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Herr des Beckens: Jürgen Puls ist seit 41 Jahren Schwimmmeister – und nicht mehr nur im Hallenbad in Glonn (Kreis Ebersberg). Weil es immer weniger Nachwuchs gibt, hilft er diesen Sommer auch in Ebersberg aus.

Sie arbeiten, wenn andere frei haben

„Jeder ist sofort beleidigt“ - Darum liebt dieser Schwimmmeister seinen Job trotzdem

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Immer weniger Menschen wollen Schwimmmeister werden. Dabei werden sie in Bayerns Bädern dringend gebraucht. Doch der Beruf ist für viele nicht attraktiv – und immer noch völlig unterschätzt.

Glonn/München – Wenn Jürgen Puls am Beckenrand steht, dann lenkt ihn so schnell nichts ab. Routiniert schweift sein Blick über das Becken und die Schwimmer darin. Sollte einer von ihnen ein Problem im Wasser bekommen, ist Jürgen Puls mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit der Erste, der es bemerkt. Er ist Schwimmmeister in Glonn (Kreis Ebersberg) – seit 41 Jahren. „Ich liebe diesen Beruf“, sagt er. Das hat sich nie geändert – aber sein Alltag schon. „Das Anspruchsdenken ist größer geworden“, berichtet er. Schwimmmeister müssen immer mehr den richtigen Ton treffen. Und ein dickes Fell haben, betont Puls. „Früher war es deutlich leichter, Badegäste auf etwas hinzuweisen. Heute ist jeder sofort beleidigt.“

„Das ist ein Knochenjob“

Bayerns Schwimmmeister sind keine gefeierten Helden. Sie spazieren nicht wie David Hasselhoff am Strand von Malibu entlang und flirten ganz nebenbei mit schönen Frauen. Schwimmmeister arbeiten dann, wenn andere frei haben. Bei Traumwetter und am Wochenende. Sie müssen Konflikte lösen, die Technik im Griff behalten, vermitteln, beruhigen oder verwarnen – und tragen dabei die Verantwortung dafür, dass niemandem etwas passiert. „Das ist ein Knochenjob“, sagt Jürgen Puls. Manchmal ärgert es ihn, wenn er geringschätzig „Bademeister“ genannt wird. An den meisten Tagen steht er darüber, macht seinen Beruf mit derselben Leidenschaft wie zu Beginn seiner Ausbildung. Doch oft bereitet es ihm Sorgen, dass es immer weniger junge Leute gibt, die Schwimmmeister werden wollen.

Schutzengel mit Nachwuchssorgen

Diesen Trend beobachtet nicht nur Puls seit Jahren – sondern auch der Verband der Schwimmmeister. Bundesweit gibt es etwa 7000 Bäder, vorgesehen sind drei bis vier Fachkräfte pro Bad. Doch mehr als 2500 Schwimmmeisterstellen sind derzeit unbesetzt. Der Nachwuchs fehlt. Laut dem bayerischen Landesvorsitzenden Robert Kratzenberg gibt es dafür zwei Gründe. „Wer Schwimmmeister werden will, muss sehr fit sein“, erklärt er. „Es kann schließlich passieren, dass man einen 120-Kilo-Mann aus dem Wasser ziehen muss.“ Die Durchfallquote bei den Prüfungen ist hoch. Etwa jeder vierte Auszubildende scheitert im praktischen Teil.

„Wir werden ein Volk von Nichtschwimmern“

Und viele wollen die Ausbildung nicht einmal beginnen. Wegen der langen und unschönen Arbeitszeiten. Wegen der großen Verantwortung und körperlichen Belastung. Oder wegen der schlechten Bezahlung. In einem kommunalen Bad verdient ein Schwimmmeister zwischen 2200 und 2600 Euro brutto, Privatbetreiber zahlen oft deutlich weniger, berichtet Peter Harzheim, Präsident des Bundesverbands. Und das, obwohl die Aufgaben eher mehr als weniger werden. Zum einen durch die strengen Verordnungen und die anspruchsvolle Technik. „Aber auch, weil wir dabei sind, ein Volk von Nichtschwimmern zu werden“, betont Harzheim. Knapp 50 Prozent der Viert- bis Sechstklässler können nicht mehr sicher schwimmen, zitiert er Studien. Dazu kommen viele Flüchtlinge, die nie schwimmen gelernt haben. Harzheim ist überzeugt: Der Beruf des Schwimmmeisters ist wichtiger denn je. „Wir müssen unbedingt für ein besseres Image des Berufs kämpfen, um mehr Nachwuchs zu gewinnen“, sagt er.

Bäder müssen schließen - Personal fehlt

In einigen Regionen ist der Schwimmmeister-Mangel bereits sichtbar geworden. Vor allem Bäder in ländlichen Regionen mussten auch deswegen schließen, weil sie nicht mehr genug Fachpersonal zur Verfügung hatten. Oder sie müssen den Betrieb einschränken – wie zum Beispiel in diesem Sommer in der Fürstenfeldbrucker Amperoase. Dort ist wegen Personalmangels vorerst nur ein Becken geöffnet – je nach Wetter drinnen oder draußen.

Im Kreis Ebersberg ist die Situation ähnlich. Dort bleibt das Ebersberger Hallenbad im Sommer geschlossen, weil es sich mit dem Grafinger Bad die Schwimmmeister teilt. Jürgen Puls, der eigentlich die Schwimmbäder in Kirchseeon und Glonn betreut, muss dort einspringen, damit das Ebersberger Bad wenigstens für den Schul- und Vereinssport offen bleibt. Natürlich hat er nicht lange überlegt, ob er aushilft. Doch er weiß schon jetzt, dass ein harter Sommer auf ihn zukommt.

Von Katrin Woitsch

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