Leere Särge stapeln sich beim Bestattungsinstitut Imhoff in Grafing.
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Leere Särge stapeln sich beim Bestattungsinstitut Imhoff in Grafing. Sie stehen dort bereit, da momentan mehr Sterbefälle als sonst auftreten. Särge, in denen Covid-positive Verstorbene liegen, werden mit einem Warnschild versehen, wie es zu Illustrationszwecken an dem Sarg rechts angebracht ist.

Mehr Sterbefälle und strenge Hygiene-Regeln

Beerdigt im letzten Hemd: Eine Bestatterin berichtet aus dem Covid-Alltag

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Mehr Sterbefälle, strenge Hygiene-Regeln für Trauernde und eine Klinik am Limit ihrer Kühlkammern: Das Coronavirus prägt zurzeit den Alltag der Bestatter im Landkreis Ebersberg.

Landkreis – Annabelle Imhoff für ein ausführliches Gespräch ans Telefon zu bekommen, ist momentan schwierig. Die Grafinger Bestatterin eilt von Termin zu Termin, als es schließlich klappt, ist sie schon wieder im Auto unterwegs. „Es ist wahnsinnig viel“, sagt sie über die Todesfälle, zu denen sie und ihre Kollegen gerufen werden. Dass im Dezember mehr Menschen sterben als sonst, sei schon immer so gewesen. „Aber heuer reißt es nicht ab“, sagt Imhoff. Auch am Wochenende sei sie im vollen Einsatz. Für das Jahr 2020 zählt sie rund 20 Prozent mehr Aufträge als im Vorjahr – das sei viel für ihr kleines Institut, findet sie. „Es gibt coronabedingt mehr Sterbefälle“, sagt Imhoff.

Mittlerweile erkundigt sie sich bei jedem Anruf, ob der Verstorbene coronapositiv war. Dann streift sie sich zusätzlich zu dem Handschuhen auch eine FFP2-Maske und den weißen Ganzkörper-Schutzanzug über, bevor sie an den Sterbeort kommt: daheim, im Krankenhaus, auf den Corona-Stationen der Pflegeheime. „Dort werden wir momentan verstärkt gebraucht“, sagt Imhoff.

In der Kreisklinik Ebersberg reichen die Kühlkammern vereinzelt nicht für die Toten - das ist neu

Neu ist zudem, dass in der Ebersberger Kreisklinik die Kühlkapazitäten für die Verstorbenen in der Klinik nicht mehr ausreichen. „Wir sind vorübergehend an die Grenzen gekommen“, bestätigt der Ärztliche Direktor, Dr. Peter Kreissl. Das habe es so zuvor nicht gegeben, was sicherlich auch mit den in der Klinik sterbenden Covid-19-Patienten zu tun habe. Es gebe Todesfälle auf der Intensivstation wie auch auf der Normalstation, falls beispielsweise Menschen wegen einer entsprechenden Patientenverfügung nicht beatmet würden.

Um die Überlastung der eigenen Kühlkammer auszugleichen, habe das Krankenhaus Kapazitäten bei einem Bestatter in der Nähe organisieren können. Zwischenzeitlich telefonierte die Klinik auch Bestatter ab, ob diese bereits Aufträge für die Verstorbenen vorliegen hätten und diese abholen könnten. Klinikdirektor Kreissl hofft, dass sich die Impfkampagne bald auf die Sterbezahlen auswirkt – gerade ältere Menschen kämen mit schweren Covid-19-Verläufen in die Klinik. Wichtigster Schritt sei die schnelle Impfung der Pflegeheim-Bewohner.

Corona-Tote werden in der Kleidung beerdigt, in der sie gestorben sind - Waschen und Ankleiden ist nicht erlaubt

Annabelle Imhoff, Bestatterin aus Grafing.

Gerade für deren Angehörige ist der Abschied oft ein Drama, weiß Bestatterin Imhoff. Oft ist das persönliche Abschiednehmen von den Sterbenden schwierig bis unmöglich – und den Trauernden bleibt der letzte Blick auf ihre Lieben verwehrt. Corona-positive Verstorbene werden gleich nach ihrem Tod in robusten, weißen, blickdichten Leichenhüllen aus zersetzbarem Material in den Sarg gebettet, erklärt Imhoff. Diese dürften zum Infektionsschutz nicht mehr geöffnet werden.

Für die Bestatter heißt das: Das Ankleiden und Waschen der Leichen ist ihnen untersagt. Die Corona-Toten müssen in der Kleidung beerdigt oder eingeäschert werden, in der sie versterben – und wenn es nur das Klinikhemd ist, das sie zuletzt getragen haben. Für Annabelle Imhoff bleibt dann nur, den infektionssicher eingehüllten Leichnam sanft in den Sarg zu betten – „so ordentlich wie immer“, sagt sie. Der Sarg erhält dann, um ein versehentliches Öffnen auszuschließen, einen warnenden Zettel, der bis zur Beerdigung bleibt: „Warnhinweis: infektiös“, steht in roten, amtsdeutschen Buchstaben darauf, „Risikogruppe 3 gem. BioStoffV“.

Auch für Profis sind die Umstände belastend

Den Angehörigen gehen die unpersönlichen Umstände angesichts der aktuellen Corona-Lage nahe. „Für uns ist es auch schwierig“, bekennt die Bestatterin. Wenn sie sich in die Lage der Angehörigen versetze, sei das auch für einen Profi belastend.

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