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Auf seinen großen Stammbaum ist Max Emanuel Graf von Rechenberg stolz. Er lebt im Schloss Elkofen. 

Tradition als Vollzeitjob

Graf von Grafing fühlt sich dem Adel verpflichtet – und hat deshalb eine 70-Stunden-Woche

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Heute vor 100 Jahren hat der Adel in Deutschland seine Privilegien verloren. Was für die adligen Familien damals ein harter Einschnitt war, ist längst verschmerzt. Doch auch wenn die Nachkommen heute bürgerlich sind, die Verpflichtungen ihrer adligen Ahnen haben sie übernommen.

Unterelkofen – Wer in einem Schloss lebt, darf nicht zimperlich sein. „Im Winter ist es in den Räumen nicht wärmer als 18, 19 Grad“, sagt Max Emanuel Graf von Rechberg. „Meine Frau und meine Tochter hatten damit immer zu kämpfen.“ Seine Vorfahren vermutlich auch. Denn die Familie Rechberg-Rothenlöwen bewohnt das Schloss Elkofen bei Grafing (Kreis Ebersberg) mit Unterbrechung seit 1664. Die Bewirtschaftung von Schloss und 4000 Quadratmeter Grund sei immer teuer und eine Herausforderung gewesen, berichtet von Rechberg. „Aber das Schloss verfallen zu lassen, wäre eine Kulturschande.“ Er sieht es als Pflicht, es irgendwann an die nächste Generation weiterzugeben. Auch wenn das meist 70-Stunden-Wochen bedeutet.

Adel seit 100 Jahren ohne Sonderrechte

Adel verpflichtet – das war vor hunderten von Jahren so. Und daran hat sich nichts geändert. Obwohl heute vor genau 100 Jahren mit Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung die Privilegien des Adelsstandes abgeschafft wurden. Juristisch gibt es seitdem keinen deutschen Adelsstand mehr. Keine Prinzen, keine Grafen, keine Freiherren. Die Adligen wurden 1919 zu bürgerlichen Menschen – man ließ ihnen jedoch das Recht, die alten Titel als Namensbestandteil zu behalten.

„Der Wegfall der Monarchie war für den Adel, als ob man ihm den Boden unter den Füßen wegzieht“, sagt Franz-Josef von der Heydte. Er ist Präsident der Genossenschaft katholischer Edelleute in Bayern. Der Adel schloss sich damals zu diesem Verein zusammen. Mit dem Ziel, das gesellschaftlich-kulturelle Erbe und die Identität des historischen Adels in Bayern zu bewahren. „Unsere Vorfahren wollten den Bedeutungsverlust durch die Genossenschaft auffangen“, erklärt von der Heydte. Eine Strategie hatten sie nicht. „Dafür war der Schock erstmal zu groß.“ Doch ihnen sei schnell klar geworden, dass sie sich nicht schmollend zurückziehen dürfen, sondern mehr denn je Haltung zeigen müssen.

Adelstitel kein Freifahrtschein für Müßiggang mehr

Viele Adlige engagierten sich damals politisch – einige stellten sich hinter die NSDAP, berichtet von der Heydte. „Letztendlich kam der Adel aber in der parlamentarischen Demokratie an.“ Durch die Nähe zum Thron hatten Adlige zuvor eine Vorrangstellung, wenn es um politische Positionen ging. „Diese Zeiten sind lang vorbei“, sagt von der Heydte. „Heute zählt eindeutig die Leistung – nicht der Name.“ Dennoch sei es für den Adel enorm wichtig gewesen, den Namen weitertragen zu dürfen, erklärt er. „Er drückt schließlich Geschichte aus. Das hat auch mit Achtung vor der eigenen Familiengeschichte zu tun.“

Viele Nachkommen der Adligen von früher stehen heute vor derselben gigantischen Aufgabe wie Max Emanuel von Rechberg in Elkofen. „Ein Kulturgut zu erhalten, ist eine Lebensaufgabe“, betont von der Heydte. Aber es gehöre zum Wesen des Adels, solche Verpflichtungen zu übernehmen und Traditionen zu wahren. „Der Adel hat den Wandel von 1919 bewältigt“, resümiert von der Heydte. „Er ist in der pluralistischen Demokratie längst angekommen. Und trotzdem kann er Geschichte leben.“

Graf von Rechenberg engagiert sich politisch

Max Emanuel Graf von Rechberg hat viel mit seinem Großvater über die Abschaffung der Adelsprivilegien vor 100 Jahren gesprochen. „Für ihn war das ein harter Einschnitt“, erzählt er. „Er kam mit der Demokratie nicht zurecht.“ Oft sagte er: „Junge, du musst dich mit der Demokratie auseinandersetzen. Ich habe sie nie verstanden.“ Diesen Ratschlag hat Max Emanuel Graf von Rechberg beherzigt. Er ist seit Jahrzehnten für die CSU in der Kommunalpolitik aktiv. „Heute muss man die Dinge eben anders machen als 1919.“

Sein adliger Familienname ist für ihn nebensächlich. Manchmal bekomme er zum Geburtstag Post von Menschen aus anderen Ländern, die ihm gratulieren wollen – nur weil sie sich mit seiner Familiengeschichte und der des Schlosses befasst haben, erzählt er. Manchmal sei er mit Vorurteilen und Anfeindungen konfrontiert, weil er ein „Graf“ im Namen trägt. Viele Menschen gehen jedoch ganz natürlich mit ihm um, das ist ihm am liebsten. „Als Nachkomme einer Adelsfamilie hat man vielleicht noch etwas mehr die Aufgabe, Vorbild zu sein“, sagt er. Sonst gebe es keinen Unterschied. Das 1000 Jahre alte Schloss, in dem er lebt, hilft ihm, bodenständig zu leben, sagt er. „Es hat so viel Chaos überstanden, so viele Regierungen, Gutes und Schlechtes – und es wird wohl auch in 1000 Jahren noch stehen. Das gibt mir Gelassenheit.“

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Gelegentlich zieht der Adel auch vor Gericht, so wie im Falle von Luitpold Prinz von Bayern: Der Wittelsbacher Prinz kämpft um sein Wappen.

Die Bayern sind noch immer mächtig stolz auf ihren früher herrschenden Adel: Zum 133. Todestag von König Ludwig II. kamen wieder viele zur Gedenkmesse an die Votivkapelle in Berg.

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