Grafing als Hauptstadt der Alleinerziehenden

Grafing - Gesellschaftliche Phänomene und ihre Folgen: Die Kommune stellt jetzt einen Schulsozialarbeiter für Grundschule ein.

„Wir können jetzt jammern über den schlechten Zustand, oder handeln“: So plädierte Grafings Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) für die Einstellung eines Schulsozialarbeiters in der Grundschule. Der Stadtrat gab dafür einstimmig grünes Licht.

Die Entscheidung fiel den Ratsmitgliedern umso leichter, als der Stadtjugendpfleger Himo AlKass in düstersten Farben die Situation an der Schule schilderte. „Viele Lehrer sind überfordert, die Qualität des Unterrichts kann nicht mehr aufrecht erhalten werden“, warnte er. Dass das schon länger so ist, wusste Stadträtin Regina Offenwanger (SPD) aus eigener Erfahrung mit den Klassen zu berichten, die ihre Kinder dort besuchten. „Da hat ein Kind die ganze Gruppe aufgemischt. Es ist höchste Zeit“, sagte sie.

Welche Ursachen diese Entwicklung hat, darüber herrschten im Gremium eher diffuse Vorstellungen. 23 Prozent der Schüler hätten einen Migrationshintergrund, wurde mitgeteilt. Einen erhöhten Betreuungsbedarf, der von den Eltern oftmals nicht ausreichend abgedeckt werden könne, hätten aber eher die einheimischen Kinder. Einer der Gründe dafür sei unter anderem, dass ein Elternteil fehle. „Grafing ist im Landkreis die Hauptstadt der Alleinerziehenden“, sagte AlKass wörtlich. Und Josef Klinger (FW) gab ihm teilweise Recht: „Es gibt viele unterstützungsbedürftige Eltern.“

Dass Betreuungsarbeit kein Honiglecken ist, wollte der Stadtjugendpfleger dem Entscheidungsgremium nicht vorenthalten. 25 bis 30 Prozent der Arbeitszeit würden für den Verwaltungsaufwand draufgehen: „Jedes Gespräch muss dokumentiert werden.“

Einer, der bei Fragen der staatlichen Betreuung nicht automatisch und sofort in den Chor der Befürworter einstimmt, ist Max Graf von Rechberg (CSU). Und so war es auch in der jüngsten Stadtratssitzung: „Die Schule kann’s nicht machen und der Sozialarbeiter kann es auch nicht machen. In 15 Jahren haben wir nur noch Chaos“, polterte er los. Man sollte den Eltern mal beibringen, wie man eine Familie am laufen hält, meinte der CSU-Stadtrat. „Das finde ich unerträglich“, so Rechberg, der freilich dann doch die Hand hob für die Einstellung eines Schulsozialarbeiters auf Basis von 15 Wochenstunden. Dafür wird die Stadt jährlich etwa 21 000 Euro brutto aufwenden.

Hauptproblem ist wohl, dass viele Familien- und Sozialstrukturen, wie sie früher die Regel waren, nicht mehr existieren. Aber nur deswegen, weil sie wegbrechen, sind die Bedürfnisse der Kinder nicht verschwunden, die unter den Familienkonstellationen leiden, die wiederum eine Folge sind von gesellschaftlichen Phänomenen wie Doppelverdiener, Alleinerziehende, zu wenig Zeit für die Kinder, gestiegene schulische Anforderungen sowie steigender Druck wegen des angestrebten Übertritts auf das Gymnasium. Viele Eltern sind aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in der Lage, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen, zu fördern und ihnen emotionalen und sozialen Halt zu geben. Und weniger zu arbeiten, um sich mehr um die Kinder kümmern zu können, ist für die allermeisten keine Option mehr. Denn obwohl Vater und Mutter immer länger in die Arbeit gehen, reicht es bei vielen gerade noch zu einer kleinen Wohnung auf dem freien Markt oder auch eben dazu schon nicht mehr. Auf der Warteliste für eine Sozialwohnung in Grafing stehen derzeit über 50 Personen, berichtete Obermayr.

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