Rund 70 Menschen machten am Freitag in einem Grafinger Gasthaus ihrem Ärger über die Anti-Corona-Maßnahmen Luft.
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Rund 70 Menschen machten am Freitag in einem Grafinger Gasthaus ihrem Ärger über die Anti-Corona-Maßnahmen Luft.

Veranstaltung sorgt für Fragezeichen

Wenn die Maske fällt: Ein Abend unter Corona-Kritikern in Grafing - Jetzt ermittelt das Amt

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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70 Gegner der aktuellen Schutzmaßnahmen gegen das Coronavirus treffen sich zu einer „Offenen Gesprächsrunde“ in Grafing. Alle sind sich einig. Und dann schaut die Polizei vorbei.

  • In Grafing trafen sich gut 70 Corona-Kritiker zu einer „offenen Gesprächsrunde“.
  • Gegen-Aktivisten mussten an dem Abend draußen bleiben.
  • Kurz vor Schluss schaute dann die Polizei vorbei. Grund: Das vereinbarte Hygienekonzept sei nicht eingehalten worden.

Update 13. Oktober: Nach dem Treffen von rund 70 Corona-Kritikern in Grafing ermittelt das Landratsamt, ob die gesetzlich verpflichtenden Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus eingehalten wurden. Dazu erfolgen nun Anhörungen der Beteiligten. Das teilte die Behörde mit. Vergangenen Freitag hatten Außenstehende die Polizei zu dem Gasthaus gerufen, weil der Verdacht auf Verstöße bestanden habe – im Hinblick auf Maskenpflicht, Namensliste und Mindestabstand. Für Gäste, Veranstalter und Beherberger von Veranstaltungen mit nachweislichen Verstößen gelten Bußgelder von 150 bis 5000 Euro.

9. Oktober, Grafing – Eine Frau, die einen Kaffeefilter auf der Nase balanciert, grinst unter dem braunen Papiertrichter in ihrem Gesicht hervor, als sie in den Saal huscht. Von den Umstehenden gibt es anerkennende Blicke. „Kreative Lösung!“, sagt einer. Der Raum in einem Grafinger Gasthaus füllt sich an diesem Freitagabend. Die an der Tür ausgelegte Kontaktdaten-Liste unter dem Schild, das auf die Maskenpflicht hinweist, lassen die meisten links liegen. Auch die Pflicht zum Mund-Nasen-Schutz abseits des eigenen Sitzplatzes wird, vorsichtig ausgedrückt, liberal gehandhabt.

Corona-Skeptiker unter sich: Gegen-Aktivisten müssen draußen bleiben

Kurz bevor die Veranstaltung beginnt, herrscht kurz Aufregung am Eingang: Eine Handvoll junger Leute ist aus der Dämmerung aufgetaucht, sie tragen Masken mit der Aufschrift „Vermummungsgebot!“, die sie als Sympathisanten der Satirepartei „Die Partei“ erkenntlich machen. Die ist für ihren – oft markigen – Protest gegen Maskengegner und Verschwörungstheoretiker bekannt. „Das ist die Antifa“, sagt die Veranstalterin. Der Einlass wird dem Grüppchen mit Verweis auf eine maximale Teilnehmerzahl von 75 verweigert. Dann schließt sich die Tür und die erste „Offene Gesprächsrunde für Alle“ in Grafing kann beginnen.

Draußen bleiben mussten Gegenaktivisten der Satirepartei „Die Partei“.

„Pandemie ohne Ende?“ und „Corona – lasst uns reden!“: so waren anonyme Handzettel beschriftet und verteilt worden – offenbar hatten die Initiatoren auch über Internet-Chatgruppen eingeladen. Im Vorfeld rätselten die Grafinger bereits in den sozialen Medien, wer hinter der Aktion stecken könnte. „Wir sind Menschen mit Fragen, die sich zusammengefunden haben. Was momentan geschieht, betrifft uns alle“, sagt die Veranstalterin, die sich der Ebersberger Zeitung als „Freiberuflerin und Mutter“ vorstellt, bevor der offizielle Teil des Abends beginnt.

70 Menschen im Saal - Der Hinweis aufs Hygienekonzept löst Kichern aus

Der besteht aus einer Diskussion zwischen Publikum und Expertenpodium. Mit dabei beispielsweise ein Homöopath, eine Heilpraktikerin, ein Steuerberater, aus verschiedenen Orten im Landkreis. Gut 70 Menschen sitzen nun im gut gefüllten Saal, darunter einige bekannte Gesichter aus der Grafinger Lokalpolitik. Maske trägt niemand mehr – mit Ausnahme zweier Pressevertreter, die ihre Stühle in den Frischluft-Zustrom der offenen Hintertür gestellt haben. Auf den Verweis der Gastgeberin aufs Hygienekonzept schallt ein vielstimmiges Kichern aus dem Saal zurück.

Die anschließenden Redebeiträge drehen sich beinahe ausschließlich um die Maskenpflicht und die Angst vor dem Coronavirus. Ob vom Podium oder aus dem Publikum – Schlagworte wie „Angstmache“, „Terrorisierung unserer Kinder“, Fake News“, „Regierungslinie“ „Massenhypnose“ und „vermeintliche Pandemie“ werden zuverlässig mit Klatschen bedacht. „Dumm“, „geistig minderbemittelt“ oder „bösartig“ – das sind die anderen. Eine Besucherin fühlt sich an die Ceausescu-Diktatur in Rumänien erinnert und räumt mit einem Appell gegen den „Schuldkult“ der Deutschen und den Worten „Keine Diktatur hält ewig!“ den Applaus-Preis des Publikums ab.

Thesen um die Corona-Weltverschwörung und tote Kinder wegen der Maskenpflicht

Zwischenzeitlich merkt die Veranstalterin an, dass auch im Landkreis immer wieder Kinder wegen der Maskenpflicht in Ohnmacht fielen; das wisse sie von zuverlässigen Bekannten. Und tote Kinder habe es wegen der Schutzmaßnahme auch schon gegeben. Schade sei übrigens, dass „die Gegenseite“ nicht gekommen sei. Grafings Bürgermeister sei eingeladen gewesen. Er kam nicht.

Den Sinn der „weltweiten Panikmache“ erklärt der Steuerberater* auf dem Podium mit einer globalen Agenda für die Neue Weltordnung, einer Verschwörung der Mächtigen – der Weltgesundheitsorganisation, des jüdischen Milliardärs George Soros und des superreichen Impfstoff-Förderers Bill Gates. Im Publikum: Schweigen – ob zustimmend oder betreten, lässt sich kaum deuten. Applaus wie Widerspruch jedenfalls bleiben auf die Warnung vor der „großen Transformation“ aus. „Wir haben die Wahrheit“, sagt ein Zuschauer kurz darauf.

Presse unter Verdacht: „Jemand aus der Runde hat uns angezeigt!“

Eine Viertelstunde vor dem Ende geht die Saaltür auf und der Wirt platzt in Begleitung zweier Polizistinnen herein. Das vereinbarte Hygienekonzept sei nicht eingehalten, kritisieren er und die Beamtinnen. Als die Veranstalterin für die letzten 15 Minuten Besserung gelobt, zieht die Polizei nach Aufnahme ihrer Personalien wieder ab.

Eine Polizeistreife rückte wegen Sorge um die Umsetzung des Hygienekonzeptes an.

Kurzzeitig gerät die Presse als Tippgeber unter Verdacht. „Jemand aus der Runde hat uns angezeigt!“, sagt die Veranstalterin. Auf Facebook bekennen sich noch am Abend die abgewiesenen Aktivisten der Satirepartei zu dem Anruf in der Inspektion. „Partei ruft Polizei“, heißt es da.

Kontaktdaten: Der Wirt verzweifelt an den Besuchern

Ein positiver Abschluss sei wichtig, sagt ganz am Ende eine Podiumsexpertin – und bittet alle Gäste in den etwas gelichteten Reihen um eine halbe Minute des Schweigens und darum, „an etwas Schönes zu denken“. Als sich die Besucher schließlich in die Grafinger Nacht zerstreuen, hinterlassen sie verzweifelte Wirtsleute, die noch versuchen, möglichst viele Kontaktdaten zusammenzukratzen. Für was für eine Veranstaltung er da seinen Saal vermietet hatte, das betont der Wirt der EZ gegenüber noch am Abend am Telefon, sei ihm zuvor nicht gesagt worden. Die Corona-Kritiker hätten seine Hinweise auf Hygienekonzept und Mindestabstände schlicht unterlaufen.

Der EZ-Kommentar zum Thema: Wilde Thesen in der Echokammer

Alle Informationen zum Coronavirus im Landkreis Ebersberg im EZ-Ticker.

*Diese Äußerungen wurden im Artikel zunächst fälschlicherweise dem homöopatischen Arzt zugeordnet. Die Redaktion bittet, den Fehler zu entschuldigen.

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