Am Unfallort: Barbara Gramelsberger deutet auf die Kurve in der Aiblinger Straße in Grafing. Fußgänger müssen die Straße an der gefährlichsten Stelle queren.
+
Am Unfallort: Barbara Gramelsberger deutet auf die Kurve in der Aiblinger Straße in Grafing. Fußgänger müssen die Straße an der gefährlichsten Stelle queren.

Fußgänger müssen an gefährlichster Stelle queren

Gefährliche Kreuzung in Grafing: Fußgängerin schlägt nach schwerem Unfall Alarm - Behörden zögern

  • Michael Seeholzer
    vonMichael Seeholzer
    schließen

Ausgerechnet an der gefährlichsten Stelle müssen Fußgänger in Grafing die Aiblinger Straße queren - das sagen sogar die Behörden. Aber bei der Lösung des Problems geht nichts vorwärts - eine Betroffene schildert ihre Erfahrungen.

Grafing – Zuerst hat sie die Gesundheit verloren, dann den Job und schließlich das Vertrauen in Behörden und Politik: Seit einem schlimmen Unfall in der Aiblinger Straße, Ecke Klausenweg am 18. Oktober 2018 in Grafing hat Barbara Gramelsberger viel mitgemacht. Krankenhausaufenthalt, Rehabilitation, „ich bin nicht mehr so belastbar“, sagt die 59-Jährige. Die Grafingerin wurde von einem Auto angefahren, als sie ihr Rad über die Straße schob.

Was die Frau besonders ärgert: Diese Situation könnte sich jederzeit wiederholen. Denn geändert hat sich bisher nichts, im Gegenteil, es ist schlimmer geworden. Barbara Gramelsberger steht an der Stelle, wo es passiert ist. Die Kurve ist unübersichtlich, und doch gehen hier auch viele Kinder aus der neuen Siedlung am Aiblinger Anger auf dem Weg zur Schule über die Straße. „Da hält sich kein Autofahrer an die Geschwindigkeitsbeschränkung.“ Durch den Kurvenverlauf Richtung Ortsausgang beträgt die Sicht etwa 25 Meter. „Jetzt haben sie die Lärmschutzwand auch noch angeböscht, und bepflanzt. Das wird wöchentlich schlechter“, sagt die Gramelsberger zu den eingeschränkten Sichtverhältnissen. „Da muss etwas passieren.“ Am späten Nachmittag blendet zudem die tief stehende Sonne die Autofahrer.

Drei Monate Rollstuhl, weil ein Autofahrer sie übersieht

Was passieren kann, beweist Gramelsbergers eigenes Schicksal: Sie will am Nachmittag im Berufsverkehr die Aiblinger Straße überqueren und kommt aus Richtung Gewerbegebiet, so wie viele andere, die dort zu Fuß zum Einkaufen gehen. Ein Autofahrer, der aus dem Klausenweg kommt, übersieht die 59-Jährige. Es kommt zum Unfall mit üblen Folgen. „Mehrfacher Beckenbruch, offene Sprunggelenksfraktur, ein Loch im Kopf und Gehirnblutung, ein Kreuzbeinbruch“, zählt das Unfallopfer auf. Es folgen drei Wochen Krankenhausaufenthalt, zwei Operationen, Rehabilitation und Verlust des Arbeitsplatzes. „Ich saß drei Monate im Rollstuhl.“

Ordnungsamt bemängelt Gefährlichkeit der Stelle

Da sich so ein Unfall leicht wiederholen könnte, schreibt Gramelsberger an die Stadt Grafing. Am 19. November 2019 bekommt sie vom Ordnungsamt per E-Mail Auskunft, dass mit Vertretern der Polizeiinspektion Ebersberg und des Landratsamtes eine Ortseinsicht stattgefunden habe. Dabei wird festgestellt: „Derzeit ist es ja so, dass der Fußgänger die Fahrbahn genau in der Kurve der Aiblinger Straße überqueren muss. Durch die gegenüberliegende Einfahrt in den Klausenweg fehlt nicht nur die gegenüberliegende Aufenthaltsfläche für Fußgänger, der zu überquerende Weg ist genau in diesem Bereich am längsten.“ Es werde angeregt, die Überquerung Richtung Aldi bei der Bushaltestelle zu verschieben.

Kritik auch von der Polizei

Stephan Mittermaier, Polizeihauptkommissar und Verkehrssachbearbeiter der Polizeiinspektion Ebersberg verweist darauf, dass es sich um eine Staatsstraße handelt und deshalb Straßenbauamt und Landratsamt Ebersberg mit im Boot sitzen würden, wenn es um eine Entscheidung geht. „Wir sind nie gegen einen Schulhelferüberweg“, sagt er zu einer möglichen Lösung. Allerdings müsse der auch personell „bedient“ werden. Für die Autofahrer dort einen Spiegel aufzustellen, sei keine Option, sondern „trügerische Sicherheit“. Der Vorschlag mit dem Verkehrsspiegel für Fußgänger, „damit sie den Fahrzeugverkehr früher erkennen“, kam von Bürgermeister Christian Bauer (CSU).

Mittermaier kritisiert darüber hinaus, dass der Lärmschutzwall genau an dieser Stelle planerisch einen Durchlass bekommen habe. Auch er sagt: „Grundsätzlich brauchen wir eine Aufstellfläche“ für die Fußgänger. Von Leonhard Kogler hat Gramelsberger per Mail die Auskunft bekommen: „Eine Tempo-30-Zone ist auf überörtlichen Straßen wie der Aiblinger Straße nicht möglich.“ Bauer versprach Gramelsberger zumindest, vermehrt die Geschwindigkeit zu messen. Das war Anfang Mai vergangenes Jahr. Am 17. März 2021 erhielt die 59-Jährige eine weitere E-Mail von Bürgermeister Bauer. Inhalt: Bezüglich der Geschwindigkeitskontrollen „ist es schwierig, eine geeignete Stelle in der Aiblinger Straße für das Aufstellen eines Blitzers zu finden.“

Nicht mal mit einer gelegentlichen Radarkontrolle wird es was

Gramelsberger verliert langsam die Geduld: „Wenn die wo blitzen, dann meistens am Ortseingang in der Glonner Straße, kurz hinter dem Ortsschild, wo man bis Glonn schauen kann“, schimpft sie. Das sei untragbar. „Inzwischen ist auch meine Tochter, die mich mit meinem Enkel per Lastenfahrrad besuchen wollte, dort fast von einem Auto angefahren worden“, sagt sie zur Gefährlichkeit der Stelle in der Aiblinger Straße. Sie sei sehr enttäuscht, „dass die Sicherheit von Fußgängern und Radfahrern in Grafing gegenüber dem Autoverkehr eine derart untergeordnete Bedeutung hat.“

Laut Auskunft von Bauer gegenüber der 59-Jährigen habe ein Planungsbüro eine „Fußgängerampel nördlich der Einmündung Klausenweg empfohlen.“ Die Kosten dafür lägen bei 130 000 Euro. „Wir haben uns schriftlich an das Landratsamt gewandt, und um Umsetzung gebeten.“ Sobald es da ein Ergebnis gebe, werde die 59-Jährige informiert. Im Landratsamt Ebersberg wird der Ebersberger Zeitung aber bestätigt, dass es dazu noch keine konkreten Pläne gebe. „Aus diesem Grund werde ich jetzt in der Nachbarschaft Unterschriften sammeln, um zu verdeutlichen, dass nicht nur ich an der Verkehrssituation an der Kreuzung verzweifle“, kündigt Gramelsberger an.

Alle Nachrichten aus dem Landkreis Ebersberg bei der Ebersberger Zeitung. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem neuen, regelmäßigen Ebersberg-Newsletter.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare