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Auf die Schaukel setzt sich die 100-ährige Kreszentia Öhrlein hin und wieder, das Trampolin im Garten lässt sie lieber links liegen. Die Hundertjährige bleibt aber in Bewegung – besonders im Kopf.

Kreszentia Öhrlein freut sich sich an den kleinen Dingen

100-jährige Grafingerin: Das Leben ist ein Gedicht

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Grafing - Wenn sie nicht einschlafen kann, spricht Kreszentia Öhrlein ein Gedicht gegen die Zimmerdecke. Reime hat sie schon immer gemocht. Am Donnerstag feierte sie ihren 100. Geburtstag.

Öhrlein sitzt am Wohnzimmertisch in ihrer Erdgeschosswohnung im Grafinger Ortsteil Nettelkofen. Sie trägt Ohrringe, Perlenkette und eine fesche Bluse. Die Füße stecken in bequemen Pantoffeln. Ihre Schwiegertochter hat Brote belegt und Kuchen gebacken. Es gibt Sekt. 100 wird man schließlich nur einmal im Leben.

„Ich habe immer gern Gedichte auswendig gelernt“, erzählt Öhrlein aus ihrem braunen Ledersessel heraus und grinst. Klein ist sie, vielleicht 1,50, aber wenn sie spricht, hören alle zu. „Es war einst einer Witwe Sohn“, beginnt sie dann und sagt „Die Schnitterin“ auf, von Gustav Falke. Neun Strophen ohne Versprecher. Wenn es zum Gesprächsthema passt, schüttelt sie einen Abzählreim aus ihrer Kindheit aus dem Ärmel. Oder was von Schiller.

Die Wände um Kreszentia Öhrlein erzählen von ihrem Leben. In den Regalen liegen Steine, die sie auf Reisen nach Marokko und Griechenland gesammelt hat, oder beim Spazierengehen, wenn ihr einer gefiel nahm sie ihn mit. An den Wänden hänge Teppiche, einer zeigt ein Kranichpaar an einem Fluss. Den hat sie selbst gestickt.

Auf der Fernseher stehen Bilder von ihrer Tochter und den beiden Söhnen. Die sind selbst schon Mitte 70. Daneben steht das Foto von ihrem Mann Richard. Der ist vor gut 20 Jahren gestorben, mit 80. Er war er ein Jahr älter als sie. Öhrlein erinnert sich gut an diesen Tag. „Ein Jahr musst du warten, dann komme ich nach“, hat sie zu ihm gesagt. „Dass ich 100 werde, hätte ich nie gedacht.“

Jahrzehntelang hat sie als Bedienung gearbeitet

„Ich habe immer gerne mit Leuten zu tun gehabt“, erzählt sie. Gearbeitet hat sie gern – jahrzehntelang in München als Bedienung. Inzwischen ist es ihr lieber, sie wird bedient. Dreimal am Tag kommt ein Pflegedienst und bringt etwas zu essen. Bis 90 hat sie den Haushalt selber gemacht. „Aber irgendwann muss auch mal Schluss sein“. sagt die Hundertjährige.

Auf den Gehstock gestützt geht sie zur Kommode, nimmt einen kleinen Krebs, auch ein Reisesouvenir, in die Hand. „Ist der nicht schön“, sagt sie. Öhrlein freut sich über die kleinen Dinge – wenn beim Spazierengehen die Sonne scheint oder was Gutes im Fernsehen kommt. „Das hält sie fit“, glaubt ihr Sohn Siegfried (75). „Du wirst noch viel älter als 100“, sagt er zu seiner Mutter. „Das glaube ich kaum, sagte der Ziegenbock, als man ihn melken wollte“, frotzelt sie zurück. So weit schaut sie nicht in die Zukunft. Erst mal freut sie sich auf den Abendkrimi: „Der Tote in der Mauer. Klingt doch spannend!"

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