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Architekt Klaus Beslmüller im Dachgeschoß der Grafinger Stadthalle. Links große Lüftungsschächte, die im Gebäude quer durch Brandschutzabschnitte verlaufen.

Rundgang rückt erhebliche Mängel ins Blickfeld

Grafinger Stadthalle schaut innen aus wie ein Rohbau

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Die Grafinger Stadthalle ist nur noch auf den ersten Blick ein repräsentativer Bau. Auf den zweiten Blick aber gleicht sie an vielen Stellen inzwischen eher einem Rohbau.

Grafing  Das Schlimmste am derzeitigen Zustand der Stadthalle ist, dass der Brandschutz nicht mehr ansatzweise gewährleistet und das auch deswegen, weil Infrastruktur und Gebäude selbst offensichtlich von Anfang an konzeptionelle Mängel aufwiesen.

Stadtrat ist nicht zu beneiden

Melchior Kiesewetter wies auf den schlechten Zustand der Isolierung an den Lüftungsleitungen hin.

Klar ist: So etwas lässt sich nicht im Handumdrehen beheben, wenn überhaupt zu einem vernünftigen Preis. Der Grafinger Stadtrat ist also um eine Entscheidung, die er jetzt fällen muss, nicht zu beneiden. Sie reicht von „nur das Nötigste“ über Grundsanierung sogar bis hin zu einem funktionalen, abgespeckten Neubau. Und der wäre wahrscheinlich die billigste Lösung, wie in der jüngsten Stadtratssitzung bereits anklang. Die Frage ist nur: Wie sehr hängen die Bürger und die Entscheider im Ratsgremium an diesem über 30 Jahre alten Versammlungsort? Das Landratsamt Ebersberg droht jedenfalls mit der Schließung des Gebäudes Mitte des Jahres 2020, wenn nicht sofort etwas unternommen wird.

Im Dach hausen die Marder

Eindrücke eines Rundganges: Von der Decke hängen zahlreiche Leitungen, überall sind Rohre sichtbar, die Verkleidung der Lüftungsanlage hat sich teilweise in Luft aufgelöst oder ist löchrig und in den Umkleiden für die Schauspieler dürfte es inzwischen sogar C-Promis grausen. Kuriosum: Die Tür zum Stuhllager im Saal liegt ohne Treppe auf Brusthöhe und ist hinter einem Schieber verborgen. Dazu Brandschutzklappen, die Asbest enthalten, Lüftungsleitungen, die Brandschutzbarrieren durchbrechen, Fluchttreppen, die nur 75 Zentimeter breit sind, unter dem Dach ein Saal für 200 Leute, der regulär nie dauerhaft in Betrieb genommen werden konnte und für dessen Zugang eine Eisentüre schräg abgeschnitten werden musste. Außerdem keine wirkliche Barrierefreiheit trotz Aufzugs, im Dach hausen die Marder.

Rundgang durch das ganze Gebäude

Hier wird es eng: Der Zugang zu einem Saal für 200 Leute im Dachgeschoss der Stadthalle.

„Zwischen Küche und Veranstaltungsraum gibt es keine Brandschutztrennung, das ist auch ein Problem“, sagt Architekt Klaus Beslmüller zu einem Detail. Er führte zusammen mit seinem Kollegen Melchior Kiesewetter vom Büro Studio_Plus Architekten und Florian Goham vom Grafinger Ingenieurbüro Stefan Kinze auf Einladung von Grafings Bürgermeisterin Angelika Obermayr (Grüne) durch das Gebäude.

Wenn nur die asbesthaltigen Brandschutzklappen ausgetauscht würden, entstünden bereits Kosten in Höhe von 188 000 Euro. Sie sind zum Teil aber sehr schlecht zugänglich, was mit umfangreichen Zerlegungsarbeiten verbunden sein könnte. Dem Brandschutz wäre mit neuen Klappen alleine nicht ausreichend Genüge getan, weil Lüftungsrohre unzulässigerweise durch mehrere Brandabschnitte geführt wurden. „Das hat schon damals nicht den Vorschriften entsprochen“, sagt Kiesewetter.

Stadthalle musste 2009 nachträglich genehmigt werden

Die gesamte Sanierung der Lüftung würde deshalb 1,7 Millionen Euro kosten, die weiter oben genannten Mängel wären damit aber alle nicht behoben. Die Bauausführung der Stadthalle entspricht nicht der ursprünglichen Planung, weshalb die Verwaltung das Gebäude im Jahr 2009 nachträglich sogar mit einer Baugenehmigung legalisieren musste.

Thema taugt nicht für den Wahlkampf

Ein Saal für 200 Leute, der nie wirklich einer war und vielleicht auch nicht werden kann, weil der Fluchtweg mangelhaft ist. Er ist viel zu schmal.

„Da wird eine Riesenmaßnahme fällig, das wird heftig“, ist Bürgermeisterin Angelika Obermayr klar. Sie sagt aber auch vorsorglich. „Das Thema taugt nicht für Wahlkampfrhetorik.“ „Ein Arbeitskreis aus Stadträten, Verwaltung und Fachleuten werde sachlich und verantwortungsvoll die Optionen prüfen. Es gehe darum, die beste Lösung für Grafing, die Grafinger Kultur und Grafinger Vereine zu finden.

Darüber würde sich auch Sebastian Schlagenhaufer, der Leiter der Stadthalle freuen. Er bedauert, dass „Turmstube und Halle nicht gleichzeitig betrieben“ werden können aufgrund der baulichen Gegebenheiten. Trotzdem sei sie gut belegt. Eine Hoffnung für Grafing wäre, dass sich das Landratsamt doch noch zu einer Fristverlängerung überreden lässt.

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