Rudolf Heiler im heimischen Wohnzimmer. In der Vitrine im Hintergrund bewahrt er auch das Bundesverdienstkreuz am Bande auf, das dem ehemaligen Grafinger Bürgermeister 2007 verliehen wurde.
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Rudolf Heiler im heimischen Wohnzimmer. In der Vitrine im Hintergrund bewahrt er auch das Bundesverdienstkreuz am Bande auf, das dem ehemaligen Grafinger Bürgermeister 2007 verliehen wurde.

Von Klaviermusik und Abstand vom Amt

Piano statt Politik - Besuch bei Grafings Altbürgermeister Rudolf Heiler: „Ich würde alles wieder so machen“

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Rudolf Heiler, Altbürgermeister von Grafing, war 33 - mitunter turbulente - Jahre Bürgermeister. Heute widmet er sich anderen Dingen. Ein Hausbesuch.

Grafing – Den Rücken durchgestreckt, den Blick durch die runden Brillengläser fest auf das Notenblatt gerichtet, sitzt Grafings Altbürgermeister an dem schwarz lackierten Klavier in seinem Wohnzimmer. Bewegungslos verharren Oberkörper und Gesicht, während seine Finger den Tasten die Moritat von Mackie Messer entlocken – in der Coverversion von Frank Sinatra. „Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht...“ – diesen Liedtext, den Bert Brecht schrieb, singt Rudolf Heiler dazu nicht.

Erst Egmating, dan Grafing: Heiler war 33 Jahre Bürgermeister

„Ich fange erst wieder an“, sagt der heute 65-Jährige über sein Klavierspiel. In seiner Jugend in Egmating hatte er sich das Orgelspielen beigebracht, dann wurde die Politik wichtiger. Heuer ist es 40 Jahre her, dass Heiler mit 25 Jahren Bürgermeister von Egmating und damit der jüngste Rathauschef in Bayern wurde – und 33 Jahre lang im Amt blieb, davon drei Amtszeiten in Grafing. 2014 schied er als Freier Wähler aus dem Amt aus, nachdem er schon 2011 seiner alten politischen Heimat, der CSU, im Streit den Rücken gekehrt hatte.

„Der Abstand zu den damaligen Dingen wird immer größer.“

Altbürgermeister Rudolf Heiler

„Der Abstand zu den damaligen Dingen wird immer größer“, sagt er mit der Gelassenheit des Ruheständlers. Intrigen, Neid und Missgunst im Stadtrat hätten damals den Bruch mit den Christsozialen herbeigeführt. „Ein konsequenter, zwingend notwendiger Vorgang, den ich nicht bereue.“ Bis heute ziehe er aus dieser Phase das Wissen um seine echten Freundschaften – „nicht viele, aber dafür umso treuere“, wie er sagt.

Neue Leidenschaft: Rudolf Heiler am heimischen Klavier.

In der Wohnzimmervitrine hängt das Bundesverdienstkreuz

Heiler hat sich auf das schwarze Ledersofa in seinem Wohnzimmer gesetzt. Um ihn herum hängen ein paar Kunstdrucke, ein paar Familienfotos mit seiner Frau Ingrid und den beiden längst erwachsenen Söhnen. Der Raum in der Grafinger Doppelhaushälfte ist schlicht und aufgeräumt: Viel weiße Wand und helles Holz. Neben der Couch in der Vitrine: eingerahmt das Bundesverdienstkreuz am Bande, das Heiler 2007 bekam, dazu Verdienstmedaillen, Ehrennadeln sowie ein fast katzengroßer Löwe aus weißem Porzellan mit weißblauem Rautenwappen – ein Geschenk von Freunden.

Neue Begeisterung für Sinatra - und noch mehr für klassisches Klavier

Daneben sitzt Heiler und kommt wieder auf die Musik zu sprechen. Sie hat er im Ruhestand für sich entdeckt. Noch mehr als der swingende Sinatra, an dem er sich momentan in der nächsten Schwierigkeitsstufe versucht („New York, New York“), imponieren ihm die nuancierten Kompositionen der Romantik, speziell fürs Klavier. „Brahms hat mich eingenommen in seiner Art“, sagt Heiler. Und der kammermusikalische Teil von Schubert. Und Schumann, Clara noch mehr als Robert, doziert der Altbürgermeister und lächelt. Er hat sich eingelesen, um die Musik besser zu verstehen. „Sie begeistert mich sehr“, sagt er.

Der Blick über den Grafinger Tellerrand

Die Knie in der Anzughose locker übereinandergeschlagen sitzt der 65-Jährige da, das fliederfarbene Hemd farblich abgestimmt mit dem dunkleren Wollpullover darüber und dem Stein des Goldrings am kleinen Finger der linken Hand. Ein wenig Elder Statesman schwingt bei Heiler mit – der Habitus von einem, der über den Grafinger Tellerrand hinausgeschaut hat. Als Gemeindetagsvorsitzender, Rundfunkrat und Aufsichtsratschef der Ebersberger Raiffeisen-Volksbank – letzterer ist er sogar noch, bis nächstes Jahr, dann ist Schluss, kündigt er an.

„Ich habe Politik gemacht wie im Hamsterrad“, sagt er im Rückblick. Daheim habe er deshalb einiges verpasst, die Erziehung der beiden Söhne habe vor allem seine Frau übernommen. „Die Arbeit für die Gemeinschaft hat mich nicht mehr losgelassen“, bekennt er. Aber auch: „Ich würde es wieder so machen.“ Das hat wieder ein bisserl was von Frank Sinatra, diesmal „I did it my way“.

Ein Dritteljahrhundert Bürgermeister: „Ich hätte alles wieder so getan“

Ein Dritteljahrhundert als Bürgermeister sehe er als Bestätigung, dass er das Vertrauen der Bürger hatte – „durch eigene Sachpolitik“. Schließlich habe er sein Amt kein einziges Mal in einer Stichwahl verteidigen müssen. Und in Grafing besonders beim Verkehr (Ostumgehung, Bahnbrücke und EBE 8 bei Grafing-Bahnhof) und in der Wirtschaft (Gewerbegebiet Schammach) bleibende Verbesserungen erreicht. „Abgesehen von ein paar Nuancen“, sagt Heiler nochmals mit mehr Nachdruck: „hätte ich alles wieder so getan, wie ich es gemacht habe.“ Dazu, dass er damit immer wieder öffentlich, nicht zuletzt in der Berichterstattung der Ebersberger Zeitung, aneckte, sagt er nur: „Pressearbeit ist wichtig, aber nicht alles.“

Lieber spricht er über seine Walking- und E-Bike-Touren mit seiner Frau in der Umgebung, das fast tägliche Schwimmtraining im Freibadsommer. Und über die gemeinsamen Ausflüge zum Tegernsee, wo Herz und Bandscheibe auch wieder die eine oder andere kleine Bergtour erlauben. Er müsse nach wie vor auf seine Gesundheit achten, sagt er. „Aber das ist auszuhalten.“ Und er spricht über seinen 14 Monate alten Enkel, für den auf dem Gartenbankerl ein hölzernes Schaukelpferd bereitsteht, auf dem schon Rudolf Heilers Söhne geritten sind und das er demnächst neu lackieren will. Auch Opasein ist ein Ehrenamt mit Arbeitspensum. Vielleicht, hofft der Altbürgermeister, kann er den Enkel auch für die Musik begeistern, etwas das ihm bei seinen Söhnen aus Zeitmangel nicht gelungen sei.

Der Abstand zum Tagesgeschäft wächst - einige Sorgen bleiben

Im politischen Tagesgeschäft der Stadt redet er nicht mehr viel mit. Nur beim Mauerbau der CSU im Stadtpark hat er sich per Leserbrief eingeschaltet. „Das hat mich empört“, sagt er. Langfristig mache ihm aber eher Sorgen, dass Grafing seine Identität verliert, vor allem, wenn im Außenbereich weiter gebaut werde. „Wir müssen dem Sog der Metropolregion München nicht überproportional nachgeben“, warnt er. Aber er weiß auch: Entscheiden werden dazu andere. Rudolf Heiler sagt: „Ich genieße den Ruhestand.“

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