„Wer für einen Dumpinglohn schuftet, der fühlt sich von der Gesellschaft mit Füßen getreten.“ Heinrich Birner von der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft

Gewerkschaften schlagen Alarm: Landkreisbetriebe nutzen schamlos Frauen aus

Landkreis Ebersberg - Im Landkreis Ebersberg haben Frauen die schlechteren und die schlechter bezahlten Jobs. Das ergab eine Untersuchung. Die Gewerkschaft ver.di übt heftige Kritik an dieser Entwicklung.

Frauen werden im Landkreis mehr und mehr in Teilzeit- und Mini-Jobs gedrängt: Nach Angaben des Pestel-Instituts, einem Forschungsunternehmen und Dienstleister für Kommunen, Unternehmen und Verbände auf dem Gebiet der Regionalentwicklung, sind lediglich 37 Prozent aller Vollzeitstellen im Landkreis Ebersberg mit Frauen besetzt. Ganz anders bei den Teilzeit- und Mini-Jobs: Hier beträgt der Frauenanteil 71 Prozent. „Frauen machen immerhin rund 7110 Mini-Jobs im Landkreis Ebersberg. Gerade hier ist das Niedriglohn-Risiko am höchsten: Zwei von drei der Mini-Jobs werden mit weniger als 8,50 Euro pro Stunde bezahlt. Oft liegen sie sogar weit darunter“, sagt Heinrich Birner von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di). Der Geschäftsführer des ver.di-Bezirks München spricht von einer „Niedriglohn-Schicht“, die vom „fair bezahlten und damit anständigen Arbeitsmarkt“ mehr und mehr abgekoppelt werde. „Gerade Frauen werden als billige Arbeitskräfte von Teilen der heimischen Wirtschaft regelrecht ausgenutzt“, so Birner.

Gemeinsam mit ver.di übt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) heftige Kritik an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt im Landkreis: „Arbeitsplätze, von denen man leben kann, werden systematisch abgebaut. Mini-Jobber übernehmen die Arbeit von Vollzeitkräften. Jobs werden zerschlagen, Löhne gedrückt“, sagt Mustafa Öz. Der Geschäftsführer der NGG-Region München belegt dies mit Zahlen des Pestel-Instituts aus Hannover, das ver.di und NGG damit beauftragt haben, die regionale Arbeitsmarktsituation zu beurteilen. Demnach hat die Zahl der Mini-Jobs in den vergangenen zehn Jahren um 122 Prozent zugenommen. „Mini-Jobber sind moderne Tagelöhner - mies bezahlt mit wenig Schutz“, so Öz. Der Geschäftsführer der NGG-Region München beklagt eine „völlig verlotterte Moral im Umgang mit dem Wert von Arbeit“. „Wer für einen Dumpinglohn schuftet, der fühlt sich von der Gesellschaft mit Füßen getreten. Und das völlig zu Recht“, sagt Heinrich Birner. Die Bundesregierung habe hier „auf ganzer Linie versagt“. Seit Jahren stemme sie sich gegen einen gesetzlichen Mindestlohn. „Dabei wird es höchste Zeit, diese Notbremse zu ziehen. Arbeit ist keine Dumpingware. Sie darf nicht länger nach dem Geiz-ist-geil-Prinzip auf den Wühltischen der Arbeitsvermittler angeboten werden“, so der ver.di-Bezirksgeschäftsführer. Vordringliche Aufgabe der neuen Bundesregierung müsse es daher sein, einen gesetzlichen Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro einzuführen.

„Für einen Niedriglohn zu arbeiten, bedeutet, dass man den Gürtel ganz eng schnallen muss. Wer dazu gezwungen ist, hat nicht mehr das Gefühl, dazuzugehören“, sagt Mustafa Öz. Dumpinglöhner lebten längst in einer „Verzichtskultur“, zu der sie gezwungen seien. Ganze Familien würden dabei vom gesellschaftlichen Leben abgekoppelt. „Bus- und Bahnfahrten sind für diese Menschen oft schon etwas Besonderes“, so der Geschäftsführer der NGG-Region München.

Ver.di und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten appellieren an alle Beschäftigten, die einen Niedriglohn von weniger als 8,50 Euro pro Stunde bekommen, diesen online beim Dumpinglohnmelder (www.dumpinglohnmelder.de) anzuzeigen. Beide Gewerkschaften wollen so die „Deutschland-Billiglohn-Landkarte“ vervollständigen. Es zeichne sich dabei ab, dass „die Armut ganz oft weiblich ist“, so ver.di und NGG. ez

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