absinkenden Grundwasser ist nur eines vieler Zeichen hier direkt vor der Haustüre.

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