Matthias Krickhahn vor dem Ausgang seines Biergartens.
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Matthias Krickhahn und sein Wirtshaus müssen pandemiebedingt „Pfia Gott“ sagen.

„Habe praktisch nichts mehr“

Corona treibt beliebten Wirt in finanziellen Ruin: Wohnung und Auto weg - riesiger Schuldenberg

  • Michael Seeholzer
    VonMichael Seeholzer
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Corona-Opfer: Der Wirt der Schlossgaststätte Elkofen muss pandemiebedingt sein Geschäft aufgeben. Nun sitzt er auf einem riesigen Schuldenberg.

Grafing – Im Biergarten stehen keine Bänke mehr, vor dem Haus steht dafür ein hellblauer Container. Wirt Matthias Krickhahn (29) räumt auf und aus. Sein Bruder Johannes (26) streicht die Fensterstöcke ein letztes Mal. Freunde helfen beim Umzug. „In zwei Wochen müssen wir draußen sein.“ Die Corona-Pandemie hat die beiden Wirte der beliebten Schlossgaststätte in Elkofen zum Aufgeben gezwungen. Übrig bleiben für den „Hias“, wie er von den Gästen genannt wurde, eine Privatinsolvenz und ein fünfstelliger Schuldenberg.

Landkreis Ebersberg: Corona zwingt Wirt zum Aufgeben - „Es ging einfach nicht mehr“

„Es ging einfach nicht mehr“, bedauert der 29-Jährige, dass er die Notbremse ziehen musste. Eine Wohnung hat er keine mehr, er findet bei seiner Freundin Unterschlupf. Dass der von alt und jung gleichermaßen geschätzte Wirt aufgeben muss, bedauert nicht nur ein treuer Stammtisch. Das „Schlössl“ in Elkofen ist ein Ausflugslokal, zu dem auch viele Münchner finden, die in der Umgebung gerne ihre Hunde ausführen. Spaziergänger und Radler machen hier Rast und Brotzeit.

Grafing: Wirtshaus im ersten Corona-Lockdown: Kaum Kunden für Essen zum Mitnehmen

Dann kam Corona und der erste Lockdown. „Wir haben zuerst gedacht, das dauert vielleicht zwei Wochen lang“, erinnert sich der Hias. Das war zu optimistisch. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen. Die beiden Brüder übernahmen die Wirtschaft im Oktober 2017. „Das erste Jahr war zaach“, erinnert sich der Wirt. Dann aber seien die Zahlen jedes Jahr ein bisschen besser geworden. „Es ging bergauf“, bis eben zum ersten Lockdown.

Es gibt Wirtschaften, die konnten sich in dieser Zeit mit Essen zum Mitnehmen über Wasser halten, manche mehr schlecht als recht. Das sind die Gasthäuser in zentraler Lage mit den vielen Laufkundschaften. Die gibt es in Elkofen aber nicht oder jedenfalls nicht viele. „Manche sind beim Spazierengehen schon vorbeigegangen und haben gesagt, sie kämen in einer halben Stunde wieder und würden dann etwas zum Essen mitnehmen“, berichtet Hias. Ein Tropfen auf den heißen Stein. „Das meiste Geld verdienen wir am Stammtisch und mit den Getränken.“

Im zweiten Corona-Lockdown: Feuerwehr versucht Gaststätte zu unterstützen

Zwischen dem ersten und dem zweiten Lockdown ist den Brüdern klar, dass es jetzt ernst wird. „Wir müssen jeden Gast mitnehmen“, sagt Johannes zu seinem Bruder. Die beiden lassen Bands im Biergarten auftreten. „Die sind uns mit der Gage sehr entgegengekommen.“ Aber im zweiten Lockdown wird auch das Geschäft mit dem Essen zum Mitnehmen schlechter. Gleichzeitig drücken die fixen Kosten, obwohl auch dort verhandelt wurde.

Der Elkofener Feuerwehrverein spendiert seinen Mitgliedern ein zweites Mal je zwei Essen von der Schlossgaststätte, um das Brüderpaar zu unterstützen. Das ganze Dorf hängt an seinem Wirtshaus, von dem es früher in dem kleinen Ort einmal mehrere gab. „Und jeder Wirt konnte davon leben“, sagt ein langjähriger Stammgast, der diese Gasthäuser Jahrzehnte lang selbst noch alle besucht hat.

Grafing: Finanzamt pfändet gleich nach Erhalt Corona-Soforthilfen

Als Matthias Krickhahn Ende März noch keine vom Staat versprochene Soforthilfe für den Dezember bekommen hat, ruft ein Freund beim bayerischen Wirtschaftsminister Huber Aiwanger an. „Am nächsten Tag war die Hilfe da“, berichtet Krickhahn verblüfft. Sofort da war freilich auch das Finanzamt. „Die Hilfe wurde gepfändet, auch der Steuerberater konnte es nicht ändern. Das war unser Genickbruch, ab da war die Pleite nicht mehr abzuwenden.“ Zuvor hätte der Wirt aber noch ein neues Kassensystem einführen müssen. So will es das Gesetz. „Das konnten wir gar nicht mehr bezahlen, auch wenn es Hilfen dafür gegeben hätte.“

Dann geht es Schlag auf Schlag. „Zuerst haben sie uns die Spülmaschine abgeholt“, die war gemietet und ist in der Gastro Pflicht. „Dann die Tonne für die Speisereste, weil wir nichts mehr bezahlen konnten.“ Schließlich wird auch das Auto des Wirts gepfändet. Jetzt steht die Privatinsolvenz an. „Ich habe praktisch gar nichts mehr, auch kein Vertragshandy.“ In dieser Situation gibt es Freunde, die zu Matthias Krickhahn sagen: „Wir könnten Dir 10 000 Euro leihen.“ Doch für den Wirt steht fest: „Den Ärger tue ich mir nicht an, da ist mir die Freundschaft wichtiger.“

Nach Corona-Pleite: Ehemaliger Wirtshausbetreiber arbeitet bald als Umzugshilfe

Bis zum 1. September ist der gelernte Koch jetzt arbeitslos. Sein zusätzliches Pech: Die Corona-Pandemie hat die Nachfrage nach Küchenpersonal sinken lassen. „Die stellen momentan nur Lehrlinge, Spülhilfen und Jungköche ein, die sind billiger.“ Er will sich ab September als „Umzugshelfer“ über Wasser halten.

Er dankt seiner Familie, Freunden und Verwandten, sowie der Feuerwehr und allen, die ihn unterstützt haben. An der Schlossgaststätte habe ihm „das Urige und Alte“ gefallen. Dass das mit Corona so gekommen sei, „ist nicht meine Schuld.“ Der Hias wird die Gaststätte vermissen. „Am meisten hat mir dabei gefallen, dass ich ein Teil von Grafing war.“ Jetzt zieht er nach Zorneding.

Die Corona-Pandemie hält den Freistaat Bayern weiter fest im Griff. Auch den Landkreis Ebersberg. Alle Entwicklungen erfahren Sie hier im News-Ticker.

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