Was wird die Zukunft bringen? Ein Mädchen, das auf der Flucht in Griechenland gestrandet ist.
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Was wird die Zukunft bringen? Ein Mädchen, das auf der Flucht in Griechenland gestrandet ist.

Bastian Schertel dreht einen Film über Situation der Flüchtlinge

Glonner Fotograf gibt dem Elend ein Gesicht

Fast sieben Wochen hat er in griechischen Flüchtlingslagern verbracht, das Leid der Menschen, darunter viele Kinder, hautnah erlebt: Bastian Schertel (26) aus Glonn dreht einen Film über die unfassbaren Zustände.

Glonn – „Ich war schon immer sehr engagiert, was die Thematik Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik angeht“, sagt Bastian Schertel am Telefon. Die vergangenen vier Jahre ist der selbstständige Fotograf immer mehr ins Filmgeschäft „abgedriftet“. Gelernt hat der Glonner eigentlich das Kochen in einer Schweizer Sterneküche. Das Fotografieren und Filmemachen brachte er sich „autodidaktisch“ bei.

Zusammen mit einer Kameraassistentin aus Berlin reiste er Anfang Oktober nach Griechenland. Dort verschaffte er sich von Thessaloniki über Lesbos bis Athen einen Überblick über die Situation der Flüchtlinge, um „Aufklärungsarbeit zu leisten“. Er besuchte Heime, interviewte Flüchtlinge, half hier und da und versorgte die Menschen mithilfe von Spendengeldern. Sein Eindruck: „Die griechische Regierung hält die Flüchtlinge hin.“ Die Flüchtlinge würden keinerlei Informationen oder Übersetzungsmöglichkeiten bekommen, wie sie es schaffen können, offiziell anerkannt zu werden. Zudem gebe es „tief sitzenden, strukturellen Rassismus“ bei der griechischen Polizei. „Sie geben jetzt während Corona den Leuten keine Masken, verteilen aber Straftickets, wenn die Flüchtlinge keine tragen“, sagt Schertel. Die Flüchtlinge müssten also Bußgeld bezahlen, obwohl sie kein Geld haben und nichts verdienen dürfen. Fehlende Steueridentifikationsnummern machten das Procedere beinahe unmöglich.

Da die medizinische Versorgung sehr schlecht ist, infizieren sich selbst Mückenstiche bei vielen Flüchtlingen.

„Am schlimmsten ist es auf dem Festland. Auf den Inseln haben die Leute noch die Hoffnung, aufs Festland zu kommen“, berichtet der 26-Jährige. Während auf Lesbos, Moria und „Moria 2“ zumindest noch Essen und Unterkünfte gestellt werden, seien die Leute in Athen obdachlos und leben auf der Straße. Mehrere Flüchtlingsfrauen hätten dem Filmemacher erzählt, dass in Athen Mord, Vergewaltigung und Kriminalität an der Tagesordnung seien.

Zusammen mit einer italienischen Hilfsorganisation habe er neben einem Camp in Thessaloniki ein Klassenzimmer aufgebaut. Dort können Flüchtlinge Sprachen und dank Schertels Hilfe Fotografie erlernen. „Das hilft ihnen, die Eindrücke zu verarbeiten“, erklärt der 26-Jährige.

Fotograf Bastian Schertel in Griechenland.

Bis 17. November filmte er mit seiner Begleiterin illegal in den Flüchtlingslagern. „Die griechische Regierung versucht die Zustände zu vertuschen“, meint Schertel. Sie versuche ein Gesetz zu erlassen, das es verbiete, Bilder und Videos aus den Lagern nach außen zu tragen. Der Filmemacher glaubt, dass etwa Ende 2021 sein aufklärender Dokumentarfilm veröffentlicht werden könne. Bis dahin möchte er noch weitere Menschen in Griechenland interviewen und unter anderem auf einem Rettungsboot mitfahren. „Man sollte die eigenen Probleme nicht zu stark belichten, sondern auch mal über den Tellerrand hinausschauen“, ist seine Devise.

Der fertige, etwa einstündige Film werde dann bei Filmfestivals und „Kinos in der Region“ ausgestrahlt.

Einzelne Interviews und Ausschnitte kann man bereits auf www.bastian-schertel.de/welcome-to-europe ansehen.

Raffael Scherer

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