Zwei Kinder vor der Grundschule in Grafing. Im Souterrain sollen Kinder betreut werden.
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Zwei Kinder vor der Grundschule in Grafing. Im Souterrain sollen Kinder betreut werden.

Stadt will „Notunterkunft“ in der Grundschule einrichten

Corona reißt große Lücke in die Grafinger Kinderbetreuung

  • Michael Seeholzer
    VonMichael Seeholzer
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Böse Überraschung: In Grafing fehlen plötzlich über 40 Kinderbetreuungsplätze. Eine Folge der Corona-Pandemie. Warum? Die Eltern haben Angst, ihre Kinder könnten sich in der Schule anstecken und lassen ihre Kleinen lieber ein Jahr später einschulen.

Grafing - Die Stadt musste eine Notlösung aus dem Hut zaubern. Die gefällt aber nicht allen. Im Sozialausschuss stimmten Walter Schmidtke (Bayernpartei) und Veronika Oswald (FW) dagegen, die fehlenden Plätze provisorisch in drei Räumen im Souterrain der Grundschule unterzubringen. Von der CSU und den Grünen kam dagegen großes Lob. Stadtrat Thomas Huber (CSU): „Besser kann man es in so einer Situation gar nicht machen.“ Die Stadt hofft, dass mit dem Bau der neuen Kita an der Forellenstraße Grafings Bedarf langfristig gedeckt wird.

Die Lücke im Betreuungsangebot war unvorhersehbar. Weil die Kinder erst später eingeschult werden, bleiben ihre Plätze in den Betreuungseinrichtungen besetzt. Dafür fällt möglicherweise eine ganze Klasse Schulanfänger in der Grundschule weg, was für höhere Klassenstärken sorgen könnte. So der Vortrag von Marietta Ernst der Verwaltung und von Bürgermeister Christian Bauer (CSU), der bei dem Thema eine „gewisse Aufregung“ unter den Eltern feststellte.

Stadt strengt sich an, die Lücke zu schließen

Die drei Räume im Untergeschoss des Ostflügels der Grundschule können schnell umgerüstet werden und haben einen eigenen Eingang. Spielen können die Kleinen im Schulgarten mit 340 Quadratmetern, was Oswald „nicht ideal“ fand. Die Stadt strengt sich an, die Lücke zu schließen. Gleichzeitig wurde informiert, dass in Straußdorf eine zweite Kindergartengruppe geschlossen werden musste, weil das Angebot nicht angenommen wurde. „Nach Straußdorf raus und dann nach München in die Arbeit fährt keiner“, zeigte Bauer Verständnis.

„Manchmal wünsche ich mir mehr Verständnis von den Eltern“, meinte dagegen Ottilie Eberl (Grüne). Veronika Oswald (FW) versteht die Skepsis von Schülereltern über die unverhoffte Nachbarschaft. Über den Kindergartenräumen befinden sich Werk- und Musikraum. Eine Störung des Unterrichts sei nicht zu erwarten, so Ernst. Als Träger habe sich das Rote Kreuz angeboten. „Die sind wahnsinnig flexibel“, und hätten auch das notwendige Personal. Wie Bauer bestätigte, habe mit Schulleiterin Susanne Böhm ein Gespräch stattgefunden. Die Räume im neuen Schulgebäude seien frei, Böhm habe sich aufgeschlossen gezeigt.

Als Schmidtke in der Abstimmung gegen die Notlösung votierte, fragte ihn Bauer direkt: „Und wo wollen Sie die Kinder dann unterbringen?“ Aus dem Gremium kam der Vorschlag: „Vielleicht bei ihm zuhause?“ Da meinte Schmidt: „Das ist nicht meine Aufgabe. Ich kann ein faules Ei erkennen, aber deswegen keine Eier legen.“

KOMMENTAR

Corona hat viele Folgen. Eine davon ist die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Eltern von Schulkindern haben offensichtlich Angst um den Lernerfolg ihres Nachwuchses, wenn in unmittelbarer Nachbarschaft Kindergartenkinder spielen, deren Eltern wiederum auf eine Betreuung ihrer Kleinen dringend angewiesen sind. Dass in Straußdorf eine Gruppe mangels Nachfrage geschlossen werden musste, mag einer als ungerechtfertigte Anspruchshaltung interpretieren. Andererseits wird den Eltern vom Staat derzeit derart viel abverlangt, dass man auch dafür Verständnis aufbringen könnte. Die Stadt hat eine pragmatische Notlösung gefunden, und dafür sollten alle ein bisschen zusammenrücken. Ist ja nicht für ewig.  Michael Seeholzer

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