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Die Bundesregierung will die Digitalisierung der Schulen vorantreiben. Deswegen hat sie den Digitalpakt ins Leben gerufen. In den Bildungseinrichtungen vor Ort und in den Gemeinden weiß man nicht so recht, was dahinter steckt. 

Erschreckende Momentaufnahme in Grafing

Digitalpakt für Schulen: Es fehlt an allem

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Es klingt wie ein Aufbruch in neue Zeiten. Das Stichwort lautet Digitalpakt für Bayerns Schulen. In Grafing ergab sich ein seltener Blick auf eine Momentaufnahme. Und der war erschreckend.

Landkreis/Grafing – Es geht um die Grund- und Mittelschule in der Stadt, die in dieser Hinsicht im Landkreis Ebersberg nicht die Ausnahme bilden dürfte und deshalb hier als ein Beispiel von vielen dienen kann.

Katarina della Peruta ist in der Grafinger Verwaltung für den IT-Service zuständig. „Es gibt gar nichts in der Grundschule“, schilderte sie die Situation im Schulausschuss des Stadtrats – außer vielleicht ein paar Netzwerkbuchsen und einige vollkommen veraltete Rechner. „Von den Overheadprojektoren geht einer nach dem anderen kaputt“, berichtete Schulleiterin Christiane Goldschmitt-Behmer.

Kinder nehmen Lehrer nicht mehr ernst

Die Lehrer sind sich einig: Es geht in dieser Situation auch darum, dass die Pädagogen beim Thema digitale Kompetenz von den Kindern überhaupt noch ernst genommen werden. Nicht wenige Schüler haben schließlich ein Tablett oder zuhause einen leistungsfähigen Rechner stehen. „Die Kinder geben uns dann Tipps, wie wir es machen sollen“, lautete eine Wortmeldung.

Symptomatisch für die Situation war unter anderem ein vollkommen veraltetes Video, dass den Ausschussmitgliedern das Thema digitales Klassenzimmer nahe bringen sollte – tonlos.

Ein Laptop-Koffer für die ganze Schule

In der Georg-Huber-Mittelschule steht immerhin ein Laptop-Koffer zur Verfügung, berichtete Rektorin Susanne Böhm. „Wir arbeiten schon sehr viel am Computer.“ Die Rechner würden bei CAD-Anwendungen, beim Üben von Online-Banking oder bei der Präsentation von Daten durch die Schüler zum Einsatz kommen. Aber: „Ein Computerraum ist nicht mehr ausreichend“, gab Böhm zu bedenken. Sie und ihre Kollegin Goldschmitt-Behmer hatten im Ausschuss die Gelegenheit, ihr Konzept für eine digitale Schule vorzustellen.

Die Technik solle „Hilfsmittel und nicht Hauptakteur sein“, meinte Goldschmitt-Behmer und sprach von einem „PC-Führerschein“ für Kinder. „Es ist aber auch ganz gut, im Lexikon nachzuschauen“, meinte sie zu ihren Vorstellungen. Das Schulbuch solle nach wie vor eine Rolle spielen. „Wir wollen keine Tablett-Klassen“. Was Böhm Sorgen macht: „Den Lehrern wurde mitgeteilt, dass sie ab der 5. Klasse Informatik unterrichten sollen.“ Darauf sei niemand vorbereitet, meinte sie sinngemäß.

Voraussetzung für alle digitalen Anstrengungen wäre zweifellos ein Glasfaseranschluss. Aber den gibt es auf dem Schulgelände derzeit noch gar nicht. „Es ist ganz wichtig, dass wir jetzt die digitale Infrastruktur aufbauen“, warnte Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne). Dazu besteht beim aktuellen Um- und Ausbau der Schule jede Möglichkeit. Das Problem ist nur: Die Kommunen wissen überhaupt nicht, mit welchen Förderungen sie rechnen können. „Wir hängen erheblich in der Luft und können momentan noch keinen Antrag stellen, weil wir nicht wissen, an wen“, so Obermayr. Das wäre ungefähr dasselbe, wie wenn die Kommunen ihre Schulbücher selbst produzieren müssten, argumentierte sie.

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Der Einwand ist nicht ganz ungerechtfertigt, denn als die Sprache auf die Höhe der Investition kam, blieb dem einen oder anderen Ausschussmitglied die Spucke weg. Nach überschlägiger Planung müssen etwa 335 Endgeräte und 40 digitale Tafeln angeschafft werden, was zusammen mit der Infrastruktur einen Kostenaufwand von etwa 700 000 Euro bis zum Jahr 2022 verursachen wird. Dabei kommen die Computer nicht etwa in jedes Klassenzimmer, sondern werden pro Stockwerk vorgehalten.

Stadt: Es fehlt am Geld

Fachleute haben ausgerechnet, dass mit dem von Bund und Land zur Verfügung gestellten Geld rechnerisch auf jede Schule 140 000 Euro entfallen. Della Peruta: „Da fehlt es eigentlich am Budget.“ Und das ist noch nicht alles: Denn die Systembetreuung ist darin noch gar nicht eingerechnet, sie wird aber ebenfalls einen jährlichen finanziellen Aufwand ausmachen. „Das ist für einen Lehrer gar nicht möglich“, weil eine solche Größenordnung der eines Industriebetriebes entspreche.

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Das ganze Projekt soll jetzt dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt werden, wenn Fördergeld und Förderprogramm des Freistaates bekannt sind. Dieser Beschluss fiel im Schulausschuss einstimmig.

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