Steffen Schmidt
+
„Hier spielt sich ein anhaltender Zusammenbruch eines bunten Einkaufsmixes mit bald keinerlei Fachgeschäften mehr ab“, sagt Steffen Schmidt, der in der Grafinger Jahnstraße ein Modelleisenbahn-Geschäft betreibt.

Am Beispiel von Grafing: Ein lebendiges Zentrum braucht viele positive Faktoren

Einzelhandel hat ein Altersproblem

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
    schließen

Bis ein Ort den gefestigten Ruf als Einkaufsstadt hat, dauert es oft lange. Ebenso lange dauert es, bis eine Kommune das Prädikat „Schlafgemeinde“ wieder abschütteln kann. Um einen Ort attraktiv zu machen, muss auch der Einzelhandel mithelfen. Dabei aber braucht der derzeit selbst massiv Hilfe.

Grafing - Die Corona-Pandemie hat Defizite augenfällig gemacht. In Grafing kommen ein paar Sonderfaktoren hinzu, die ein schnelles Handeln notwendig machen. Denn: Ist das Porzellan erst zerschmissen, droht ein dauerhafter Imageschaden. Aber eine Situation wie hier ist bereits überall im Landkreis Ebersberg anzutreffen. Sie spiegelt eigentlich die Lage in ganz Oberbayern wider.

Unter den Geschäftsleuten gärt es. Wer mit den Ladeninhabern spricht, kann deren Sorgen förmlich greifen, wenngleich noch nicht totaler Pessimismus, sondern eher Ratlosigkeit vorherrscht. In einem sind sich alle einig. Die Stadt Grafing täte gut daran, dringend etwas für ihr Image zu tun. Einer, der das am deutlichsten ausspricht, ist Steffen Schmidt (51). Er betreibt seit acht Jahren in der Jahnstraße das Modelleisenbahn-Geschäft „Züge und Zubehör“. Lange genug, um festzustellen, dass sich hier ein „anhaltender Zusammenbruch eines bunten Einkaufsmixes“ mit „bald keinerlei Fachgeschäften mehr“ abspiele. Diese Meinung hat Schmidt plakativ geäußert, auf einem großen Karton in seinem eigenen Schaufenster seines Geschäftes. Er moniert auf dem Plakat „seit Jahren wachsende Leerstände im direkten inneren Einkaufsbereich“ und fragt sich: „Wo soll in Grafing Shopping erfolgen“, wenn das so weitergeht?

„Wenn das so weitergeht, wird es für die Verbliebenen schwierig“: Schuhmacher Walter Koppitz.

Dabei zieht Schmidt selbst sehr viele Kunden von auswärts an. „Die Männer kaufen bei mir ein, und die Frauen gehen derweil shoppen.“ Eine Win-Win-Situation für die Stadt und für ihn selbst also. Er sei weit und breit der einzige Modelleisenbahnhändler. „Das ist mein Alleinstellungsmerkmal.“

Auch Schuhmachermeister Walter Koppitz zieht in erheblichem Maß Kunden von auswärts an. „Alleine von unseren Grafingern könnten wir nicht leben“, bedauert er und deutet in seiner Werkstatt auf einen hochpreisigen Maßschuh, den er gerade für einen Auswärtigen anfertigt. „Dafür kommen die Kunden von weit her“, sagt er stolz. Den wachsenden Leerstand rund um den Marktplatz, den Schmidt auf „zehn Läden“ taxiert, beobachtet auch Koppitz mit Sorge. „Wenn das so weitergeht, wird es für die Verbleibenden schwierig“, denkt er laut nach. Die ständig unsichere Einkaufssituation im Einzelhandel samt Hü und Hott durch wechselnden Lockdown oder eben Wiederöffnung hat Händler wie Kunden gleichermaßen Nerven gekostet. „Man muss nur mal schauen, wie viele Packerlfahrer in Grafing rumfahren“, sagt Uhrmachermeister und Schmuckhändler Michael Kiau (65). Er wollte eigentlich längst in Rente gehen. Aber für einen richtigen Räumungsverkauf „muss ich vier Personen gleichzeitig reinlassen dürfen und das etwa acht Wochen lang“, sagt er. Dass er in seinem Geschäft derzeit nur einen Kunden bedienen dürfe, habe ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Gefahr, die Kiau sieht: „Durch Corona haben sich die Leute an den Internet-Handel gewöhnt.“

Will längst aufhören: Uhrmacher Michael Kiau.

Auch Koppitz beobachtet das so: „Ob die Leute sich nach Corona noch einmal umstellen, kann ich nicht sagen.“ Verschärft wird die Situation in Grafing dadurch, dass das Sportgeschäft Kipfelsberger den Standort am Marktplatz demnächst zugunsten seiner anderen Filialen im Landkreis aufgibt. Der städtische Wirtschaftsförderer Tim Grebner hat sich eigener Auskunft nach um eine attraktive Nachfolgenutzung bemüht. Er habe zum Beispiel eine große Parfümeriekette kontaktiert und auch einen renommierten Bekleidungsanbieter. „Ich habe aber nur Absagen bekommen“, sagt er. Auf der Homepage der Stadt hat Grebner Angebote örtlicher Geschäfte zusammengefasst. „Hauptsächlich betrifft das die Gastronomie“, inzwischen seien aber auch eine ganze Reihe von Einzelhändlern vertreten. Wer ihn kontaktiere, werde auf dieser Seite aufgenommen, „Ich kann unmöglich allen hinterhertelefonieren“. Grebner weiß aber: „Wir müssen proaktiv werden.“ Seine Idee: Eine Internetplattform mit Verkaufsangeboten, zusammengefasst für Grafing. Das finden aber nicht alle Händler gut. Es gebe jemanden, „der haut mich mit der Fackel und der Mistgabel aus dem Laden, wenn ich diesen Vorschlag mache.“ Ein zusätzliches Problem: „Wir haben in Grafing wunderbare Ladenflächen, die aber leider zu klein sind.“ Einfach umbauen geht nicht, weil in vielen Fällen der Denkmalschutz sein Veto einlegt, Stichwort Ensembleschutz. Der Stadt gehören die Gebäude ohnehin nicht.

Modelleisenbahner Schmidt findet, dass die Verwaltung zu wenig auf die Einzelhändler zugeht. „Da muss einer wahrscheinlich erst für fünf Millionen eine Halle in Schammach bauen“, ärgert er sich. Mit ihm hat Grebner jetzt einen Termin vereinbart. „Der kennt mich aber als Kunde schon“, sagt der Wirtschaftsförderer.

„Zweimal Corona“: Buchhändlerin Catrin Braeuer-Achatz.

Die Buchhändlerin Catrin Braeuer-Achatz verweist auf eine Grafinger Sondersituation: „Wir hatten zweimal Corona“, sagt sie und meint damit, dass 2018 der Marktplatz wegen des Umbaus der Eisenbahnübergänge und des Straßenbaus äußerst schlecht erreichbar gewesen sei. „60 Prozent meiner Kunden kommen von außerhalb. Deshalb brauche ich Parkplätze am Marktplatz.“ Dass die damalige Grafinger Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) gesagt habe, man brauche zum Besuch des Grafinger Zentrums bald einen „Hubschrauber“, ärgert sie heute noch maßlos. Ihr Geschäft existiere jetzt seit 60 Jahren, aber nur der neue Bürgermeister Christian Bauer (CSU) habe persönlich Kontakt gesucht, bestätigt Braeuer-Achatz einen Vorwurf von Steffen Schmidt. Zudem macht sie auf eine weitere Grafinger Sondersituation aufmerksam. Weitaus die meisten Geschäftsinhaber im Zentrum der Stadt stünden so wie sie selbst mittlerweile vor dem Rentenalter. „Viele sind in dieselbe Klasse gegangen“ erinnert sie sich. Es könnte also zu einer ganzen Reihe von Geschäftsaufgaben kommen, jedenfalls sind Nachfolgefragen noch vollkommen ungeklärt.

Der Einzelhandel hat aber nicht nur das Problem, dass die Geschäftsinhaber oft kurz vor der Rente noch keinen Nachfolger haben. Auch das gute Verkaufspersonal ist gealtert, sagt Koppitz. „Es ist sehr schwierig, geeignetes Fachpersonal zu finden.“ Gute Verkäufer seien rar. Eines aber sei klar: „Wenn man alles nur im Internet kauft, schaut man irgendwann einmal in leere Schaufenster.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare