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Ordensschwester im zeitgemäßen Gewand: Christophera Eckl leitet auf Schloss Zinneberg eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenslagen.

Christophera Eckl (57)

Die Brückenbauerin von Zinneberg

Christophora Eckl ist Sozialpädagogin. Sie führt Regie im Theater und ist Pressesprecherin. Sie ist Chefin eines Betriebs mit über 100 Mitarbeitern. Gehalt bekommt die 57-Jährige keines. Sie besitzt nicht mal ein Bankkonto. Braucht sie nicht.

Glonn – Christophora Eckl ist eine katholische Ordensschwester. Sie hat ihr Leben vor 26 Jahren Gott und dem Dienst an den Menschen gewidmet. Auf Schloss Zinneberg in Glonn leitet sie eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenslagen.

Das Kreuz mit dem Herz baumelt am Hals, als Christophora Eckl die Tür zu einem Besprechungszimmer im Schloss Zinneberg aufmacht. Das Zimmer ist spärlich, aber stilvoll eingerichtet: An der Wand hängt ein Gemälde, das Musikanten in einem Boot zeigt. Die Farben des Bildes sind warm und unaufdringlich. Christophora Eckl geht über den hellbraunen Dielenboden zu einem großen Tisch und setzt sich auf einen der Stühle. Zu trinken gibt’s Maracuja-Orangen-Tee. Eckl hat kurze, flotte Haare und trägt eine moderne Rundbrille. Selbstbewusst sieht sie damit aus, ein bisschen frech. Nur das Kreuz verrät, dass sie eine Ordensschwester ist. Einen Schleier trägt sie selten, meist nur zu offiziellen Anlässen, sagt Eckl. Als sie die Bundesverdienstmedaille für ihre Jugendhilfe verliehen bekam etwa.

Am langen, gläsernen Besprechungstisch redet sie über das Schloss: über den Theaterklassiker Brandner Kaspar, den sie vor Kurzem zusammen mit Mitarbeitern und Freunden in Zinneberg aufgeführt hat. Oder über ratlose Jugendliche, die heute mehr Möglichkeiten haben denn je. Wenn Christophora Eckl spricht, gestikuliert sie wild mit ihren Händen. Sie hat eine weltliche Sicht der Dinge. Für jemanden, der noch nicht mit einer Klosterschwester zu tun hatte, ist das überraschend.

„Ein Mensch ist mehr wert als die ganze Welt.“ Das ist der Leitspruch, an den sich die Schwestern vom Guten Hirten in Zinneberg orientieren. Vor 26 Jahren machte Christophora Eckl ihn zu ihrem Credo. Dabei war für sie als Jugendliche eine Ordensgemeinschaft nie in Frage gekommen: „Ich bin nicht fromm auf die Welt gefallen“, sagt Eckl und lacht. Dann begegnete sie den Ordensschwestern auf dem Schloss in Zinneberg, und war fasziniert von deren Arbeit. Alle in dem Schloss hatten das gleiche Ziel: „Kindern und Jugendlichen helfen“, sagt die Einrichtungsleiterin. 26 Jahre später ist Eckl immer noch fasziniert von dem Gemeinschaftsgefühl.

Das Besondere an Schloss Zinneberg ist für Christophora Eckl das Bildungsangebot, das sich an Kinder und Jugendliche mit psychosozialen Problemen richtet: Es gibt eine Kinderkrippe, Ganztagsschule und ein heilpädagogisches Heim für Mädchen. In verschiedenen Werkstätten können sich die jungen Menschen im Schreinern oder Gärtnern ausprobieren. Jugendliche, die in einem gewöhnlichen Betrieb überfordert wären, können eine Ausbildung machen – etwa zum Koch. „Die Azubis arbeiten in der hauseigenen Großküche und können praktische Erfahrungen bei Veranstaltungen im Schloss oder im Klostercafé sammeln“, sagt Eckl, und schenkt sich ein Glas Wasser ein.

Finanziert wird die Kinder- und Jugendeinrichtung von Arbeitsagentur und Jugendamt. Zuschüsse gibt’s von der oberbayerischen Regierung. Von der Kirche bekommen die Ordensschwestern kein Geld. „Die staatlichen Zuschüsse reichen bei Weitem nicht aus“, sagt die Klosterchefin. Deshalb seien sie auf Spenden angewiesen. Für sie setzt Eckl alle Hebel in Bewegung.

Christophora Eckl und ihre Kollegen versuchen Brücken zu den Kindern und Jugendlichen zu bauen. „Wir setzen nicht bei den Problemen der jungen Menschen an, sondern fördern ihre Persönlichkeit und Stärken“, sagt die 57-Jährige. Heutzutage brauche es starke Charaktere. Auf Schloss Zinneberg können die Kinder und Jugendlichen ihr Gesicht zeigen, mit all den Schatten und Ecken, sagt die Chefin. „Niemand muss sich hier verstellen.“

Der Ordensschwester zuzuhören, wirkt irgendwie entschleunigend – als ob mit ihr eine Minute 90 Sekunden hätte. Ihre Stimme beruhigt. Eckls Sprache ist klar, selten kommt ein Ähm oder eine längere Pause zwischen den Worten vor. Auf die Frage, ob sie die Schicksale der Jugendlichen nicht traurig mache, sagt Christophora Eckl, dass sie schon manchmal sprachlos sei. Dann sei sie froh, wenn sie in ihren eigenen Räumen in dem Schloss ist. „Die Kinder und Jugendlichen sind Kraftfelder“, sagt sie. Sie sind es, die Eckl antreiben.

Früher wohnte der Adel in feudalen Pomp hinter den Schlossmauern bei Glonn. Heute ist das Leben fast kommunistisch organisiert: Die Ordensschwestern besitzen nichts – alles gehört der Gemeinschaft. Ob Putzhilfe oder Chefin: Jede Arbeit ist gleich viel wert. Die Hierarchien sind flach. Wobei nicht ganz: „Der oberste Chef ist er da oben“, sagt Eckl, und schaut nach oben.

Warum verdingt sich ein Mensch für das Wohl von Anderen? „Mir geht es um die Würde der Menschen. Für eine gerechte Arbeit und ein selbstständiges Leben der Kinder und Jugendlichen“, sagt Eckl. Die Menschen würden ihr Halt und innere Zufriedenheit geben.

Für Christophora Eckl ist der Mensch das Zentrum, alles andere Peripherie. Ganz nach dem Motto der Ordensschwestern vom Schloss Zinneberg: „Ein Mensch ist mehr wert als die ganze Welt.“

Max Wochinger

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