Gemütlich im Grünen sitzt Fritz Lietsch aus Wiesham auf einem ausrangierten Ledersofa in seinem Garten. Dahinter sind Photovoltaik-Paneele aufgebaut, die der 63-Jährige ausprobiert. Er will Andere für Nachhaltigkeit und fürs Teilen von Ressourcen begeistern.
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Gemütlich im Grünen sitzt Fritz Lietsch aus Wiesham auf einem ausrangierten Ledersofa in seinem Garten. Dahinter sind Photovoltaik-Paneele aufgebaut, die der 63-Jährige ausprobiert. Er will Andere für Nachhaltigkeit und fürs Teilen von Ressourcen begeistern.

Fritz Lietsch aus Grafing brennt fürs nachhaltige Miteinander

Das Sofa im Gemüsegarten und warum Teilen glücklich macht

  • Josef Ametsbichler
    VonJosef Ametsbichler
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Die Energiewende beginnt im Kleinen. Bei Menschen, die ihren Beitrag dazu leisten, ihren Kindern und Enkeln eine lebenswerte Welt zu hinterlassen. Zum Beispiel Fritz Lietsch aus Wiesham bei Grafing. Ein Besuch.

Wiesham – Taubenblaue Gummilatschen malträtieren grasgrünen Rasenschnitt. Fritz Lietsch, 63 Jahre alt, steht in einer bis zum Rand mit Kompost gefüllten Regentonne und stampft, dass der graue Scheitel wippt – selbst fermentierter Bokashi-Dünger soll das werden, sein aktuelles Garten-Experiment. Lietsch streckt in seinem grauen Baumwollhemd den Rücken durch und kneift hinter runden Brillengläsern die Augen zusammen. Wie ein Feldherr hoch zu Ross lässt er von seinem Bokashi-Fass aus den Blick über seinen Garten in Wiesham bei Grafing streifen und sagt: „Mich interessiert, was geht – und nicht, was nicht geht.“

Es geht so einiges im Garten von Fritz Lietsch. Hinter dem Haus werkeln zwei Ehepaare auf dem „Glücksacker“, einem Grundstück, das er Städtern, die keinen eigenen Garten haben, zum Gemüseanbau überlässt. Der VW-Bus und das Elektroauto sind gerade unterwegs – die beiden Autos der Familie verleiht der Wieshamer auf Anfrage an Verwandte, Freunde, Bekannte, wer ihn halt fragt. In zwei Gewächshäuschen wachsen Salatpflänzchen, Tomaten und sogar Tabak-Setzlinge daher. Dazwischen hat Lietsch ein halbes Dutzend verschiedener Solarmodule aufgestellt, mit denen er herumexperimentiert. Alles, was er tut, tut er für den Erkenntnisgewinn, sagt der 63-Jährige.

Ein Ledersofa im Garten als Testobjekt

Der Bokashi ist gestampft genug. Fritz Lietsch hat sich in ein knittrig-bleiches, durchgelebtes Ledersofa gefläzt. Statt es wegzuschmeißen, hat er es in den Garten gestellt. Er will sehen, was das Wetter damit anrichtet. „Wahnsinn, was so ein Teil aushält“, sagt er und wippt mit den nackten Zehen. Die Gummilatschen hat er neben sich ins Gras geschlenzt. Dass er an diesem Tag ein Hemd trägt, liegt an einer zuvor absolvierten Videokonferenz. Sonst trifft man ihn auch mal in der Latzhose an – zwischen Büro- und Gartenarbeit wechselt er gern mehrmals am Tag.

Mit einem Satz ist Lietschs Beruf nicht zu beschreiben. Chefredakteur ist er bei seiner Zeitschrift „Forum Nachhaltig Wirtschaften“. Das Magazin macht einmal im Quartal den Wirtschaft-Entscheidern dieser Welt neben dem Ökonomischen auch das Ökologische schmackhaft. Zum Thema Nachhaltigkeit tritt er als Referent, Berater und Moderator auf. Wenn er nicht gerade Kompost stampft oder das Tomatenbeet umgräbt. Lietsch säuft gewissermaßen das Wasser, das er predigt. „Mir geht es nicht ums Belehren, sondern ums Begeistern“, sagt er.

Lietsch: „Ich bin nicht dogmatisch, aber es muss was passieren“

Er sagt aber auch: „Wenn wir nicht lernen, miteinander zu agieren, fallen wir mittel- bis langfristig ins Desaster.“ Den aktuellen Lebensstil halte der Planet auf Dauer nicht aus – statt einer Revolution brauche es eine Evolution. „Ich bin nicht dogmatisch“, sagt Lietsch. Aber es müsse was passieren.

Deswegen verleiht er ohne viel Federlesen seine Autos und seinen kleinen Katamaran am Chiemsee, deswegen überlässt er sein Grundstück anderen zum Garteln, gegen freiwillige Spenden, etwas Hilfe im Gewächshaus oder einmal Volltanken und Waschen.

Nach dem Krieg habe der Mangel die Menschen zum Miteinander gezwungen, sagt er. Teilen sei da ganz normal gewesen. „Das haben wir vor lauter Ruach verlernt“, diagnostiziert der 63-Jährige. Ruach ist Bairisch für Habgier. Bauerndörfer, die sich früher einen Mähdrescher geteilt hätten, seien heute hoffnungslos zerstritten, weil keiner mehr dem Anderen etwas gönne. Dabei sei das Miteinander viel schöner als das Neben- oder gar Gegeneinander. „Wer mit einem Vertrauensvorschuss ins Rennen geht, wird reich belohnt“, sagt er über das Geben und Nehmen.

Das Miteinander spart Ressourcen

Außerdem spare es Ressourcen. Bei anderen Gemeinschaftsgärten hat Lietsch beobachtet, wie die Parzelleninhaber jede Schaufel, Harke und sogar das Gießwasser selber herankarrten. In Wiesham gibt es eine Regenzisterne und eine Schuppenwand, an der das Gartenwerkzeug hängt, das sich alle teilen. Aus einem Samenpackerl gehen 300 Salat-Setzlinge heraus. Dann reicht es doch, wenn einer eins kauft, findet der Wieshamer. „Wir sollten alle weniger besitzen.“

Ohne sich dabei zu kasteien, beeilt er sich zu betonen. „Ich verkneife mir nichts, aber reduziere was geht.“ Das Geld für einen Porsche verdienen, aber mit dem Radl fahren. Keine Wurst im Kühlschrank haben, weil das mit dem Fleisch und der Nachhaltigkeit halt so eine Sache ist. Aber mit der Frau und den beiden Söhnen Burger brutzeln, wenn es die Familie doch einmal anweigt. Mal gemeinsam nach Thailand in Urlaub fliegen und sich kein schlechtes Gewissen machen. Mal eine Zigarette in Gesellschaft rauchen. „Die Kunst ist, nicht abhängig zu werden“, sagt der Wieshamer über den Konsum. „Verzicht nie mit Gewalt, sondern mit gelassener Leichtigkeit.“

Die nächste Konferenz steht an. Auf dem Weg von seiner Garten-Ledercouch ins Haus erzählt Lietsch noch die Geschichte vom „Aktivtrampen“ – im Zug Richtung Grafing-Bahnhof ruft er schon mal durch den Waggon, ob jemand Richtung Wasserburg fährt. „Klappt immer“, sagt er. „Da lernst du die coolsten Leute kennen.“ Und erspart der Umwelt eine Autofahrt. Immer sei das zwar keine Gaudi, wenn er müde nur nach Hause wolle, sagt er auch dazu. „Aber ich motiviere mich, bestimmte Dinge zu tun.“ Dann marschiert er zur Haustür hinein ins Büro. Der Latzhosen-Lietsch wird wieder zum Hemd-Lietsch. Er geht barfuß. Die taubenblauen Gummilatschen hat er im Gras liegen lassen.

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