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Sensationeller Fund: Grafinger Brauerei 500 Jahre älter als gedacht

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Von: Michael Seeholzer

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Darauf ein Prosit (v.l.): Kreisheimatpfleger Thomas Warg, Bürgermeister Christian Bauer, Bräu Gregor Schlederer, Walter König vom Brauerbund und Historiker Bernhard Schäfer.
Darauf ein Prosit (v.l.): Kreisheimatpfleger Thomas Warg, Bürgermeister Christian Bauer, Bräu Gregor Schlederer, Walter König vom Brauerbund und Historiker Bernhard Schäfer. © S. Roßmann

Recherchen des Historikers Bernhard Schäfer haben ergeben, dass die Grafinger Braustätte die drittälteste im ganzen Freistaat ist.

Grafing – Wasser ist eine Hauptzutat. Es wird zum Bier brauen genauso verwendet wie zum Brand löschen. Einen Zusammenhang gibt es da deshalb, weil viele heimischen Braustätten früher öfter mal abgebrannt sind. Das war auch in Grafing so. Eine Braustätte am Urtelbach zu errichten, war also eine zukunftsfähige Idee. Und diese Idee hat Bestand bis in heutige Tage.

Stadtarchivar Bernhard Schäfer hat bei einer spannenden Recherche über den Wildbräu Grafing der Biergeschichte in Bayern ein neues Kapitel beigefügt. Ein Kapitel, das beweist, dass Wildbräu die drittälteste Brauerei im Freistaat ist. Jetzt war deshalb im Bräuhaus am Marktplatz großer Bahnhof.

Grafing Drittälteste Braustätte Bayerns: Urkunde im Hauptstaatsarchiv aufgetaucht

Heinrich der Zänker (951 bis 995) war als bayerischer Herzog politisch wenig erfolgreich, aber er hat seine Spuren hinterlassen, die jetzt sogar auf europäischer Ebene eine Rolle spielen. Der Zänker hatte nämlich am Urtelbach um das Jahr 973 unweit des Kirchdorfes Öxing seiner Gemahlin Gisela von Burgund ein Landgut erbauen lassen, das zuerst „Gisling“ und nach einem Besitzwechsel zu den Grafen von Ebersberg „Grafing“ hieß. Teil des Gutes war hier eine Braustätte, auf deren Existenz sich jetzt in einer Urkunde im Hauptstaatsarchiv schließen lässt.

Die Entdeckung lief ab wie ein Krimi, in dem der Kommissar in der Person von Stadtarchivar Bernhard Schäfer das entscheidende Beweisstück offenbar schon vor Jahren einmal in Händen gehalten hatte, ihm aber nicht die ausreichende Bedeutung beimaß. „Das muss ich zu meiner Schande gestehen“, sagte Schäfer und hielt triumphierend ein Faksimile der von ihm aufgefundenen Urkunde hoch, die in karolingischer Minuskelschrift und auf Latein verfasst ist.

Grafing drittälteste Braustätte Bayerns: Braustätte stand wohl schon im Jahre 1060

Mit dieser jüngsten Entdeckung ist Schäfer etwas gelungen, was noch nicht vielen gelungen ist. Nämlich die Rückdatierung einer bayerischen Braustätte – und das gleich um etwa 500 Jahre. Das entdeckte Schriftstück datiert die älteste Grafinger Braustätte auf das Jahr 1060, eine Brauerei, die praktisch die Keimzelle Grafings wurde. Älter sind in Bayern nur mehr zwei Braustätten. Nämlich die in Weihenstephan (Nachweis aus dem Jahr 1040) und das Kloster Weltenburg (1050).

Das neue Kapitel bayerischer Biergeschichte ist einem Priester zu verdanken, der Konradus hieß und im Kartular des Ebersberger Benediktinerklosters eine Spur hinterlassen hat in Form einer Schenkung. Er schenkte dem Kloster nämlich sein Anwesen in Sulding in der Gemeinde Hohenpolding im Landkreis Erding und verschaffte sich damit eine Art frühe Leibrente in Form von Schweinefleisch, scheffelweise Weizen, Gerste und „cervesiam plenam“ – aus genau der Braustätte der Gisela in Grafing. Diese Urkunde stammt aus dem Jahr 1060 und gilt jetzt als Beweis.

Grafing drittälteste Braustätte Bayerns: Frage welches Bier damals gebraut wurde wirft Rätsel auf

Schäfer hatte der Bitte von Schlederer nachgegeben und im Staatsarchiv noch einmal gründlich nachgeforscht. Cervisia kennen die Asterixleser als Bier, aber über die genaue Übersetzung des Zusatzes „plenam“ lasse sich diskutieren, meinte Schäfer. Gemeint sein könnte etwa „Vollbier“, ein etwas stärkeres „Herrenbier“, aber auch eine „ganze Brauladung Bier“, was Einblick gebe auf die Trinkgewohnheiten früherer Priester in Bayern.

Möglicherweise sei dieser Konradus als Geistlicher in Öxing tätig gewesen und wollte im Alter nicht mehr in seine Erdinger Heimat zurückkehren, weil er lieber in Grafing blieb, wo es gutes Bier gab.

Grafing drittälteste Braustätte Bayerns: Bayerisches Bier als geschützte Marke

Der Bayerische Brauerbund ist begeistert über diese Rückdatierung, weshalb Geschäftsführer Walter König zur Präsentation der Urkunde den Weg nach Grafing fand. Der Fachmann hält Schäfers Archivrecherche für beweisfest, das kommt den bayerischen Brauern insofern gelegen, weil sie sich auf europäischer Ebene immer mal wieder wehren müssen gegen Brauereien aus dem Ausland, die mit weißblauem Rautenmuster und dem Schriftzug „Bavaria“ auf ihren Bierdosen gerne in unseren Konsumgefilden zum Wildern gehen.

Bayerisches Bier ist aber inzwischen eine geschützte geografische Angabe „wie Nürnberger Rostbratwurst oder Champagner“. Walter König zur Rückdatierung der Grafinger Braustätte wörtlich: „Solche Belege brauchen wir, um die Sonderstellung des bayerischen Bieres in der Europäischen Union durchsetzen zu können.“

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