Auslaufmodell wegen fehlenden Auslaufs: Ein Rind in einem Anbindestall, wo es mit einer Kette fest an einem Platz fixiert ist. Dort steht, liegt, frisst, trinkt und erleichtert sich das Tier.
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Auslaufmodell wegen fehlenden Auslaufs: Ein Rind in einem Anbindestall, wo es mit einer Kette fest an einem Platz fixiert ist. Dort steht, liegt, frisst, trinkt und erleichtert sich das Tier.

Druck von Molkereien und Handel

Milchbauern sollen Ställe umbauen für mehr Kuh-Freiheit - Viele hören stattdessen auf

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Die Anbindehaltung, das Festbinden der Kuh an ihrem Platz im Stall, ist ein Modell auf dem Rückzug. Handel und Molkereien machen den Bauern Druck, auf Laufställe umzurüsten. Ihr Argument: Der Kunde will es so, des Tierwohls wegen. Viele Milchbetriebe geben stattdessen auf.

Glonn/Landkreis – Gelassen steht Heidelbeere da, kaut an einem Maul voll Heu und schaut nach vorn. „Mein Hof ist ein geschlossener Kreislauf“, sagt Peter Wimmer und tätschelt ihre Flanke. „Wenn sie keine Milch mehr gibt, kommt sie zum Metzger. Und ihr Kalb wird die neue Kuh.“ Heidelbeere zuckt und schaut sich um. Als sie den Bauern sieht, beruhigt sie sich sofort. Noch ist es ja nicht soweit. Und bis es soweit ist, davon ist der Landwirt überzeugt, haben Heidelbeere und ihre rund 40 Mit-Milchkühe auf dem Hof in Fraunreuth bei Glonn ein gutes Tierleben. Trotz – oder wegen – der Anbindehaltung.

„Entscheidend für das Tierwohl ist nicht das Stallgebäude, sondern das Management“, sagt Wimmer und tippt sich auf die Brust. Mehrmals am Tag schaut er im Stall vorbei, von seinen Kühen weiß er den Namen und wie sie ticken. „Jede Kuh hat einen eigenen Charakter“, sagt er. Daran, was vorne rein- und hinten wieder rauskommt, sieht er, ob die Tiere gesund ist. Und wenn er täglich in aller Herrgottsfrüh das Melkzeug ansetzt, buckelt er mit ihnen auf Tuchfühlung.

Die Milchkuh auf ihrem Platz angebunden: Solche Höfe werden immer seltener

Der Stall des 50-Jährigen entspricht oberbayerischem Landidyll wie aus dem Reiseführer: ein Kleinbetrieb, seit Generationen in der Familie. Und Kühe, die Heidelbeere, Birgit oder Kuckuck heißen. Wäre da nicht eine Sache: Sie sind mit Halsrahmen und -bändern dauerhaft fest an einem Platz angehängt. Hinlegen auf die Gummimatte, aufstehen, den Kopf drehen, ein halber Schritt hin und her: Mehr Spielraum ist nicht drin. Anbindehaltung eben.

Höfe wie den von Peter Wimmer gibt es im Landkreis Ebersberg immer weniger, das beobachtet das Landwirtschaftsamt in Ebersberg. Vor zehn Jahren praktizierten noch gut die Hälfte der Milchviehhalter Anbindehaltung. Inzwischen seien es weniger als ein Drittel. Einige rüsten um. „Die meisten hören auf“, sagt der Spezialist der Behörde, Wolfgang Freinecker. „Und das beschleunigt sich gerade rasant“, ergänzt der Milchbauer Peter Wimmer. Im 100-Einwohner-Dorf Fraunreuth habe es bis vor fünf Jahren noch vier Milchvieh-Betriebe gegeben. Seit vergangenem Jahr sei sein Hof der letzte.

Öffentliche Diskussion ums Tierwohl: Molkereien wollen Lauf- statt Anbindeställe

Die Anbindehaltung ist nicht zuletzt wegen der geänderten Anforderungen der Molkereien auf dem Rückzug. Die erhöhen schon seit Jahren den Druck auf die Bauern – sie sollen auf Laufstall- oder Kombihaltung umstellen. Letztere ist eine Kompromisslösung, bei der die Tiere mindestens 90 Tage auf der Weide verbringen und die restliche Zeit angebunden im Stall bleiben.

„Ein schwieriges Thema“, sagt Christoph Lodermeier der Redaktion am Telefon. Er ist Rohstoffmanager bei der Molkerei Alpenhain in Lehen im benachbarten Altlandkreis Wasserburg. Die Milchbranche gebe einen Druck weiter, den die Handelsketten aufbauten – mit Verweis auf den Willen der Verbraucher: In der öffentlichen Diskussion ums Tierwohl kommt die Anbindehaltung nicht gut weg. Molkerei-Manager Lodermeier spricht aus, wovor den Milchbauern graut: „Es wird definitiv zu unterschiedlicher Bezahlung kommen.“ Will heißen: Anbinde-Milch wird unrentabler.

Es wird definitiv zu unterschiedlicher Bezahlung kommen.

Molkerei-Manager Christoph Lodermeier über den Preis für Milch aus unterschiedlichen Haltungsformen

Einen Termin gebe es nicht, aber Gespräche über Kriterienkataloge, auch der Gesetzgeber rede mit, mit wieder eigenen Vorstellungen. „Komplette Verwirrung bei den Landwirten“, diagnostiziert Lodermeier angesichts der momentanen Lage. Sein Unternehmen wünsche sich eine möglichst lange Übergangsfrist, in der die Betriebe weitermachen und vielleicht mit Unterstützung einen Umbau stemmen können. Denn Laufstallhaltung braucht Platz und die Kosten eines neuen Stalls gehen in die Millionen.

Ein neuer Stall ist ein Riesenkraftakt.

Milchbauer Peter Wimmer

Das weiß auch Peter Wimmer. „Ein neuer Stall ist ein Riesenkraftakt“, sagt er. Er ist die Rampe zum Heulager über dem Stall hinaufspaziert und lässt den Blick hinüber zum Heu- und Maissilo schweifen. Groß Platz für Erweiterungen ist auf dem Hofgrundstück, eingeklemmt zwischen Straße und Nachbarn, nicht. Für die Kompromisslösung Kombi-Haltung fehle es ihm an hofnahen Weideflächen.

Und überhaupt: Die Anbindehaltung verteidigt er tapfer, mit Argumenten ist er für stunden-, wenn nicht tagelange Diskussionen gerüstet – vom Methanausstoß über den Flächenverbrauch bis zum Verletzungsrisiko. Doch so sehr es ihn ärgert, die Entwicklung weg vom Anbindestall sieht er eher Fahrt aufnehmen – was die typische kleinteilige Landwirtschaft insgesamt in Gefahr bringe. „Ich kann nicht sagen, was in zehn Jahren ist“, sagt er über seinen Hof. Sein 21-jähriger Sohn habe Landwirt gelernt, sei mit Herzblut dabei. Die Frage sei halt, ob es sich noch rentiert, dass er weitermacht.

Alle Nachrichten aus Glonn und dem Landkreis Ebersberg bei der Ebersberger Zeitung.

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