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Dieser VW-Chef führt die Vier-Tage-Woche ein: „Wichtig, dass ich der Erste bin“

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Von: Josef Ametsbichler

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Per Plakat wirbt Autohaus-Chef Christian Hartmann für die Vier-Tage-Woche in seinem Betrieb.
Per Plakat wirbt Autohaus-Chef Christian Hartmann für die Vier-Tage-Woche in seinem Betrieb. © Stefan Roßmann

Die Vier-Tage-Woche für alle Mitarbeiter kommt im VW-Autohaus Hartmann in Grafing (Landkreis Ebersberg). Der Chef verfolgt damit vor allem ein bestimmtes Ziel.

Grafing – Den Freitag zum echten Frei-Tag machen: Das VW-Autohaus Hartmann in Grafing führt als wohl erster Betrieb im Landkreis Ebersberg die Vier-Tage-Woche für die komplette Belegschaft ein. Im Interview erklärt der Chef, Christian Hartmann (55), welche Chancen und Risiken er in diesem einschneidenden Schritt sieht. Und er berichtet von Umwälzungen in seiner Branche und auf dem Arbeitsmarkt insgesamt.

Herr Hartmann, ab dem Jahresbeginn 2023 gilt für alle Mitarbeiter Ihres Autohauses die Vier-Tage-Woche. Sperren Sie künftig freitags zu?

Nein. Wir werden am Freitag die Werkstatt schließen, aber den Service mit einer Minimalbesetzung offen halten und auch ans Telefon gehen Die Mitarbeiter, die dann da sind, haben dafür am Montag frei. So können wir Termine ausmachen und kleine Sachen lösen – Birndl wechseln, Fehlerspeicher auslesen, Räder nachziehen oder notfalls eine Batterie tauschen. Alles andere wird in den restlichen vier Tagen stattfinden.

In VW-Autohaus: Nur vier Tage arbeiten, dafür aber länger

...an denen Sie dann länger öffnen?

Das müssen wir ausprobieren. Wahrscheinlich erweitern wir auch die Öffnungszeiten etwas. Die Arbeitsstunden insgesamt, die bisher auf fünf Tage verteilt waren, verteilen wir jetzt auf vier. Wir werden also von Montag bis Donnerstag länger da sein und statt einer Stunde nur noch eine Dreiviertelstunde Mittagspause machen. Die Zeit muss aber sein. Den Break unterm Tag braucht jeder zum Runterkommen.

Wie war die Reaktion Ihrer Belegschaft?

Es machen alle mit, Werkstatt, Service, Büro. Wir haben das diskutiert und Widerstände gab es eigentlich keine. Die Sorgen sind eher in die Richtung gegangen, ob wir das von der Arbeit her schaffen. Aber das Konzept von einem Tag mehr frei pro Woche hat allen zugesagt.

Vier-Tage-Woche in Autohaus: Gleich viele Stunden, gleiche Bezahlung - „Es machen alle mit“

Worauf verzichten die Mitarbeiter?

Es sind im Wesentlichen so viele Arbeitsstunden wie vorher. Die Bezahlung ist auch die gleiche. Das einzige, was wir reduzieren, damit es geht: den Urlaub. Wir gehen von 30 Tagen auf den gesetzlichen Anspruch von 24 runter. Weil wir nicht mehr auf 38,5 Wochenstunden kommen, sondern nur noch auf gut 38. Ich gebe also sechs Urlaubstage her und bekomme 46 zusätzliche freie Tage. Jeder in der Belegschaft hat das als positiv aufgefasst.

Welches Risiko sehen Sie in dem Schritt?

Kein allzu großes. Natürlich müssen wir schauen, wie es die Kunden aufnehmen. Nicht dass der Eindruck aufkommt, wir haben es nicht mehr nötig, fünf Tage die Woche zu arbeiten. Aber eine Reparatur am selben Tag ist meistens ohnehin nicht mehr möglich – wir können bei der heutigen Teilevielfalt gar nicht alles auf Lager haben. Wichtiger als die Sofortreparatur ist inzwischen, dass wir dem Kunden Ersatzmobilität anbieten. Das können wir auch künftig auch am Freitag. Für die Kunden wird sich nichts groß ändern.

Und wirtschaftlich?

Beim Umsatz sehe ich keinen Nachteil. Es kann halt mal sein, dass wir am Donnerstag etwas mehr Gas geben müssen, damit wir am Abend fertig sind. Und falls wir durch das Konzept mehr Leute bekommen, wird sich die Produktivität sogar verbessern und die Vorlaufzeiten für Reparaturen verringern. Da müssen wir wieder ins Gleichgewicht kommen.

Facharbeitermangel in allen Branchen: „Hoffe, dass wir die Mannschaft wieder auffüllen können“

Ist das der Grund, weshalb Sie die Vier-Tage-Woche einführen?

Wir haben einen klassischen Facharbeitermangel in allen Branchen. Die Babyboomer gehen der Reihe nach in Rente. Und es kommen zu wenige nach. Wenn wir voll besetzt sind, haben wir 15 bis 18 Leute, Vollzeit, Teilzeit, 450 Euro – alles querbeet, wir sind da flexibel. Ich hoffe, dass wir die Mannschaft wieder auffüllen können. Mit zwei zusätzlichen Mitarbeitern wäre ich schon überglücklich. Drei bis vier könnte ich einstellen.

Ausbildung: „Momentan habe ich es ganz schön satt.“

Gilt die Vier-Tage-Woche auch für Neueinstellungen und Azubis?

Für Neuverträge gilt das sofort. Bei den Azubis stellen wir nicht um, das ist zu kompliziert. Heuer hat sich ohnehin niemand beworben und das passt auch so. Ich bilde seit 30 Jahren aus und momentan habe ich es ganz schön satt. Auch wenn ich weiß, wie wichtig Ausbildung ist. Die schlechter gewordene Einstiegsqualität kann ich über gezielte Selektion ausgleichen. Aber es ist so schwierig geworden... Der hohe Verdienst, wie oft sie im Vergleich dazu da sind, es ist nichts mehr planbar. Wenn der Lehrer krank ist, wird die Schule abgesagt und irgendwann plötzlich nachgeholt. Wie wir das draußen regeln, ist anscheinend egal.

Work-Life-Balance: „Verstehe nicht, wie man mit wenig Leistung etwas aufbauen möchte“

Bevor wir damit den Rahmen des Interviews sprengen, zurück zum Ursprungsthema: Ist der Job über die Fünf-Tage-Woche nicht mehr attraktiv?

Die Abwanderung ist bei unserem Beruf ein Problem – auch von mir sind Mitarbeiter in andere Branchen gegangen. Und für junge Leute ist die Work-Life-Balance extrem wichtig. Als ich angefangen habe, haben wir noch 43 Stunden die Woche gearbeitet. Deswegen fällt es mir ein bisserl schwer, das zu verstehen. Ich verstehe, dass man mehr Freizeit möchte. Aber ich verstehe nicht, wie man sich mit wenig Arbeitszeit, wenig Leistung, aber vielen Freizeitausgaben etwas aufbauen möchte. Mein Meister hat immer gesagt: Die Stunden bringen das Geld.

...wenn sie gut genug bezahlt sind.

Wir zahlen über Tarif. Meine Leute sind nicht unterbezahlt. Aber ein Mechatroniker kann halt keine 10.000 Euro im Monat verdienen, das kann auch eine Krankenschwester nicht. Das geben die Gewinnspannen nicht her. Wir müssen unseren Kunden die Arbeitsstunden ja auch verkaufen können, die müssen es bezahlen. Das muss im Gleichgewicht sein.

Umkämpfter Arbeitsmarkt: „Sehe in der Vier-Tage-Woche einen Wettbewerbsvorteil“

Also wollen Sie auf andere Weise ein attraktiver Arbeitgeber sein.

Man kann im Markt nur bestehen, wenn man für neue Sachen offen ist. Ich sehe in der Vier-Tage-Woche einen Wettbewerbsvorteil. Im Prinzip muss ich ja meinen Mitbewerbern die Mitarbeiter wegnehmen – und zwar die guten. Denen muss ich entsprechende Arbeitsbedingungen bieten. Für mich ist wichtig, dass ich damit in der Region der Erste bin. Wenn dann hinterher alle kommen, ist das Potenzial aufgebraucht.

Gibt es Unternehmen, von denen Sie lernen können?

Nein. Über Facebook tausche ich mich bundesweit mit anderen VW-Häusern aus, von denen macht es bisher keiner. Es gibt schon welche, die Mitarbeiter für Vier-, Drei- oder sogar Zwei-Tage-Wochen eingestellt haben. Aber den ganzen Betrieb umstellen, das hat noch keiner gemacht. Im Landkreis kenne ich sonst auch keinen.

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Corona und die Vier-Tage-Woche: „Die Leute haben den Wert ihrer Zeit erkannt.“

Warum bekommt die Idee von der Vier-Tage-Woche jetzt diesen Schwung?

Das hat etwas mit Corona zu tun, ist jedenfalls mein Eindruck. Kurzarbeit, Schließungen, Homeoffice – die Unsicherheiten haben uns alle, in allen Branchen, aus unseren Hamsterrädern gerissen. Viele haben dann gemerkt, dass das Arbeitsmodell von vor Corona gar nicht so attraktiv ist wie das, was wir während Corona hatten. Jetzt müssen wir was dazwischen finden. Die Leute haben den Wert ihrer Zeit erkannt. Früher hat man einfach viel gearbeitet, das war halt so. Die Leute, die jetzt nachkommen, haben davon ein völlig anderes Verständnis als meine Generation. Wir sind in einem Umbruch – ob der gut oder schlecht ist und ob er lange anhält, wer weiß das schon?

Wenn das mit der Vier-Tage-Woche nicht hinhaut, gibt es einen Weg zurück?

Dann muss es einen geben. Meine Leute wollen ja, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz haben und ihr Geld bekommen. Das wollen wir alle miteinander und dann müssen wir eben korrigieren. Aber wenn ich nicht daran glauben würde, dass es geht, würde ich es nicht probieren.

Elektromobilität: „Mittendrin im Umbruch“

Sie stellen sich für eine ungewisse Zukunft auf – in einer Branche die offenbar vor dem ganz großen Umbruch zur Elektromobilität steht. Wie geht das überhaupt weiter?

In dem Umbruch sind wir schon mittendrin. Aber unsere Branche unterliegt schon immer einem brutalen Wandel. Mich erinnert die Debatte um die Elektromobilität an die Zeit, als in den 1980ern der Katalysator kam. Da hatten wir dieselben Ängste vom Liegenbleiben, den Kosten und so weiter. Ein paar Jahre später hatte sich das erledigt. Jetzt kommt die Energiewende weg von den Fossilen und hin zum nachhaltigen, grünen Strom. Es geht was anderes kaputt, wir werden was anderes reparieren.

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