Kennerin ihres Sortiments: Rita Deisenrieder-Heine in ihrem Grafinger Traditionsgeschäft.
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Kennerin ihres Sortiments: Rita Deisenrieder-Heine in ihrem Grafinger Traditionsgeschäft.

Inhaberin hört nach 50 Jahren auf: Grafinger Traditionsgeschäft Deisenrieder räumt die Regale

Traditionsgeschäft in Grafing leert die Regale - Inhaberin hört nach 50 Jahren auf

  • Michael Seeholzer
    VonMichael Seeholzer
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Generationen von Kindern hat Lederwaren Deisenrieder mit Schulranzen ausgerüstet - und die Erwachsenen mit Taschen und Koffern. Nun leeren sich die Regale - die Inhaberin hört nach 50 Jahren auf.

Grafing – Hier haben Eltern Schulranzen gekauft, weil sie wiederum von ihren eigenen Eltern damals schon dort zum Schulanfang ausgerüstet wurden. Das Schönste sei immer die Freude in den Augen der Kinder gewesen, sagt Rita Deisenrieder-Heine. Einzelhandel kann Spaß machen, aber er wird auch immer schwieriger. „Es ist ein Riesenproblem mit dem Internet.“

Jetzt ist bei Lederwaren Deisenrieder Räumungsverkauf, der noch bis zum 31. August läuft. Die Grafinger Geschäftsfrau, Jahrgang 1956, hört auf. „Ich gehöre nicht mehr zur Teenager-Generation“, sagt sie. Irgendwann müsse Schluss sein.

Das traditionsreiche Haus am Marktplatz steht unter Denkmalschutz

Der Lederwarenladen gehört zu den Traditionsgeschäften in Grafing. Einen Nachfolger gibt es bisher nicht, die beiden erwachsenen Kinder von Deisenrieder-Heine haben andere Berufe ergriffen. Das Haus, in dem sich das Geschäfts befindet, steht unter Denkmalschutz. „Das ist auch nicht ohne“, sagt die Grafingerin und meint damit den Erhaltungsaufwand. 1964 sei das Gebäude saniert worden, 1995 hat die Geschäftsfrau den Laden von ihrer Mutter Anna übernommen. Im Verkauf ist Rita Deisenrieder-Heine aber schon seit 1971. „Da habe ich mit der Lehre als Einzelhandelskauffrau begonnen.“ 50 Jahre sei das inzwischen her.

Ein halbes Jahrhundert, in dem sich viel geändert hat. Die Corona-Pandemie hat die Geschäftsfrau viele Nerven gekostet. „Mitte Dezember bis Anfang März mussten wir zusperren. Dann durften die Leute nicht wegfahren und haben auch keine Koffer gekauft.“ Veranstaltungen fanden ebenfalls keine statt, weshalb die eine oder andere schicke Tasche im Regal stehen blieb. „Einen Einzelhandel zu führen ist schwierig.“ Bereut hat die Grafingerin ihre Berufswahl nie. „Die Selbstständigkeit, das Organisieren, die Besuche auf den Messen, das alles hat viel Spaß gemacht.“

„Ich will die Leute gut beraten“

Vor allem aber der Kontakt mit den Kindern „wird mir mit Sicherheit fehlen.“ Deisenrieder-Heines Stärke: „Ich will die Leute gut beraten. Man nimmt sich Zeit für den Kunden und der Kunde sollte sich auch Zeit nehmen.“ Das gesamte Service-Paket müsse stimmen.

Zwischendurch betritt eine Frau den Laden. „Ich habe vor fünf Jahren einen Koffer bei Ihnen gekauft und den bekomme ich jetzt nicht mehr auf“, sagt sie. Rita Deisenrieder-Heine nimmt sich des Problems an, probiert es mit der Werkseinstellung und siehe da: Koffer ist auf, Problem ist gelöst. „Meine Philosophie ist die Beratung.“

Service, den es beim Discounter nicht gibt

Auch Flugschäden wurden angenommen und repariert. Das gibt es beim Discounter nicht, aber der habe vergangene Woche ebenfalls Koffer angeboten, berichtet die Geschäftsfrau. Die großen Ketten drängen ins Sortiment, oft mit Billigware. „Ich habe nichts davon, wenn ich einen billigen Geldbeutel verkaufe und nach einer Woche ist er hin.“ Passieren könne aber immer etwas. „Bei einem neuen Mercedes ist auch mal was kaputt.“

Dass der Einzelhandel in Schwierigkeiten ist, ist keine Erscheinung, die sich auf Kleinstädte beschränkt, auch wenn in Grafing derzeit der Leerstand am Marktplatz unübersehbar ist. „In München hören auch tolle alte Geschäfte auf“, weiß Deisenrieder-Heine. Unmittelbar angrenzend an das Lederwarengeschäft in Grafing war früher eine beliebte Gaststätte für junge Leute, das „Canapée“. Jetzt sind dort Büroräume untergebracht.

Wie es mit dem Geschäft und den Räumen weitergeht, ist noch unklar

Das Gebäude heißt bei den alten Grafingern immer noch „Braun-Haus“. Weil da ganz früher ein Schreiner dieses Namens seine Werkstatt hatte.

Taschen, Gürtel, Geldbeutel, Koffer, Schulranzen, Schultüten, Rucksäcke und Einkaufstrolleys: Alle diese Waren und noch mehr sind im Räumungsverkauf reduziert zu haben. Eine Kundin entscheidet sich für einen kleinen, roten Rucksack für ihr Kind. „Der ist praktisch für den Kindergarten.“

Eine Frage wird von den Kunden oft gestellt, die nicht selten schon Jahrzehnte hier im Laden fündig wurden: „Wann schließen sie zu?“ Ende August ist der Räumungsverkauf zu Ende. Wie es mit dem Geschäft oder den Geschäftsräumen dann weitergeht, steht noch nicht fest. „Ich habe mich in der Branche schon mal umgehört“, sagt Deisenrieder-Heine. „Das ist nicht so leicht.“ Aber auch wenn es schwer falle: „Irgendwann muss man halt in Rente gehen.“

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