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Zwei Jahre Corona-Proteste - Existenz vor dem Aus: Wieso tut Herr K. sich das an?

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Von: Josef Ametsbichler

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Der Strippenzieher: „Eigentlich bin ich ein Künstler“, sagt der Grafinger K. (40) über sich.
Der Strippenzieher: „Eigentlich bin ich ein Künstler“, sagt der Grafinger K. (40) über sich. M © Stefan Roßmann

Einer der führenden Köpfe bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen im Kreis Ebersberg ist Herr K. aus Grafing. Für seine Sache setzt der 40-Jährige seine Existenz aufs Spiel. Seit zwei Jahren führt er ein Leben, das je nach Blickwinkel Widerstandskampf oder Wahnsinn ist.

Grafing – Neulich stand Herr K. wieder vor Gericht. „Öffentlicher Aufruf zu Straftaten“ lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft. Wegen Volksverhetzung ist der Grafinger bereits verurteilt, geht aber in Berufung. Die nächste Anzeige, wegen Leitung einer nicht angemeldeten Demonstration, liegt schon auf dem Tisch. Falls er sich nicht freistreiten kann, summieren sich Strafen und Prozesskosten auf einen fünfstelligen Betrag. Unbezahlbar für einen, der von Hartz IV lebt. Aber der 40-Jährige verströmt Zuversicht. „Wir sammeln ein Mal, dann ist das Geld beinand“, sagt er der Ebersberger Zeitung* am Telefon. „Es gibt genügend Leute im Hintergrund.“

Vor dem Thema Corona: Angeeckt ist Herr K. schon oft

Herr K. ist in seinem Leben schon öfter angeeckt. Als Grafings Mesner etwa, weil sich der nach eigenem Bekunden tiefgläubige Katholik am gemeinsamen Abendmahl mit den Protestanten störte. Es folgten weitere Themen und die Kündigung. Aus der Kirche ist er ausgetreten. „Zu tief hineingeschaut in den Betrieb“ habe er in seiner Zeit in einer Klosterschule, einem Benediktinerkloster, als selbstständiger Talar-Schneidermeister unweit des Freisinger Dombergs und schließlich als Mesner. In Grafing hat er sich zuletzt mit einem Tierversuchslabor und dem verantwortlichen Ebersberger Veterinäramt angelegt, bis ihm ein Verfahren wegen Nötigung drohte.

„Die wollen mich fertigmachen“

Seit er in zwei Jahren Corona-Pandemie geschmackliche und juristische Grenzen auslotet, hält der Staat dagegen. „Die wollen mich fertigmachen“, sagt K. „Der Kopf muss ab.“

Corona-Proteste in Grafing: Die offiziellen Demos (hier im Bild) vergangenen Winter organisierte Herr K. Zur Koordination der ungenehmigten Spaziergänge (weiter unten) bekennt er sich nicht. Die Polizei ermittelt deshalb gegen ihn.
Corona-Proteste in Grafing: Die offiziellen Demos (hier im Bild) vergangenen Winter organisierte Herr K. Zur Koordination der ungenehmigten Spaziergänge (weiter unten) bekennt er sich nicht. Die Polizei ermittelt deshalb gegen ihn. © Stefan Roßmann

Dass der umtriebige Grafinger nun ein, vermutlich sogar der Kopf der Querdenker-Bewegung im Landkreis und der Region ist, möchte er nicht zugeben. Aber der Vorhalt schmeichelt ihm. Einerseits kokettiert er mit seiner Außenseiterrolle im Leben. Andererseits ist ihm wichtig: In der Krise hat er Verbündete gefunden. Oder Anhänger. So treue, dass sie ihm die Schulden zahlen sollen. Es sind die Menschen, die am Grafinger Marktplatz demonstriert haben, als K. die Veranstaltungen noch legal angemeldet hat. Sogar den Nikolaus hat er im letzten Winter dort für sie gemacht.

Anzeige gegen den Grafinger Pfarrer

Jetzt gehen sie gemeinsam „spazieren“, organisiert über die Nachrichten-App Telegram. Natürlich ist Herr K. nicht mehr verantwortlich für die vorgeblich spontanen Treffen von bis zu 300 Menschen in der Grafinger Innenstadt. Das wäre ja illegal. Die Polizei glaubt ihm nicht, hat ihn deshalb angezeigt. Beim Spaziergang läuft er dennoch gerne vorn neben den Beamten her, macht sie etwa darauf aufmerksam, wenn sie ein bisserl zu schnell marschieren. „Wir haben auch Ältere dabei“, sagt K. dann etwa zum Polizeichef. „Wir.“ Als der Grafinger Pfarrer Anicet Mutonkole-Muyombi eines Montags die als Spaziergänger firmierenden Corona-Maßnahmenkritiker mit Flatterband vom Kirchplatz fernhielt, hat K. den Geistlichen angezeigt: wegen Amtsanmaßung, Volksverhetzung, Diskriminierung. Zu den Erfolgsaussichten hält sich die Staatsanwaltschaft bedeckt.

K.s Kompromisslosigkeit bei Maskenpflicht und Impfung hat ihn den Job gekostet, sie hat ihn außerhalb der Querdenker, so nennt er sich übrigens selbst, zum Außenseiter gestempelt. Zweimal ist er nach Berlin zum Demonstrieren gefahren. Warum tut Herr K. sich das an?

Die EZ schaut sich die Gerichtsverhandlungen gegen den Grafinger an, spricht auf den „Spaziergängen“ mit Maßnahmenkritikern. Es folgen stundenlange Telefonate mit Herrn K. über Demokratie, Corona und das Leben an sich. Am Ende steht die Vereinbarung: In diesem Artikel dürfen biografische Details auftauchen. „Ich bin öffentlich bekannt“, sagt K. Nur bitte kein voller Name und das Foto etwas unscharf. Das Internet vergisst nicht so leicht. Alles andere wäre eine riskante Wette auf die Zukunft. Darauf, ob Herr K. am Ende Recht behält.

Für Herrn K. gibt es keine Pandemie - trotz aller globaler Krise

Der 40-Jährige sagt: „Ich sehe keine Pandemie.“ Chinas leer gefegte Straßen, die ächzenden Intensivstationen in Europa? Dass Covid-19 mit mehr als 900 000 Verstorbenen das mit Abstand tödlichste Einzelereignis in der Geschichte der USA ist – alle Kriege eingerechnet? Dass in Indien die Menschen in der Delta-Welle mangels künstlichen Sauerstoffs vor den Türen der Notaufnahmen erstickten? „Ich habe keine Leute auf der Straße tot umfallen sehen“, sagt K. Und: „Die Menschen sterben halt einmal.“ Er wolle das Virus nicht leugnen. Aber betroffen seien „lauter kranke, alte oder dicke Menschen“.

Das sind Ansagen. Dabei ist ein Gespräch mit Herrn K. wie ein Spaziergang barfuß am Strand. Die Brandung umschmeichelt die Füße, die Sonne scheint. Die Quallen sind im Wasser quasi unsichtbar. Herr K. ist kein Schreihals mit Schaum vorm Mund. Er spricht bairisch, meist leise, ohne Hast. Auch in Auseinandersetzungen und vor Gericht tritt er ausgesucht höflich auf. „Alle, die mich kennen, wissen, dass ich gegen Gewalt und Hetze stehe“, sagte er mal zur Amtsrichterin.

Mehrfach muss Herr K. für seine Umtriebigkeit vor Gericht

An dem Tag brummte sie dem Arbeitslosen eine Geldstrafe von 1800 Euro auf, weil er auf Facebook unkommentiert ein Plakat der rechtsextremen Splitterpartei „Dritter Weg“ mit der Aufschrift „Hängt die Grünen“ geteilt hat. Die Deutung, er habe sich einen Gewaltaufruf zu eigen gemacht, lehnt er ab. Das Plakat „Nazis töten.“ von der Satirepartei „Die Partei“ habe er auch geteilt. „Beides Mist“, sagte er vor Gericht.

Er wird in Berufung gehen. Wie in dem Fall, als er an örtlichen Geschäften, die die Maskenpflicht durchsetzten, plakatierte: „Juden werden hier nicht bedient.“ Dieser Flirt mit einem Holocaust-Vergleich brachte ihm in erster Instanz über 8000 Euro Geldstrafe wegen Volksverhetzung ein. Im Gespräch mit der EZ legt Herr K. nach: „Querdenker sollen beseitigt und mundtot gemacht werden.“ Der Vergleich mit der Judenverfolgung sei „schon krass“ gewesen. „Aber die Juden sind damals auch erst nicht vergast worden.“ Blüht Impfgegnern staatlich organisierter Massenmord? „Die Gesellschaft bewegt sich auf einen Abhang zu“, sagt K.

Weigerung gegen die Maske kostet das Gericht Nerven und K. seinen Job

Gegen ihn zu prozessieren, ist nicht so leicht. Er weigert sich, selbst für die kurze Eingangskontrolle am Amtsgericht eine Maske aufzusetzen, mit Verweis auf ein Attest seines Hausarztes. Er werde sonst ohnmächtig. Die Justizbeamten geben nach, tasten den selbstverständlich ungeimpften K. ab, ohne dass er Maske tragen muss. Die Richterin lässt den Gerichtsflur räumen, damit K. auf dem Weg zur Anklagebank niemandem zu nahe kommt.

Immer wieder der Flirt mit dem Antisemitismus

Die Weigerung gegen die Maske kostete K. seinen Job in einem Baumarkt. Ein Verkäufer ohne Mundschutz: den Kunden nicht zu vermitteln. Ein alltäglicher Einkaufsgang kann für den Maskenverweigerer zum Spießrutenlauf werden. Ist persönliche Betroffenheit das Motiv für seinen Aktivismus? „Vielleicht auch“, sagt der 40-Jährige. Lieber spricht er über die „in weiten Teilen gekaufte Wissenschaft“ und über die „wirklich dunklen Motive“ der Super-Reichen wie Bill Gates, George Soros oder die Familien Rothschild und Rockefeller, die wohl ihre Finger im Spiel hätten. Dass er sich damit wieder bei antisemitischen Stereotypen, dieses Mal der globalen Einflussnahme des Weltjudentums, bedient? Geschenkt.

Corona-Proteste in Grafing: Die offiziellen Demos (Foto weiter oben) vergangenen Winter organisierte Herr K. Zur Koordination der ungenehmigten Spaziergänge (hier im Bild) bekennt er sich nicht. Die Polizei ermittelt deshalb gegen ihn.
Corona-Proteste in Grafing: Die offiziellen Demos (Foto weiter oben) vergangenen Winter organisierte Herr K. Zur Koordination der ungenehmigten Spaziergänge (hier im Bild) bekennt er sich nicht. Die Polizei ermittelt deshalb gegen ihn. © Stefan Roßmann

Herr K. sieht sich in der Mitte, die SPD als linksextrem

„In der Mitte“, sagt K. ohne Zögern darüber, wo er sich im politischen Spektrum verorten würde. Auf den Demos und Spaziergängen lässt sich bis auf den AfD-Kreisvorsitzenden Christoph Birghan aus Steinhöring kein namhafter Politiker aus dem Landkreis blicken. Das liege daran, dass die anderen Parteien so weit nach links gerückt seien. Weg von der Mitte des Herrn K. „Es sollen gerne Rechts- und Linksradikale mitmarschieren“, lädt der Grafinger ein. Mit Letzteren meint er etwa Vertreter der SPD. Er wolle niemanden ausschließen, sondern mehr Miteinander. Da müsse man jene einbinden, die an Ufo-Landungen oder Mikrochips in der Impfspritze glauben. „Es gibt auch Verschwörungstheoretiker“, sagt der Grafinger. Am Ende wird sich die Wahrheit schon durchsetzen.

Herr K. und die Fakten: Ein flexibles Verhältnis

Herr K. weiß zum Beispiel, dass PCR-Tests auf Grippe-Viren anschlagen. Auch wenn das eine längst widerlegte Falschbehauptung ist. Er weiß auch, dass Impfärzte mit bis zu 300 Impfungen am Tag eine Viertelmillion Euro im Monat verdienen. „Ein Arzt!“ Bei der Nachrecherche stellt sich heraus: K. zitiert aus einem WDR-Bericht. Da geht es aber um eine Praxis mit zehn Impfkabinen.

Dass der jüdische Milliardär George Soros mittlerweile sein fünftes oder sechstes Spenderherz bekommen hat, hat K. auch trapsen hören. Dieses Gerücht geht zwar auf einen populären Satireartikel über einen anderen Milliardär, David Rockefeller, zurück, aber mei. Das „Mega-Geschäft“, das Bill Gates vor seinem Impf-Engagement mit digitalen Antiviren-Programmen gemacht haben soll, vielleicht gar dank eigens deshalb entwickelter Computerviren? – Spannende Parallele zu den Corona-Verschwörungstheorien um den Microsoft-Milliardär. Nur ist der hauseigene Virenschutz für Windows-Computer seit jeher gratis. Herr K. liest viele Nachrichten, aber mit den Fakten nimmt er es nicht immer genau. Wenn man ihn dabei erwischt, muss er meistens lachen. Kann ja mal passieren.

„Unwiderlegbar“ müsse der Beweis für die Pandemie sein

Wie der Beweis zur Gefährlichkeit des Coronavirus aussehen muss, damit Herr K. zur Pandemie seine Meinung ändert, weiß er nicht. „Unwiderlegbar“ müsse er sein. Sein Zukunftstraum sei ein Leben mit Gleichgesinnten und ganz vielen Tieren auf einem Bauernhof. Wenn der Corona-Wahnsinn hoffentlich vorbei ist und die Gesellschaft wieder zueinander findet. „Ich kann mir nicht vorstellen“, sagt K., „dass ich mich dann entschuldigen muss.“ *Merkur.de/bayern und die Ebersberger Zeitung ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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