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Nach SEK-Einsatz: Aus Grafinger Polizist wird Autor

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Von: Raffael Scherer

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„Die Geschichten sind rein fiktiv, vermitteln aber ein sehr realitätsnahes und authentisches Bild vom Beruf des Polizisten“: Clemens Ertl mit seinem Buch. Jedes Mal, wenn ich die Klingel höre, bekomme ich Herzrasen. Clemens Ertl, Polizist aus Grafing im Krankenstand.
„Die Geschichten sind rein fiktiv, vermitteln aber ein sehr realitätsnahes und authentisches Bild vom Beruf des Polizisten“: Clemens Ertl mit seinem Buch. Jedes Mal, wenn ich die Klingel höre, bekomme ich Herzrasen. Clemens Ertl, Polizist aus Grafing im Krankenstand. © RS

Debütautor Clemens Ertl schreibt in seinem Buch „Blaustich“ über den abwechslungsreichen Alltag der Ordnungshüter.

Grafing – Clemens Ertl wollte schon immer etwas erleben. Schon seit Kindertagen war dem Grafinger deshalb klar: „Nur kein Bürojob von 9 bis 17 Uhr.“ Als er dann mit 20 Jahren seine Ausbildung zum Polizisten begann, wusste er, das ist genau seines: „Man sieht sehr viel, kommt viel herum, und trifft unfassbar viele interessante Leute“, beschreibt der mittlerweile 32-Jährige begeistert den Beruf des Streifenpolizisten.

Doch dann kam der große Knall: 2017 vertippte sich ein Kollege beim Feiern mit ihm und schrieb seiner Freundin: „Die Anderen trinken und tdbzen“. Als dann der Kokain-Skandal in den Reihen der Münchner Polizei verfolgt wurde, interpretierten die Ermittler den Tippfehler als „rotzen“, umgangssprachlich für „koksen“, statt dem vermutlich gemeinten Wort „tanzen“, erklärt Ertl.

SEK-Einsatz in Ertls Heim ohne Ergebnis

Im September 2020 saß der Polizeiobermeister nichts ahnend in der Wohnung seiner Eltern, pensionierte Lehrer in Grafing, als überraschend ein Sondereinsatzkommando (SEK) klingelte und mit einem Dutzend Männern die Wohnung stürmte. „Die haben mir einfach die Maschinenpistole an die Stirn gehalten“, erinnert sich Ertl. „Du weißt, du hast nichts getan und wirst überfallen ohne Grund“, erinnert er sich an seine Überforderung mit der Situation. Die Wohnung wurde bis zur dreckigen Unterwäsche im Keller auf den Kopf gestellt, auch seine zweite Wohnung in München wurde umgekrempelt.

Gefunden hatten die Beamten am Ende: nichts. Auch bei den körperlichen Untersuchungen fanden sie in Ertls Haar-, Urin- und Blutproben keinerlei Hinweise auf Drogen, dem Magazin „Der Spiegel“ versicherte Ertl an Eides statt, dass er noch nie im Leben illegale Drogen konsumiert habe.

Suspendierung bringt Zeit zum Schreiben

Der Grafinger Polizeiobermeister wurde bis zur Einstellung des Verfahrens vom Dienst suspendiert. Ertl, offiziell nun Verkehrspolizist, ist seit dem SEK-Überfall krankgeschrieben wegen Stresssymptomen, Panikattacken und Schlafstörungen: „Jedes Mal, wenn ich die Klingel höre, bekomme ich Herzrasen, ich schlafe meistens gerade einmal zwei Stunden pro Nacht“, so der Grafinger.

Doch die Suspendierung hatte auch etwas Gutes: Ertl hatte Zeit. Immer wieder hatten er und seine Kollegen ihren Freunden und Bekannten von ihren Erlebnissen im Polizeialltag erzählt. Wie surreal laut Ertl manche Situationen beim Hören wirken, welche Ängste, Aufgaben und witzigen oder skurrilen Momente sich ergeben und wie unrealistisch der Polizistenjob in den Medien dargestellt wird, „Stichwort: Eberhofer Krimis“.

Buch bringt „realitätsnahes und authentisches Bild vom Beruf des Polizisten“,

„Aber alle haben es immer nur erzählt, niemand brachte es zu Papier“, stellte Ertl fest. Ihn wunderte es, dass Bücher von Tatortreinigern den Markt überschwemmen, während es Bücher über Einsichten in den realen Polizeialltag quasi gar nicht gibt. Also nutzte Ertl die gewonnene Freizeit und schrieb.

Bei der Ausbildung setzt Ertls Debütroman „Blaustich – Geschichten aus dem Polizeialltag“ ein und begleitet den Leser in der Ich-Perspektive eines fiktiven Polizisten durch zwölf Jahre Polizeierlebnisberichte. „Die Geschichten sind rein fiktiv, vermitteln aber ein sehr realitätsnahes und authentisches Bild vom Beruf des Polizisten“, stellt Ertl klar, schließlich wolle er nicht gegen die Verschwiegenheitspflicht verstoßen.

Von NSU-Prozess bis Kinderleichen: Ertl hat viel erlebt

Nach der realen Ausbildung ging es für Ertl bei der Einsatzhundertschaft los, „quasi die Bereitschaftspolizei von München“, erklärt er. Etwa beim NSU-Prozess samt Demos, dem Hoeneß-Prozess und den Abriss des Camps der abgelehnten Asylbewerber am Rindermarkt 2013, Ertl war überall vor Ort dabei, mitten im Geschehen.

Anfang 2014 kam er dann als Streifenpolizist zur „Polizeiinspektion 14 München-Westend“, wo er allem voran rund um das Hauptbahnhofsviertel im Einsatz war. Auch dort durchlebte der Grafinger dutzende Geschehnisse: Von Festnahmen gewaltbereiter Hooligans bis hin zu Kindern, die tragisch in Häusern verbrannten, betrunkene Wiesnbesucher, die aufs Gleis fielen und von Zügen überrollt wurden oder die ständige Angst, sich bei Durchsuchungen aus Versehen an der Spritze eines HIV positiven Drogenabhängigen anzustecken – der Polizeiobermeister hat viel erlebt.

Blaustich online, in Ebersberg und Grafing erhältlich

Das letzte Zeichen in sein Buch setzte der Grafinger schließlich im September 2021. Parallel war der Autor, der sich selbst als „Nichtleser“ und auch sein Werk als „geeignet für Nichtleser“ bezeichnet, beim österreichischen Verlag Herramhof auf offene Ohren gestoßen. „Die wollten aber, dass ich ein paar Stellen entschärfe“, erinnert sich Ertl. Vor allem Schimpfwörter waren es dem Verlag zu viele, erzählt Ertl mit einem Schulterzucken und lacht.

Im Juni hielt Ertl sein Buch dann schließlich überarbeitet und höchstoffiziell in Händen: „Ein schönes Gefühl“ beschreibt es der 32-Jährige und streichelt den Buchrücken seines Erstlingswerks im Buch-Geschäft Otter in Ebersberg. Das 248 Seiten umfassende Buch ist aktuell für 18 Euro auf www.blaustich.de erhältlich, auf Wunsch auch mit Widmung und Signatur. In geringer Stückzahl ist es ebenso bei Buch Otter in Ebersberg und bei Buch Herzog in Grafing zu kaufen. Große Gewinne verspricht sich Ertl davon keine, die wenigen Umsätze lässt er seinen Eltern als Entschädigung für ihre vom SEK zerrüttete Wohnung zukommen.

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