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Florian Alte (41) hat Paul H. im Prozess am Landgericht München verteidigt. Er sagt, in einem Rechtsstaat habe jeder das Recht auf ein faires Verfahren. 

Prozess um Paul H.

Er verteidigt den Messerstecher von Grafing-Bahnhof: „Wie kannst du nur?“

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Florian Alte vertritt den Messerstecher Paul H., der in Grafing-Bahnhof ein Blutbad anrichtete, vor Gericht. Immer wieder wird er gefragt: Wie kannst du nur? Wir haben mit ihm gesprochen.

Grafing/München – Es geht nicht um Gut und Böse, nicht darum, die Tat gut zu heißen. Nicht um Mitgefühl. Oder um kein Mitgefühl. Es geht um ein Recht. Ein Recht auf ein faires Verfahren. Ein Menschenrecht. Florian Alte ist Strafverteidiger. 41 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder, aus Anzing, zweiter Bürgermeister. Alte hat Paul H. im Prozess im August vor dem Landgericht München II verteidigt. Paul H. hat im Mai 2016 in Grafing-Bahnhof Passanten mit einem Messer angegriffen. Neunmal stach er auf einen 56-Jährigen ein und tötete ihn. Im Wahn, ohne Vorwarnung. Drei Menschen verletzte er schwer. Schock im Landkreis, bundesweites Medieninteresse.

Gefühle hätten in diesem Fall wenig Platz, „auch wenn ich sie nicht abstellen kann“, sagt Florian Alte. Seine Hemdsärmel hat er nach hinten gekrempelt, er ist kein Klischeejurist mit glänzenden Manschettenknöpfen und juristischen Floskeln. Alte ist bodenständig eloquent. Er musste sich viele Fragen anhören. Wie kannst du nur? Wie kannst du einen Menschen verteidigen, der grundlos auf Passanten eingestochen hat? Alte kann die Frage verstehen. Sie sei berechtigt. Berechtigt auch die Antwort: „Wir leben in einem Rechtsstaat, jeder hat das Recht auf ein faires Verfahren. Und auf einen Verteidiger.“ Auch Paul H.. Er ist psychisch krank. Das Urteil nach fünf Prozesstagen fällt am 17. August: H. muss in ein psychiatrisches Krankenhaus, vielleicht für immer.

Bei der Messerattacke 2016 stirbt ein Mann, drei weitere Passanten werden schwer verletzt, die Region steht unter Schock. 

Zwei Tage nach der Tat trifft Florian Alte Paul H.

Mai 2016: Als Florian Alte von der Attacke in Grafing-Bahnhof erfährt, denkt er sich das, was sich viele dachten. Krass. So etwas bei uns. Zwei Tage darauf steht Alte dem Täter gegenüber. Alte trifft Paul H. in der forensischen Psychiatrie in Haar. 28 Jahre, gebürtig aus Hessen, schwarzer Trainingsanzug, ruhig, keine Aggression. In die Augen habe H. Alte geschaut, sagt er, wenn auch nur kurz. 13 Mal trifft Alte H. bis zur Verhandlung. Der Ermittlungsrichter hat Alte als Pflichtverteidiger für H. ausgewählt, zufällig, noch am gleichen Tag als H. Menschen abstach. Ablehnen hätte Alte nicht können – lediglich bei schweren Gewissensbissen ginge das. Ablehnen wollte Alte auch nicht. Es sei sein Job. Dafür habe er Jura studiert und sich auf Strafrecht spezialisiert. Weil es mehr menschelt, wie Alte sagt. Nur Papierkram oder Verträge seien nicht das Seine. Strafrecht mache mehr Spaß. Nein, nicht Spaß, sagt Alte. „Spaß ist was anderes, sagen wir Freude.“

Lesen Sie hier eine Zusammenfassung der Messerattacke in Grafing-Bahnhof.

Das Wort Freude zu benutzen, ist eine Gratwanderung. Das weiß Alte. Wie könne er Freude daran haben, Verbrechern zu helfen? Dass sie gar weniger bestraft werden? Fragen, mit denen es Alte zu tun bekommt. Und dann erklärt: „Es geht nicht darum, Taten zu vertuschen. Es geht darum, in einem Verfahren grundsätzlich die Schuld des mutmaßlichen Täters festzustellen, fair und nach den Regeln des Rechtsstaates. Ohne, Menschen vorzuverurteilen. Alte zeige den Beschuldigten rechtliche Wege auf, berate sie. „Es geht nicht darum, dass ich auf Biegen und Brechen zu einen Geständnis dränge“, sagt er. Erstens sage nicht immer jeder, den Alte vertritt, die Wahrheit. „Natürlich sollten sie ehrlich sein, nur dann kann ich eine vernünftige Verteidigungsstrategie aufbauen.“ Und zweitens kann es sein, dass sie keine Schuld haben oder die Tat anders passiert ist. Auch Freisprüche gebe es, vielleicht zehn Prozent aller Mandanten werden nicht verurteilt. Dass jemand freigesprochen werde, verspreche Alte nie. Kollegen machten das, das sei Unsinn, Show, eine Floskel.

Freilich sei es eine Gratwanderung, wenn Alte einen Kinderschänder verteidigen muss

Alte versuche vor Gericht, „das Beste für den Beschuldigten rauszuholen; nach den Regeln und Mitteln des Rechtsstaates“. Eine Gratwanderung sei das freilich, wenn Alte als zweifacher Vater einen Kinderschänder verteidigen muss. „Natürlich ist man emotional involviert.“ Aber Emotionalität habe Grenzen, man müsse auf Distanz gehen. Sein Job: Eine Dienstleistung ohne Vorbehalte. So wie bei Paul H.. Dass einige der Angehörigen der Opfer Alte verabscheuen, wird während der Verhandlung nur einmal deutlich. Weiter darüber reden will Alte nicht, das sei eine persönliche Sache. Er könne die Opfer verstehen, vieles sei nicht mehr gut zu machen. Auch wenn H. vor Gericht das versucht: Einem Mann, dem er in den Rücken gestochen hatte, sagt er, dass ihm das Ganze leid tue und er versuche, ihn zu entschädigen.

Florian Alte und sein Mandant Paul H. (im Hintergrund) vor Gericht.

Ein schlechtes Gewissen habe Alte nicht, wenn er seinen Job mache; wieso auch? Es sei eine wichtige Aufgabe in einen Rechtssystem. „Der Rechtsstaat ist keine Einbahnstraße“, sagt der 41-Jährige. Zu Hause bei seiner Familie denke er wenig über seine Arbeit nach, schlafen könne er gut. Für viele Menschen sei sein Beruf unverständlich. Alte sieht das kritisch, genauso kritisch, wie die Verunglimpfungen gegenüber Paul H.. Ja, er hat unglaubliches Leid verursacht, sagt Alte. Aber H. sei krank, schwer krank. Aufrufe zum Mord an H. im Internet nach der Verhandlung seien völlig deplatziert, sie vergiften die Gesellschaft. Alte verliest am ersten Prozesstag, dass H. gesteht. Er habe im Wahn gehandelt, ausgelöst von seiner Krankheit. Das musste vor Gericht festgestellt werden, das sei der Preis des Rechtsstaates. Und das sei gut so.

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