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Gisela Neuhoff aus Glonn in ihrer Wohnung, die sie sich bald nicht mehr leisten kann.

Altersarmut im Landkreis Ebersberg

"Ich fühle mich wie lebendig begraben"

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Glonn - Einmal wieder zum Friseur gehen, Spitzen schneiden und vielleicht eine frische Farbe. Für Gisela Neuhoff (67) wäre das wie Weihnachten. „Aber das ist finanziell nicht drin“, sagt die Rentnerin aus Glonn.

Nach einem bewegten Leben ist die 67-Jährige auf Grundsicherung angewiesen, ihr bleiben nicht mal 300 Euro im Monat zum Leben. Das Beispiel von Neuhoff macht nachdenklich. 

Altersarmut ist kein neues Thema. Aber das Problem wird immer größer. Der Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt nun mit schockierenden Zahlen Alarm. Deutschland steuert demnach sehenden Auges auf eine soziale Katastrophe zu. 

Besonders Frauen sind betroffen. Auch die, die wie Gisela Neuhoff keine Kinder haben: „Früher waren Frauen Menschen zweiter Klasse, die viel weniger verdient haben. Durch die Rente sind wir es leider geblieben.“ Gisela Neuhoff ist ein Stehaufmännchen. „Ich wollte immer arbeiten“, sagt die gebürtige Düsseldorferin. Auch, wenn das oft nicht einfach war. Nach einer schweren Kindheit mit Gewalt in der Familie und mehreren Heimaufenthalten schafft sie die Mittlere Reife und macht 1966 eine Lehre bei der Sparkasse. 

Nach einigen Jahren im Bankwesen wechselt sie in die Industrie. 1983 aber holt sie die Vergangenheit ein. Psychiater diagnostizieren eine Beziehungsstörung, Neuhoff kann aufgrund ihrer Kindheit keine Emotionen zu anderen Menschen aufbauen. 

Sie kommt zur Behandlung nach München, bleibt zehn Jahre arbeitsunfähig. „Aber ich habe gekämpft.“ Sie heuert bei einer Zeitarbeitsfirma an. Nach zwei Jahren kommt die Rezession, sie wird arbeitslos. Nach einem Callcenter-Job macht sie eine Ausbildung zur Pflegehelferin. „Da hatte ich so wenig Geld, dass ich mich nur von Schokolade ernährt habe.“ Dann haut es die tapfere Dame endgültig um: Sie stürzt aufs Knie, es kommt zu Komplikationen. Jetzt kann sie sich nur noch auf Krücken oder im Rollstuhl bewegen. „Ich fühle mich wie lebendig begraben. Dabei wollte ich noch über die 65 Jahre hinaus arbeiten.“ 

Die Gesundheit fesselt sie an ihre Wohnung, die mit 660 Euro Miete für ihre kleine Rente von 806 Euro zu teuer ist. „Ich kann wegen meiner Gesundheit nicht mal umziehen.“ Weil die Rente nicht reicht, erhält Gisela Neuhoff 162,88 Euro vom Amt. Dennoch bleiben ihr gerade mal 294,72 Euro zum Leben. Armut zeigt sich in den kleinen Dingen: Schon seit Monaten ist Gisela Neuhoffs Ofen kaputt. Außerdem müsste sie einen neuen Personalausweis beantragen. Aber woher die 30 Euro nehmen? Nicht einmal für einen Badeanzug reicht’s. „Ich will wegen meiner Gesundheit in Bewegung bleiben. Aber ich muss immer in einem alten Gymnastikanzug schwimmen."

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