Prost! – Kumba Singh Gurung hat sich als Wirt des traditionsbayerischen Grafinger Heckerbräu etabliert .
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Prost! – Kumba Singh Gurung hat sich als Wirt des traditionsbayerischen Grafinger Heckerbräu etabliert .

HAUSBESUCH

„Ente geht saugut“: In Grafing kocht Bayerns bayerischster Bhutaner - und trotzt allen Widrigkeiten

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
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Einfach hat es das Leben Kumba Singh Gurung bisher nicht gemacht. Aber als Koch hat sich der gebürtige Bhutaner in Grafing etabliert - mit bayerisch-bodenständiger Küche.

Grafing – Seine Stammgäste rufen ihn bei seinem Vornamen Kumba. Momentan aber sind die Tische im Wirtshaus Heckerbräu in Grafing verwaist, im Lokal ist es still. Der reguläre Betrieb ist wegen der Corona-Pandemie verboten. Wirt Kumba bietet einen Liefer- und Abholservice an, wie viele andere Gastrobetriebe im Landkreis Ebersberg auch. „Besser als gar nix“, sagt er in breitem Bairisch zu diesem Notgeschäft. Kumba jammert nicht. Die Situation des 42-Jährigen ist aber nicht vergleichbar mit der anderer Gastronomen.

Die Ebersberger Zeitung war auf Hausbesuch bei einem, der in seinem Leben schon viele Schwierigkeiten überwinden musste und trotzdem optimistisch blieb. Kumba Singh Gurung (42) ist in Bhutan geboren. Das kleine Königreich im Himalaja ist zwar das einzige Land der Welt, das das persönliche Glück zum Verfassungsziel erhoben hat. Da will aber so gar nicht dazu passen, dass Menschenrechtsorganisationen von Vertreibung, Enteignung, Repressionen und ethnischen Verfolgungen berichten, die zu Massenfluchten führten.

Er wächst in Bhutan, Nepal und Indien auf - Seit 1996 arbeitet er in Deutschland

Kumba erzählt, dass er nach seiner Geburt in Bhutan, aber auch in Nepal und Indien aufgewachsen sei. In den Augen der Behörden vor Ort mag er deshalb nirgends so richtig dazugehören, und das scheint sich jetzt auch in Deutschland weiter fortzusetzen. „Verwandte von mir wurden enteignet“, berichtet der 42-Jährige. Seine Mama sei tot. Von einem ausgewanderten Freund habe er schließlich erfahren, wie es in Deutschland sei. „Seit 1996 bin ich jetzt hier“, sagt er.

Er ist als Koch in der Gastro gelandet, hat sein Handwerk in Traditionshäusern gelernt „unter anderem in Frankfurt, Bayreuth, Hof und München“. Und auch als Geschäftsführer hat er bereits Betriebe geleitet. „Da muss man alles wissen“, sagt er.

Wirt im Heckerbräu: „Momentan ist es sehr knapp.“

Seit 18. Oktober 2018 ist er Wirt des Gasthauses „Heckerbräu“ in Grafing am Marktplatz und muss in dieser kurzen Zeit bereits den zweiten Lockdown verkraften. Der 42-Jährige ist in Grafing auch gemeldet. „Finanziell ist es momentan sehr knapp“, schildert der Wirt seine Lage. „Ich habe 6000 Euro im Monat Fixkosten.“ Obwohl er seinen Betrieb nur sehr eingeschränkt betreiben könne, „muss ich die volle Pacht bezahlen. Freunde haben mir Geld geliehen“.

Kumba kann wohl besser Bairisch als Deutsch. Beid en Gästen ist er mit seiner freundlichen Art gut angekommen. „Schweinsbraten und Wiener Schnitzel gehen gut, und Ente geht sogar saugut“, berichtet er von der Resonanz auf seine Kochkünste. „Wenn mein Essen Leute glücklich machen kann, ist es für mich das Beste.“ Der Wirt ist zwar kein Bayer, aber er kann bestens bayerisch kochen, haben seine Gäste festgestellt. Stammbesucher und Kumba selbst hoffen darauf, dass der Lockdown-Spuk bald vorbei ist und dass es den Bhutaner dann am Herd noch gibt. Denn die Zwangspause ist nicht die einzige Schwierigkeit, der er sich gegenübersieht.

Pass-Scherereien mit den Behörden

Kumba hat zwar eine Erwerbstätigkeitserlaubnis, aber keine deutschen Papiere, anders als übrigens sein zweieinhalbjähriger Sohn, der beim Interview mit der EZ um seinen Papa herumwieselt. „Ich habe jetzt viel Zeit für ihn“, sagt Kumba. Sein Papa, der zusammen mit Mama Lili (40) aus Bulgarien für den Kleinen sorgen soll, hat aber keinen deutschen Pass und auch die Intervention des Grafinger Bayernpartei-Stadtrats Walter Schmidtke beim Honorarkonsul von Bhutan half bisher nicht. Es mangelt an Originalpapieren. „Die soll ich beschaffen“, sagt der Wirt. Eine Rückkehr nach Bhutan aber erscheint Singh Gurung zu riskant.

Wer keinen Ausweis hat, hat aber ungeahnte Probleme. „Ich habe meinen Führerscheinkurs gemacht und wollte jetzt die Prüfung ablegen. Das geht aber nicht, weil ich keinen Ausweis habe“, berichtet der Wirt. Konto eröffnen bei einer Bank? „Das geht auch nur mit Ausweis“, sagt Kumba und zuckt resigniert mit den Schultern. Er hofft darauf, dass er seinen normalen Betrieb im Gasthaus bald wieder aufnehmen darf. „Dann wird alles gut.“

Von der One-Man-Show zum Arbeitgeber

Der Start in Grafing war schwierig. Dann kam auch noch ein Brand in der Küche dazu. „Am Anfang war ich alleine. Da mussten die Leute lange warten.“ Küche, Service, kassieren, alles eine Ein-Mann-Show. Doch er hielt durch: Nun beschäftigt Kumba Personal. „Die Grafinger sind sehr zufrieden mit mir. Aber von 100 Gästen kannst du nicht alle glücklich machen“, meint er realistisch.

Den ersten Geburtstag seines Sohnes feierte der Wirt mit seinen Stammgästen. Und Kumba hofft, dass er auch den nächsten Geburtstag seines Sohnes und auch weitere Geburtstage wieder mit seinen Stammgästen feiern kann. Vielleicht klappt das ja auch bald mit seinem Führerschein, das würde er sich wünschen. Schließlich betreibt Kumba einen Lieferservice, der ihn und seine kleine Familie im Lockdown über Wasser halten soll.

Alle Nachrichten aus Grafing und dem Landkreis Ebersberg bei der Ebersberger Zeitung.

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