Klare Ansage: „Opas gegen Rechts“ steht in dicken Lettern auf dem Lieblings-T-Shirt des Grafingers Franz Giglinger. In den Händen hält der 63-Jährige eine Schallplatte von Led Zeppelin. Er brennt für Hardrock, Natur und Gerechtigkeit. 
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Klare Ansage: „Opas gegen Rechts“ steht in dicken Lettern auf dem Lieblings-T-Shirt des Grafingers Franz Giglinger. In den Händen hält der 63-Jährige eine Schallplatte von Led Zeppelin. Er brennt für Hardrock, Natur und Gerechtigkeit. 

Hausbesuch: Franz Giglinger (63) scheiterte als Hippie – Für den Weltfrieden trommelt er weiter

Die Ein-Mann-Aktivistengruppe aus Grafing

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Franz Giglinger, 63, aus Grafing ist als Hippie gescheitert. Das hält ihn aber nicht ab, weiterhin für den Weltfrieden zu trommeln. Ein Besuch in seiner Zweizimmer-Wohnung.

Grafing – In einer Schreibtischschublade des Autors dieser Zeilen ist eine Ecke für Franz Giglinger reserviert. Dort sammeln sich in einer Klarsichthülle jene Postkarten, die den Grafinger zu einer Konstante im Redaktionsbetrieb machen – in ein, zwei Sätzen tut er darauf seine Meinung zur aktuellen Berichterstattung kund, meistens prangt daneben ein mit Kugelschreiber gemaltes Peace-Zeichen oder ein Blümchen, dazu ein Spruch wie „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!“ oder „Keine Macht für Niemand!“. Nicht alles, was auf den oft mit selbst ausgeschnittenen Naturmotiven verzierten Karten steht, ist druckreif. Aber immer sind sie zu schade zum Wegwerfen. Vielleicht wird einmal eine große Collage daraus.

Franz Giglinger sagt: „Ich habe immer zu den Schwächeren geholfen“

Absenderadresse ist eine Zweizimmerwohnung in einem Genossenschaftsbau in Grafing. Dort hockt Giglinger, 63, auf seiner knittrigen Ledercouch, trinkt einen Schluck Mineralwasser aus der Flasche und sagt: „Ich habe immer zu den Schwächeren geholfen.“ In daumendicken Großbuchstaben prangt der Schriftzug „Opas gegen Rechts“ auf seinem T-Shirt, dazu das Peace-Zeichen als Anstecker. Das Shirt hat ihm seine Tochter geschenkt. Er trägt es mit Stolz, auch wenn er gelegentlich dafür blöd angeredet wird, wenn er draußen mit Maxi, seinem Jack-Russel-Terrier, spazieren ist.

Irgendwie war Giglinger schon seit der Jugend eine linke Bazille. Er hat in seiner Jugend gemeinsam mit dem wenig älteren, unlängst verstorbenen SPD-Bundestagsabgeordneten Ewald Schurer in der Ebersberger Flossmannstraße das erste Jugendzentrum im Landkreis aufgebaut. „Das war eine Gaudi“, erinnert er sich. Ärger gab es, weil Männlein und Weiblein dasselbe Klo benutzten – ein Skandal im Ebersberg der 1970er-Jahre. Giglinger muss immer noch prustend lachen, wenn er davon erzählt.

Er machte die Discos im Umland unsicher

Der Gigse, wie ihn seine Freunde schon seit dem Kindergarten nannten, ist ziemlich rumgekommen. Hat die Discos bis ins Erdinger Land und nach München hinein unsicher gemacht, rauchte Roth-Händle ohne Filter. Drei Monate lang hat der gebürtige Ebersberger nach der Ausbildung zum Schmied und der Bundeswehr, der er nicht entkommen war, als Hippie-Aussteiger in einer Wasserburger WG gewohnt; gelebt „wie auf einem Piratenschiff“. Aber auf eigene Rechnung, betont er, ohne sich arbeitslos zu melden. Sogar an eine Krankenversicherung für 140 Mark im Monat habe er damals gedacht.

Wer so tickt, ist fürs Hippiedasein nicht geboren. Giglinger unternahm den Ausstieg vom Ausstieg. „Mir war das zu extrem, was da abgegangen ist, und was die sich alles eingeworfen haben“, erinnert er sich. Bis zur Frührente – der Rücken und der Zucker – rechnet er knapp 43 Arbeitsjahre auf, die meisten in einem Autohaus und bei einem Sportartikelhersteller.

Ein guter Mensch muss Tiere, Blumen und Musik mögen

Der 63-Jährige ist auf seiner grauen Grafinger Ledercouch ganz nach vorne gerutscht, der Kopf mit dem weißen Haarkranz wippt, der Zeigefinger saust beim Reden nur so durch die Luft. „Ein guter Mensch muss Tiere, Blumen und Musik mögen“, sagt er.

Rebell und Gerechtigkeitskämpfer ist er bis heute, Mitglied beim Bund Naturschutz, Greenpeace, der Wildtierstiftung WWF. Er spendet Briefmarken für Menschen mit Behinderung, hat bei seiner Bank dagegen protestiert, dass sie Kohle- und Rüstungsunternehmen finanziert und Unterschriften fürs Volksbegehren Artenschutz gesammelt. Beim Spazierengehen hat er immer ein paar Broschüren dabei – für Vogelschutz, gegen Atomkraft. Das politische Erstarken der Rechten treibt ihn besonders um. „Man soll nicht hassen“, sagt er. „Aber mögen muss ich die AfD nicht.“ Franz Giglinger ist seine eigene Aktivistengruppe.

Bunt und meinungsstark: einige Postkarten von Franz Giglinger an die EZ-Redaktion.

Das kann auch mal bedeuten, dass er sich an der Tanke Beserl und Schauferl leiht, um ein paar Glasscherben an der nächsten Parkbank zusammenzukehren. „Wenn ich jemandem eine Freude gemacht habe, war es ein guter Tag“, sagt er. Wenn alle so dächten, wäre die Welt ein besserer Ort.

An den Schranktüren hängen Leserbriefe und Konzertkritiken

An seinen Schranktüren hängen Bilder, die seine beiden Enkelinnen mit Buntstiften für ihn gemalt haben. Viele davon zeigen Peace-Zeichen, daran hat er seine Freude. Daneben hängen Dutzende ausgeschnittene Zeitungsberichte, unter anderem seine eigenen Leserbriefe und massenweise Konzertkritiken. Gut 90 Rockkonzerte hat er besucht, Led Zeppelin, Deep Purple, Kiss und Konsorten. Und gut 2000 ebenso einschlägige Schallplatten zeugen von seinen wilden Zeiten.

Inzwischen lässt es der 63-jährige Grafinger ein bisserl ruhiger angehen. Für das Ozzy-Osbourne-Konzert vergangenen März, auf dessen Nachholtermin er noch immer wartet, hat er sich ein Sitzplatzticket weiter hinten gesichert. Und statt die Nacht durch Partys zu feiern, steckt er abends lieber Meisenknödel zusammen, liest sich in politische Themen ein, schreibt seine Postkarten oder füllt Preisausschreiben aus. „Im Alter muss man sich ein bisserl zurücknehmen“, sagt er und streckt Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand zum Peace-Zeichen durch. Franz Giglinger sagt: „Ich bin froh, dass ich früher so ein wilder Hund war.“

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