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Gerd Weber, Bademeister des Grafinger Freibads, hört nach 40 Jahren auf. Er sagt, er schaue mehr, was unter der Wasseroberfläche passiert, als darüber. In seiner Freizeit kann er Wasser nicht sehen, bleibt lieber im Kühlen daheim. 

Gerd Weber vom Grafinger Freibad geht nach 40 Jahren in Ruhestand

Der Wassermann hört auf

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Nach 40 Jahren geht Gerd Weber (61) nach dieser Saison in Ruhestand. Es gibt fast nichts, was der Bademeister des Grafinger Freibades nicht erlebt hat. Ein Besuch am Beckenrand.

Grafing – Gerd Weber war Anfang 30, als im Grafinger Freibad eine junge Frau, Anfang 20, Schlaftabletten auf der Liegewiese mitten unter spielenden Kindern schluckte, um sich das Leben zu nehmen. Weber, der Bademeister, fand die bewusstlose Frau auf einer Toilette auf dem Boden. Er drehte sie in die stabile Seitenlage, aus ihrem Mund tropfte eine Flüssigkeit, er rief den Notarzt. In den 1980er Jahren war das – bis heute muss Weber daran denken. Die Frau überlebte, der Notarzt meinte, es war fünf vor zwölf.

Es sei der krasseste Zwischenfall im Grafinger Bad gewesen; in Webers Bad. So etwas erlebe ein Bademeister, sagt er, neben unzähligen lustigen Geschichten. Seit 40 Jahren ist er der Bademeister hier – heute nennt sich sein Beruf Fachangestellter für Bäderbetriebe. So wirklich sagen will das keiner, Weber selbst nicht. „Ich bin für alle der Bademeister“, sagt Weber, 61 Jahre, rotes Poloshirt, blaues Cap, dicke silberne Kette um den Hals. Wie viele Liter Sonnenmilch er in den vier Jahrzehnten verschmiert hat, weiß er gar nicht. Einige Packungen mit Lichtschutzfaktor 50 seien es bestimmt, früher freiwillig, heute Pflicht für alle der fünf Angestellten an den Becken.

Felix, der Arschbombenmeister

Weber steht auf einer Brücke über dem 50-Meter- Schwimmerbecken, das durch einen „Mini-Zunami“, wie Weber sagt, überrollt wird. Weil Felix, der Grafinger Arschbombenmeister des Bads mit neongrüner Badehose, eine derartige Granate ins angrenzende Sprungbecken gelassen hat, dass es Wellen schlägt, die die Schwimmer fast mitreißen und Weber aufhört zu reden, weil er lachen muss. „Ja, der Felix. Da muss ich gar nicht hinschauen, den höre ich“, sagt er, lacht weiter und denkt sich: „All das werde ich vermissen in Zukunft.“

Es ist die letzte Saison für Weber, den Wassermann. Ins Freibad kam er, weil es in Grafing gutes Eis brauchte. „Eigentlich durch einen Zufall“, holt er aus und schaut Felix zu, wie er erneut auf den Fünfmeterturm kraxelt. In Grafing brauchte es einen Eismeister für das Eisstadion des EHC Klostersee Ende der 1970er Jahre. Ein Job für Webers Vater. Die Familie zog von Holzkirchen nach Grafing, Weber, damals 21 Jahre jung, sollte eine Stelle im Freibad bekommen – wie praktisch.

Weber war offen, interessierte sich mehr und mehr für den Job, machte erst eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer, arbeitete im Bad, um weiter eine dreijährige Ausbildung zum Bademeister in Lindau am Bodensee zu absolvieren. Dass er nicht nur Menschen im Wasser beobachten, sie einschätzen und in Notfällen retten kann, „also nicht nur am Beckenrand steht“, sondern auch Wissen in Wasser- und Messtechnik, Chemie und allgemeines Recht haben muss, betont er. Das sei ihm wichtig, dass die Leute sehen: „Der Beruf ist nicht einseitig.“

Mindestens eine Sechstagewoche

Und, um die Arbeit reizvoller für Nachwuchs zu machen. Denn so wie in ganz Deutschland fehle es ebenso im Grafinger Freibad an Personal, an Nachwuchs. Weber sagt, viele schrecken die Arbeitszeiten und die Entlohnung ab. Im Sommer, wenn das Freibad in Grafing von frühs bis 20.30 Uhr offen hat, könne es vorkommen, dass man sieben Tage in der Woche durcharbeiten müsse. Weber hatte bei dem schönen Wetter der vergangenen Wochen mindestens eine Sechstagewoche.

„Als Bademeister bist du Lehrer, Psychologe, Polizist, Kindergärtner“, sagt Weber und schlendert zur silbernen Rutsche. Ab sechs Jahren dürfe man dort rutschen. Passieren könne immer etwas, sagt er nachdenklich. Wenn aber etwas passiert, „sind wir so gut es geht da“, sagt der 61-Jährige. So wie 2017, als ein Kind vom Sprungturm gefallen und mit dem Kopf auf den Beton aufgeschlagen ist. Weber und seine Kollegen versorgten den Buben, holten den Rettungsdienst. Oder als die junge Frau im Bad einschlafen und nie wieder aufwachen wollte.

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