Diakon und Feuerwehrler in einem ist Matthias Holzbauer. Das Bild zeigt ihn bei einer Fahrzeugweihe 2018.
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Diakon und Feuerwehrler in einem ist Matthias Holzbauer. Das Bild zeigt ihn bei einer Fahrzeugweihe 2018.

Der eilige Samariter

Sogar fliegen kann er: Kreis-Feuerwehrseelsorger Matthias Holzbauer spricht gern über die großen Fragen im Leben

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Feuerwehrler und Gottesmann in Personalunion: Dass das geht, beweist Feuerwehr-Seelsorger Matthias Holzbauer aus Glonn. Die EZ sprach mit ihm über die großen Fragen des Lebens, Frisuren und das Gleitschirmfliegen.

Glonn – Wenn Matthias Holzbauer abends das Feuerwehrstüberl oder das Wirtshaus betritt, dann schlägt so mancher, der eigentlich gerade heimgehen wollte, die Hände über dem Kopf zusammen. Das gibt der Glonner selber zu. Denn dann wird es gerne spät, noch das eine oder andere Bierchen gezwickt und noch die eine oder andere grundsätzliche Frage geklärt – über das Leben, den Tod und wie es danach weitergeht. „Im Stüberl, da bin ich nicht der Diakon, da bin ich nicht der Herr Kreisbrandinspektor, da bin ich einfach der Matthias“, sagt der 52-Jährige. So ist es ihm am liebsten, mittendrin in der Debatte.

Momentan ist das mit den Stüberln und dem Mittendrin so eine Sache. Deswegen sitzt Holzbauer allein daheim im Wintergarten seines Hauses in Glonn an einem stammtischgeeigneten, großen Holztisch. „Die Feste, die Dorfgemeinschaft, das Wirtshaus, das freie Leben – das fehlt mir“, sagt er. „Aber ich nehme es, wie es ist.“ Vor dem Fenster, jenseits des Hanggartens, fließt ein paar Meter tiefer der Kupferbach vorbei. Eine Wiese weiter beginnt der Wald. Unverbaubare Aussicht aufs Landschaftsschutzgebiet, flutsicher. Manchmal läuft ihm, wenn er abends draußen grillt, ein Fuchs über den Hof.

Die großen Themen beschäftigen ihn nicht nur am Stammtisch - sie sind sein Leben

Die großen Themen beschäftigen ihn auch daheim, sie sind sein Leben. Matthias Holzbauer ist geweihter Diakon und Kreisbrandinspektor für den Landkreis Ebersberg. In seinem Beruf als Feuerwehrseelsorger, zuständig für ganz Oberbayern, verschmelzen diese Rollen – und der 52-Jährige geht in ihrer Synthese auf. „Unsere Kirche bekennt sich weiter zu unseren Einsatzkräften“, sagt er über seine Rolle. „Das rechne ich ihr hoch an.“

Feuerwehrseelsorger Matthias Holzbauer im heimischen Wintergarten in Glonn.

In der Grundschule, 1. Klasse, sollte er vor Jahrzehnten ein Bild davon malen, was er einmal werden wolle. Matthias Holzbauer malte keinen Polizisten und keinen Astronauten. Er malte einen Pfarrer. „Aber nicht unter diesen Bedingungen“, sagt er heute. Als er merkte, dass er auf eine eigene Familie nicht verzichten wollte, brach er das Priesterseminar ab. „Wenn ich was nicht versprechen kann, dann fange ich es nicht an“, sagt er über den Zölibat.

Mit der Kirche hadert er manchmal, den Bruch wollte er nie

Mit seiner Kirche hadere er immer wieder, aber brechen wollte er mit ihr nie – auch wenn sie die Sorgen und Nöten der Menschen oft nicht gerecht werde. „Das hat etwas mit Liebe zu tun“, sagt er. „Das wirft man nicht weg.“ Als Diakon darf er taufen, trauen und bestatten – besonders an Hochzeiten und Taufen hat er seine Freude: „Oft geht ja eins aus dem anderen hervor“, sagt er und lächelt.

Der Glaube war immer Thema in seinem Leben. In Krisen, etwa mit 18 Jahren, als sein Bruder tödlich verunglückte, habe er gemerkt: „Für mich ist es ein großer Trost zu wissen, dass es eine Kraft gibt, die mich trägt und hält.“ Als kleiner Erdenmensch wisse er, dass er nicht der Mittelpunkt der Welt sei. Aber es sei leichter, übers Sterben nachzudenken, in der Überzeugung: „Die Seele löst sich nicht auf, sondern wird Teil des großen Ganzen.“ Da sind sie, die großen Themen des Lebens.

„Ich würde mich über einen Himmel nach Ludwig Thoma freuen. Mit Weißbier und Weißwürscht!“

Matthias Holzbauer

Holzbauer sagt aber auch: „Ich würde mich über einen Himmel nach Ludwig Thoma freuen.“ Er muss lachen, reißt die Arme im Sitzen hoch und auseinander wie bei einer Segnung. „Mit Weißbier und Weißwürscht!“ Da ist er, Holzbauer, der Erdenmensch.

Vielleicht ist es diese Fähigkeit, über die wirklich wichtigen Dinge zu reden, ohne das Augenzwinkern zu vergessen, die ihn zu einem gefragten Ansprechpartner machen. Denn oft, wenn seine Feuerwehrkollegen nach einem schlimmen Unfall oder Brand zurück ins Feuerwehrhaus kommen, herrscht Redebedarf. Dem heutigen Feuerwehrseelsorger ist es selber so ergangen, als er als Gemeindereferent in Putzbrunn (Landkreis München) lebte und dort für die Feuerwehr immer wieder auf die A 99 ausrücken musste.

Vor ein paar Jahren hat sich Matthias Holzbauer von seiner legendären Langhaar-Frisur getrennt. „Weil es Zeit war“, sagt er über seinen 1990er-Look. „In der Nachschau war das vogelwild, da hat mich jemand aufs richtige Gleis geführt. Ich war in der Hinsicht ein Spätzünder.“

Bei der vierten Alarmierung in kurzer Folge, „VU, Person eingeklemmt“, konnte er nicht mehr, schaffte es nicht zur Haustür hinaus. „Ich war wie versteinert“, erinnert er sich. Zu viel in zu kurzer Zeit – sein Hirn kam nicht mehr mit und sperrte sich. Er suchte sich Hilfe und begann kurz darauf seine Ausbildung zum Unfallseelsorger. „Du bist nie allein mit so was“, habe er schnell gemerkt. Die wenigsten Feuerwehrleute schafften es, die manchmal grausamen Bilder von Toten und Amputationen mit der Uniform im Feuerwehrhaus abzulegen. Was dann helfe: „Zuhören können, aushalten können“, sagt Holzbauer. Selber ist er, trotz eines „Schutzschilds“, das er sich zugelegt habe auch nicht gefeit – ein schlimmer Autounfall, eine Situation mit dem Opfer, auf die er nicht vorbereitet war: „Da hat es mich wieder derbröselt“, sagt er.

Feuerwehrseelsorger bleibt er nicht bis zur Rente, da ist er sich sicher

Er hat gelernt: Der Job geht an die Substanz. Den Feuerwehrseelsorger will er noch einige Jahre machen, aber nicht bis 67, da ist er sich sicher. „Irgendwann bist du in dem Job ausgebrannt“, sagt er voraus. „Und ich will keiner sein, über den die Leute sagen: Der sitzt das ab bis zur Rente.“ Der 52-Jährige bildet sich zum Einzel-, Paar- und Familientherapeuten weiter. „Es war Zeit, dass ich mal wieder was dazulerne“, sagt er.

Das ist bei ihm immer drin. Vor vier Jahren machte er einen Gleitschirm-Schnupperkurs mit und stellte sich erbarmungswürdig ungeschickt an. „Das ärgert mich wie die Sau, wenn ich was nicht kann“, sagt er. Er biss sich durch und fliegt seitdem gern in den Chiemgauer Bergen herum. Warum ihm dieses Hobby geblieben ist, erklärt er mit einem Satz, den sich Matthias Holzbauer wohl tätowieren lassen könnte: „Je mehr Tod du erlebst, desto mehr willst du vom Leben spüren.“

Alle Nachrichten aus Glonn und dem Landkreis Ebersberg bei der Ebersberger Zeitung.

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