Bei Dichau/Grafing stürzte vor genau 61 Jahren ein Aufklärungsflugzeug der Bundeswehr ab. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten. Er landete mit seinem Fallschirm bei Oberelkofen.
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Bei Dichau/Grafing stürzte vor genau 61 Jahren ein Aufklärungsflugzeug der Bundeswehr ab. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten. Er landete mit seinem Fallschirm bei Oberelkofen.

Augenzeugen berichten

Der vergessene Flugzeugabsturz von Dichau: Familie mit Riesenglück

  • Josef Ametsbichler
    vonJosef Ametsbichler
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Vor 61 Jahren stürzte über Dichau spektakulär ein Aufklärungsflugzeug der Bundeswehr ab. Damals kam niemand zu Schaden – was an ein Wunder grenzt und der Grund sein dürfte, weshalb sich heute fast niemand mehr an das Unglück erinnert. Die Augenzeugen von damals haben es nicht vergessen.

Dichau – Neben dem Seeschneider Weinfest und unter dem neuen Haushaltsplan für Markt Schwaben schaffte es am 8. August 1959 eine dürre Meldung vom Vortag in die Ebersberger Zeitung: „Düsenjäger in der Luft explodiert“ lautete der Titel. Den Redakteuren von damals hatte es wohl pressiert, denn das Unglück geschah am Freitagnachmittag, als die Druckmaschinen in München bereits hungrig auf die Wochenendausgabe warteten.

Ein Düsenaufklärer der Bundeswehr stürzt nahe Grafing ab

Und die Informationslage war dürftig: Zwei Düsenaufklärer der noch jungen Bundesluftwaffe vom Typ RF-84 F „Thunderflash“, stationiert in Erding, waren auf einem Übungsflug unterwegs. „Plötzlich stach eine Explosionsflamme in die Luft und ein Gegenstand löste sich vom Flugzeug“, schreibt die EZ von damals. Und weiter: „Der Pilot, der die Gefahr rechtzeitig erkannte, trennte sich mithilfe des Schleudersitzes von der Maschine. Der Fallschirm entfaltete sich bald danach und der Pilot konnte glücklich bei Oberelkofen in den Bahnanlagen, dicht vor einem Zuge, landen.“ Die Maschine stürzte über Dichau ab.

Heute erinnert sich in der Gegend kaum mehr jemand an den spektakulären Crash. Der Grafinger Stadtrat Josef Rothmoser aber sagt: „Ich sehe den Flieger heute noch auf uns zukommen.“ Damals war er sieben Jahre alt. Er hat nicht vergessen, wie der Düsenjet über die Eichen und das Feldkreuz an der Straße nach Straußdorf hinwegschoss – so tief, dass die Baumkronen noch jahrelang sichtlich versengt vom Triebwerk blieben. „Wir haben nur noch das Genick eingezogen“, sagt der heute 68-Jährige.

Drei Generationen der Familie Rothmoser haben Riesenglück

Die ganze Familie war mit der Ernte beschäftigt. Und der siebenjährige Josef musste beim Aufstellen der Getreidemandl zusehen, wie am anderen Ende des Feldes drei Rothmoser-Generationen samt Lanz-Bulldog, Bindemäher, Knecht und Pferdefuhrwerk von einem Rauchpilz verschluckt wurden.

Weshalb niemandem etwas passiert ist, kann sich Rothmoser bis heute nicht recht erklären. Die Maschine sei einmal aufgeprallt und habe sich dann in der Hecke am oberen Ende des Feldes mit dem Flügel verhängt und sich „übers Eck gedreht“, erinnert er sich. „Sonst wäre sie voll in das Haus dort.“ Der darin wohnende Pfarrer hatte eine Kaffeegesellschaft geladen. Ein Dutzend Menschen hätte tot sein können. Passiert ist ihnen nichts. Und auch die Feldarbeiter krabbelten unversehrt aus der Rauchwolke heraus, während der Jet auf einer benachbarten Wiese ausbrannte. Am Abend beteten alle gemeinsam in der Kapelle den Rosenkranz.

Der abgestürzte Pilot spaziert wenig später durch Oberelkofen

Auch Franz Bauer aus Grafing-Bahnhof wurde zum Augenzeugen. Der heute 85-Jährige beobachtete damals, wie der Pilot über Elkofen zuerst die Kanzelabdeckung absprengte und dann den Schleudersitz auslöste. Dem Rauch nach, so erzählt es Bauer heute, eilte der Grafinger zur Absturzstelle. Dort sei ein ratloser Militärarzt gestanden. „Wo ist der Pilot?“, habe er in die Runde gefragt. Und Bauer hatte eine Ahnung. Er habe den Arzt ins Auto gepackt und sei Richtung Oberelkofen gefahren. Und tatsächlich sei ihnen dort, kurz vor der Bahnunterführung, der Pilot mit zusammengerafftem Fallschirm entgegenmarschiert. „Der Arzt ist raus aus dem Auto, hat ihn umarmt und ihm zum Zweiten Geburtstag gratuliert“, erinnert sich Bauer.

Die Ebersberger Zeitung vom Montag nach dem Unglück konnte schließlich berichten, dass die Unglücksursache wohl in einem defekten Antriebsaggregat der „Thunderflash“ lag, einer Maschine amerikanischen Fabrikats. Den 23-jährige Unteroffizier am Steuer, der wohl noch in der Pilotenausbildung war, traf demnach keine Schuld. Der Bericht beschreibt, wie kolonnenweise Rettungsfahrzeuge und Militär aus den Basen Erding und Neubiberg eintrafen und das Gelände abriegelten. Übereinstimmend berichten die Augenzeugen, dass auch der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, wohl auf dem Heimweg nach Rott am Inn die Absturzstelle inspizierte.

Bundeswehr und Luftwaffe verweigern jede Auskunft

Bis heute sind es nur die Augenzeugen- und Zeitungsberichte, die Auskunft über das glimpflich ausgegangene Unglück geben. In die Erzählung hat sich irrtümlicherweise eingeschlichen, dass die Unglücksmaschine eine Lockheed F-104 „Starfighter“ gewesen sei, wohl weil diese „Witwenmacher“, wie sie im Volksmund hießen, in den Folgejahren zu Hunderten vom Himmel fielen. Nähere Informationen zu Hergang und Ursache des Aufklärer-Absturz verweigerten auf Anfrage der Ebersberger Zeitung sowohl die Luftwaffe als auch die Bundeswehr und das Bundesverteidigungsministerium. Grundsätzlich äußere man sich zu Flugunglücken nicht.

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