NSU-Prozess: Plädoyers starten nach langem Hickhack

NSU-Prozess: Plädoyers starten nach langem Hickhack
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Der angeklagte Informatiker versteckt sich in seinem Sakko. Rechts sein Verteidiger Alexander Stolberg.

Hundertfacher Kindsmissbrauch in Glonn

Eigener Bruder belastet Angeklagten schwer

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Glonn - Im Prozess um den hundertfachen Missbrauch eines Kindes in Glonn haben Zeugen den angeklagten Informatiker (60) schwer belastet. Der älteste Bruder (65) warf ihm Missbrauch an der eigenen Tochter vor.

Ein Münchner Ermittlungsrichter berichtete von einem Quasi-Geständnis angesichts der Haftbefehls-Eröffnung. Vor dem Landgericht München II schweigt der Glonner, der jahrelang Turn-Trainer des TSV Grafing war, zu den massiven Vorwürfen.

Seit vier Jahren ist Ulrich S. Ermittlungsrichter. Seitdem hat der verständnisvolle Jurist viel erlebt. Das Verhalten des 60-Jährigen im Februar vergangenen Jahres erstaunte ihn allerdings schon. „Er nahm den Haftbefehl und zerriss ihn“, berichtete der Richter als Zeuge. Als Begründung lieferte er Folgendes: Würde er ihn mitnehmen, würden ihn andere Mitgefangene lesen und in der Hackordnung wäre er als Kinderschänder ganz unten angelangt. Ulrich S. erklärte ihm dann, dass er sich auf eine jahrelange Gefängnisstrafe würde einstellen müssen, würden sich die Vorwürfe als richtig erweisen. Er appellierte an das Gewissen des Glonners, dem Mädchen eine Aussage zu ersparen. „Strafrecht ist keine leidenschaftslose Sache, da dürfen Emotionen da sein“, argumentierte er gegenüber der Jugendstrafkammer unter Vorsitz von Regina Holstein. Und dann beschrieb er die Reaktion des 60-Jährigen damals: Er gehe davon aus, dass dem Mädchen eine weitere Aussage erspart bliebe, so der Angeklagte. Das wiederum ist aber nur der Fall, wenn ein umfangreiches Geständnis vorliegt. Seltsam kam dem Ermittlungsrichter auch die Bitte des Angeklagten vor, er würde sich gerne um seine Familie kümmern. Es hätte ihn befremdet, dass der Angeklagte demjenigen helfen wollte, der ihm Derartiges vorgeworfen habe, sagte er. Die Verteidigung reagierte prompt. Das seien Interpretationen, keine Fakten, prangerte sie an.

Bedrückend war anschließend der Auftritt des ältesten Bruders des Angeklagten. Er berichtete von Heimaufenthalten der insgesamt fünf Geschwister, schüttete der Vorsitzenden Richterin ungefragt sein Herz aus. Er weinte bitterlich angesichts eines anonym gegen ihn gerichteten Missbrauchs-Vorwurfs, den eine Frauenstimme auf seinen Anrufbeantworter gesprochen hatte. Dabei war seine Tochter (40) Opfer sexuellen Missbrauchs geworden. Täter soll sein angeklagter Bruder gewesen sein.

Der zeigte am Montag angesichts der brüderlichen Worte keinerlei Regung. Er vermied es auch, den 65-Jährigen anzuschauen. Dessen Tochter leidet heute unter Schizophrenie. Sie wolle niemals mehr über Geschehenes sprechen, berichtete der Vater und bat, sie nicht als Zeugin zu hören. Seinem Bruder wird vorgeworfen, mit der Tochter der Lebensgefährtin immer wieder Geschlechtsverkehr vollzogen zu haben. Der Prozess dauert an.

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