Das ist eines von mehreren Teams des Glonner Tisches (v.l.): Bernadette Estendorfer aus Glonn, Uwe Schulz aus Oberpframmern, Anette Huber aus Berganger und Ernst Suberg aus Glonn. Foto: Susann NIedermaier
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Das ist eines von mehreren Teams des Glonner Tisches.

„überfluss teilen“

An Weihnachten gibt es knallrote Taschen

Der Glonner Tisch kämpft mit Personalproblemen. Das hat mit dem Coronavirus zu tun. Die Krise macht die Aktivisten aber erfinderisch.

Glonn – Das Christkind bringt in diesem Jahr Handtücher in knallroten Taschen. Für einige der Menschen, die sich ihre Wochenration Essen vom Glonner Tisch holen müssen, sind die Tücher das einzige Weihnachtsgeschenk. Wer Glück hat, erwischt noch eine zweite Gabe. Im Kellereingang des Glonner Pfarrheimes stapeln sich Päckchen in buntem Weihnachtspapier.

„Da sind Überraschungen drin, gespendet von Mitgliedern des Glonner Wintersportvereines (WSV)“, sagt Ernst Suberg (67). Früher arbeitete Suberg als Ingenieur bei Siemens, seit seiner Pensionierung hält er zusammen mit rund 50 Teamkollegen den Glonner Tisch am Laufen. Hierarchie gibt es keine, der Teamgedanke hält die Truppe zusammen.

In Krisenzeiten bringen Menschen neue Ideen hervor

Die meisten Aktiven sind wie Suberg jung gebliebene Ruheständler. Diese Tatsache beschert dem Sozialprojekt Probleme: viele der Helfer sind über 60, zählen damit zur Risikogruppe, das Team schrumpfte drastisch. Doch: gerade in Krisenzeiten bringen Menschen neue Ideen hervor. Suberg erklärt, wie die Einrichtung trotz Personalnotstand funktioniert: „Wir arbeiten reduziert, das Café im Pfarrsaal entfällt, ebenso die kräftezehrenden Sortieraktionen der Frischwaren, wir verzichten auf die Ein-Euro-Gabe, so kommen wir mit weniger Leuten aus und können den Sicherheitsabstand einhalten.“

Schon während des ersten Lockdowns halfen Menschen, die nicht zur Arbeit konnten, beim Glonner Tisch – einige helfen jetzt in der Weihnachtszeit. Wie Anette Huber (36) aus Berganger – deren Mann die gemeinsamen drei Kinder (6, 8, 10) neben Homeoffice betreut. Mit Huber im Team arbeiten heute Uwe Schulz (63) aus Oberpframmern, Martina Voigt (69) und Bernadette Estendorfer (71), beide aus Glonn.

Gemeinsam ist allen: sie engagieren sich gerne ehrenamtlich und sehen die Arbeit als Dienst am Nächsten. „Weil es uns gut geht, anderen aber nicht“, betitelt Voigt ihr Engagement. „Da ich selbst gut situiert lebe, ist es für mich eine Selbstverständlichkeit Menschen zu helfen, denen es nicht gut geht“, sagt Suberg.

Motto der Einrichtung: Überfluss teilen

Motto der Einrichtung: Überfluss teilen. Lebensmittel gibt es donnerstags zwischen 10 und 11 Uhr, die Hygienevorschriften werden genau eingehalten. „Nicht so ganz einfach, unter den gegebenen Voraussetzungen“, sagt Suberg und deutet auf den überdachten Außenbereich. „Die Menschen holen ihre fertig gepackten Kisten hier draußen vor dem Eingang zum Untergeschoss des katholischen Pfarrheims ab.“ Je nach Größe der Bedarfsgemeinschaft – Einzelperson oder Familie – gibt es eine oder mehrere Kisten.

Einige Meter von der Eingangstüre entfernt steht ein Servierwagen, darauf werden ab 10 Uhr die Kisten mit der Wochenration abgestellt, ohne Kontakt. Basiskisten enthalten Grundnahrungsmittel wie: Milch, Butter, Joghurt, Obst Gemüse, Reis und Nudeln, auch Backwaren. Neben der Eingangstüre warten zusätzliche Waren in Regalen. Heute im Angebot: Sauerkraut in Dosen, Ravioli, saure Gurken, auch ein Päckchen Kakao ist dabei, eine Tüte Kekse und Tee in Beuteln. Auf Bierbänken stapeln sich Kisten mit Krapfen, Brot, Obst, Gemüse. „Wer was möchte, kann sich hier noch was aussuchen.“

Alle Waren sind Spenden

Alle Waren sind Spenden von Bäckereien, großen und kleinen Lebensmittelhändlern der Region, Metzgereien, Gemüse- und Getränkehändlern und Direktvermarktern – aus dem Landkreissüden. „An alte und nicht gehfähige Menschen liefern wir auch aus“, sagt Suberg und erklärt die Struktur der Einrichtung. „Der Glonner Tisch ist ein gemeinsames ökumenisches Programm der katholischen, der evangelischen und freien evangelischen Pfarrgemeinden in Glonn, Träger ist die Katholische Kirchenstiftung Johannes der Täufer, die Gemeinde fördert die Einrichtung.“ Gedeckt ist der Tisch für Menschen, die Grundsicherung erhalten und Alleinerziehende/Haushalte mit geringem Einkommen.

20 Minuten vor Ausgabebeginn kommen die Ersten, warten mit Mundschutz, versuchen aus weitem Abstand zu erspähen, was es heute gibt. Kinder, die sich eng an Erwachsene schmiegen, ein kleines Mädchen steckt die Hände in die Manteltasche der Mutter, es ist kalt. Vielleicht wärmen die bunten Päckchen der Sportler und die knallroten Taschen zumindest die Herzen.

VON SUSANN NIEDERMAIER

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